Sammelsurium für freie Geister
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In meiner Eigenschaft als Pädagoge und Kulturvermittler möchte ich
an dieser Stelle immer wieder Zitate, Aufsätze und Gedanken großer Persönlichkeiten zum wichtigsten Thema unserer Zeit, dem Umgang mit Kultur, präsentieren.
"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein. Die großen Probleme dieser Welt können nicht mit derselben Denkweise gelöst werden, mit welcher wir sie verursacht haben." (Albert Einstein)
„Ein Mensch mit sicherem Geschmack, besonders in Stilfragen, ist nämlich weniger anfällig für die primitiven Refrains und rhythmischen Beschwörungsformeln, die jeder Art von politischer Demagogie eigen sind“. (Joseph Brodsky)
- Festrede von Nikolaus Harnoncourt zum Mozartjahr, Salzburg, 28. Jänner 2006.
- Die Rede Friedrich Guldas anlässlich der Verleihung des Beethovenringes.
- Dankesrede v. Henryk M. Broder zum Empfang des Ludwig Börne Preises 2007.
- Route aus dem Religionsrummel (Interview Michael Schmidt-Salomon).
- Die Zehn Angebote des evolutionären Humanismus (Originalfassung).
- Musikalische Früherziehung- Dieses Gerassel ist peinlich.
„Gemischter Satz“- Georg Hoffmann-Ostenhof - Aufstand der Unterschicht.
- Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Keine!
- Nach dem Ende des Neoliberalismus. Jean Ziegler
- Nach dem Bankrott. Ein Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas.
- Michael Kastner: Sparen und Konsumieren.
- Peter Gillmayr: Ein Geiger, der vieles gleichzeitig macht und dabei locker bleibt.
- Volker Pispers - Berufsgruppen die diese Welt nicht braucht
Weil ich meine, Mozarts Symphonie ist die eigentliche Eröffnungsrede, möchte ich Sie vorher begrüßen, meine sehr geehrten Damen und Herren.
Die Symphonie, die wir jetzt spielen werden, wurde als Mittelstück der sicherlich zusammengehörigen drei letzten Symphonien komponiert. Sie stellen offenbar eine Art Weg des Menschen zu einem Ziel dar.
Ausgehend von der Symphonie in Es-Dur, dem Ton der Liebe, aber auch des „feierlichen Ernstes“ – führt Mozart uns in die Abgründe der alles in Frage stellenden g-Moll-Symphonie; – um danach im strahlenden C-Dur der Jupiter-Symphonie alles glücklich aufzulösen und den zuvor verstörten Hörer in Harmonie zu entlassen. Von den mehr als 40 Symphonien Mozarts stehen nur zwei in Moll, beide in g-Moll. – G-Moll wurde damals als Todestonart, auch als Tonart der Traurigkeit bezeichnet und empfunden.
Schon im ersten Thema – das Sie gleich hören werden – gibt es keine einzige direkt angespielte Note, auf jedem Ton liegt eine Appoggiatur, ein Vorschlag von oben oder von unten – so wird das scheinbar Einfachste, ja das Selbstverständliche ungreifbar, es verschwimmt – man hört wie durch welliges Wasser gesehen. – Der 2. Satz beginnt mit dem leicht versteckten Fugenthema der Jupiter-Symphonie, er steht in Es-Dur, als sollten die Alpträume des 1. Satzes weggewischt und so gleichsam eine „Hoffnung auf eine bessere Welt“ herbeigefleht werden.
Wir spielen jetzt die ersten beiden Sätze.
Was ist denn der Inhalt seines Plädoyers? – Es ist die Kunst selbst, es ist die Musik, und wir haben Rechenschaft darüber abzulegen, was wir mit ihr gemacht haben und immer noch machen – und darüber, was wir versäumen und nicht machen.
Die Kunst und mit ihr die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens, sie ist uns geschenkt als Gegengewicht zum Praktischen, zum Nützlichen, zum Verwertbaren. – Es leuchtet mir ein, was manche Philosophen sagen, dass es die Kunst und eben die Musik ist, die den Menschen zum Menschen macht. Sie ist ein unerklärliches Zaubergeschenk, eine magische Sprache.
Die letzten Generationen haben ihr Schwergewicht immer mehr und mehr auf das unmittelbar Verwertbare gelegt, – man meint wohl, die Glückserwartung scheine nur im Materiellen zu liegen: Glück wird mit Wohlstand und Wohlstand mit Besitz gleichgesetzt: Es geht mir besser, je mehr ich besitze. Und diese Einstellung wirkt sich bereits in der Erziehung und in den Lehrplänen der Schulen aus. Nach und nach wird alles Musische verdrängt, alles, was die Phantasie fördert und was unverzichtbar ist – fast müsste man schon sagen: wäre – für ein menschenwürdiges Leben. Heute können hier die meisten Kinder nicht einmal mehr singen, weil sie nie dazu angeleitet wurden – sie wissen nicht, wie man die Töne formt – und sie kennen keine Lieder. Da fängt aber das Musik-Machen, das Musik-Verstehen an, mit drei, vier, fünf Jahren schon. Später überlässt man es sowieso dem Radio und dem Walkman.
Dieses Jahr jetzt mahnt uns in aller Eindringlichkeit, dass unsere Kinder ein Recht auf eine volle Bildung und nicht nur auf Ausbildung haben. – Es ist symptomatisch für unsere Bildungsziele, dass bei den Kontrollmethoden – etwa der Pisa-Studie – die Musik praktisch keine Rolle spielt. Nebenbei bemerkt – die beiden Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die über Bildung und Kultur handeln, Nr. 26 und 27, sind von peinlicher Dürftigkeit. – Wenn zu Rechnen, Schreiben und Lesen nicht die Kunsterziehung gleichgewichtig hinzutritt, wenn das Nützlichkeitsdenken alles beherrscht – und wir sind nahe daran – dann besteht höchste Gefahr, dass der Materialismus und die Raffgier zur götzenhaften Religion unserer Zeit werden.
Ist es nicht schon so weit? Kardinal König sagte vor einigen Jahren „... der Weg Europas hat in eine Sackgasse geführt: Vorrang der Technik vor der Ethik, Primat der Sachwelt vor den Personenwerten...“. Pascal sprach im 17. Jahrhundert von den zwei einander bedingenden Denkweisen des Menschen: er nannte sie das arithmetische Denken und das Denken des Herzens. – Kierkegaard warnte schon um 1840 vor dem drohenden Materialismus, er schrieb: „... man befürchtet im Augenblick nichts mehr, als den totalen Bankrott in Europa...“, übersieht aber „... die weit gefährlichere, anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht“.
Es geht mir jetzt nicht so sehr um eine größere Beachtung der Kunst in ihrem erlauchten Spitzenbereich, es geht darum, dass diese höchsten Formen schließlich ins Leere rufen, wenn niemand mehr die Sprache versteht. Die Musik ist ja keineswegs die abgehobene Geheimsprache einer arroganten, selbstbewussten und privilegierten Minderheit, nein, jeder kann ihre Botschaft mitbekommen, kann teilnehmen an ihren Reichtümern, wenn die Antennen von klein auf richtig eingestellt werden.
Da die Kunst im Bereich der Phantasie zuhause ist, hat sie etwas Rätselhaftes, nicht Erklärbares, – ihre unsichtbare Macht ist gewaltig und gefährlich, ihre Wirkung subversiv. Deshalb haben Machthaber immer wieder versucht, sich ihrer zu bedienen. Ohne Erfolg, denn Kunst ist stets oppositionell und souverän, sie lässt sich weder zähmen, noch einverleiben. Sie ist eine Sprache des Unsagbaren – die aber manchen letzten Wahrheiten wohl eher nahe kommt als die Sprache der Worte, der Verständigung mit ihrer Logik, mit ihrer Eindeutigkeit, ihrem schrecklichen: Ja oder Nein.
Die Rolle, die wir der Kunst zubilligen ist vielfach, sie uns dienstbar zu machen, sie zu zähmen, aber auch uns mit ihr zu brüsten. In unserem schönen, geförderten Musikleben sollen die Menschen nach aufreibender Arbeit Freude und Erholung finden – sollen wieder Kraft finden für den Alltagsstress. (Die Nazis nannten das „Kraft durch Freude“– mit ähnlicher Begründung wie bei den Menschenrechtsartikeln).
Ein gefährlicher Schritt im langen und illegalen Prozess, Kunst „nutzbar“ zu machen.
Die Musik der großen Komponisten hat diesen Trend fast nie bedient, sie war schon immer viel mehr: nämlich sensible Reaktion auf die geistige Situation der Zeit – sie war und ist ein Spiegel, der den Hörer sich selbst zu erkennen half, der ihn auch in Abgründe blicken ließ: als man Mozarts g-Moll-Symphonie zum ersten Mal hörte, wurde gefragt, ob derartige Erschütterungen zulässig seien. Diese Symphonie ging ja für die Menschen damals bis in die Extreme der musikalischen Sprache. Der Züricher Musikästhetiker und Kulturphilosoph Hans Georg Nägeli (1773-1836) bezweifelte – wie manche seiner Zeitgenossen – ob derartiges noch zulässig und zumutbar sei – damals ist wohl keiner beruhigt nach Hause gegangen.
Durch die Kunst werden wir ja zu Erkenntnissen geführt, oft geradezu gestoßen: sie ist der Spiegel in den wir schauen müssen. Um dem zu entkommen, hat man eine bloß ästhetisierende, manche sagen „kulinarische“ Art, mit Kunst umzugehen angenommen: Man hört „schöne“ Musik, man sieht „schöne“ Bilder – aber man lässt sich lieber nicht von ihr erschüttern, oder gar umkrempeln.
Als junger Orchestermusiker vor 50 Jahren mußte ich die g-Moll-Symphonie (Mozarts) jährlich oft und oft spielen – damals immer lieb und hübsch, die Zuhörer wiegten selig ihre Köpfe, man sprach nachher von „Mozart-Glück“.– Die Partitur auf meinem Pult aber sagte anderes: wie hier alles in Frage gestellt, ja geradezu zerstört wird: die Melodie – die Harmonie – der Rhythmus. Nichts ist so, wie es korrekterweise sein müsste, außer vielleicht das romantische Trio des Menuetts. – Es kann schon sein, dass man damals, nach dem Krieg, die ausstrahlende Harmonie, das rein Beglückende gebraucht hat – die Kehrseite der Medaille hatte man ja grausam erlebt. So kehrten praktisch alle Mozart-Interpretationen damals das Helle, Positive hervor und unterdrückten das Erschütternde.
Diese „Symphonie“ wurde zu meiner persönlichen Schicksalssymphonie, sie hat mein Leben nachhaltig verändert, da ich sie eines Tages, nach 17 Jahren als Orchestercellist, so nicht ein einziges Mal mehr spielen wollte, ich verließ das Orchester...
Man kann in dieser Symphonie auch ein großes Beispiel sehen, ähnlich vielen Werken der Literatur und der bildenden Kunst: – wie weit darf, soll oder muss Kunst gehen – aber auch: was kann und muss der Hörer zu ertragen bereit sein. Mozart ist immer wieder an diese Schmerzgrenze gegangen.
Wie fast alle großen Künstler bleibt Mozart als Person rätselhaft, ja geradezu unheimlich. Man meint, alles über ihn zu wissen – sein Leben ist ja bestens dokumentiert – aber wenn man etwas über ihn sagen will, bemerkt man, dass man ihn überhaupt nicht kennt.
Unser geschichtliches oder biographisches „Wissen“, ganz allgemein gesprochen, ist ja kein Wissen – wir erwerben es indirekt und meinen, Augenzeugen zu sein.
Wir nehmen die Bilder – etwa des Fernsehens – als Fakten, wir glauben, dabei gewesen zu sein, haben aber nichts gespürt auf unserer Haut und in unseren Herzen. Die Bilder sind Bilder – aber die Wirklichkeit ist nur vorgetäuscht, sie war ganz anders.
Wir werden die Wahrheit über Mozart nie erfahren, – es ist unser selbstgemachtes Bild, das wir dafür halten. Nur das Werk birgt die Wahrheit. Den Menschen zu verstehen scheint unmöglich – so gelangen wir, wie bei vielen Künstlern, zu einer Art Doppelgängersicht. Als gäbe es zwei Mozart: das spielende Kind, den heiteren, extrovertierten jungen Mann, von dem seine Freunde sagten, er sei niemals mürrisch gewesen; der von Jugend an seine Briefe in einem geschliffenen Stil schrieb; gebildet, schlagfertig und sicher. Den Mozart der Biographien, mit seinen finanziellen, familiären und künstlerischen Krisen; war er reich oder arm? – zerkracht mit seinem Vater oder in liebevoller Harmonie? – war er künstlerisch gescheitert nach dem Wiener Misserfolg von „Le Nozze di Figaro“?– Ich glaube kein Wort davon, denn wie Oswald Spengler sagt: „Natur soll man wissenschaftlich traktieren, über Geschichte soll man dichten“ – und das tat man über die Maßen. – Aber der andere Mozart ist der Eigentliche, ist ungreifbar und unbegreifbar, er entzieht sich jeder Beurteilung. Wenn wir ihn erfassen wollen, müssen wir beschämt erkennen, dass unsere Elle nicht in sein Maßsystem passt – er kommt von einem anderen Stern. Er lebt nur durch sein Werk: Ernsthaft in jedem Augenblick, auch im Witz beklemmend: der „Musikalische Spaß“, ein ebenso dunkles Stück wie die gespenstische Lach-Arie in „Zaide“.
Was muss das für ein Schock gewesen sein im Hause Mozart, als der Vater im Kleinkind das Genie erkannte: man meint ein herziges, gescheites Kind zu haben und sieht unvermittelt – ein Krokodil. Ein Genie wie Mozart wird nicht, das ist – paff – wie ein Meteor aus dem Universum. Kein spielendes Kind, eher ein spielender Erwachsener.
Es ist in der menschlichen Gesellschaft nicht vorgesehen, ein Genie großzuziehen, dafür gibt es keine Vorbilder. So ein dämonisches Wesen okkupiert selbstverständlich seine Umgebung, man kann es nicht „erziehen“, es ist ein geliebter und zugleich beängstigender Hausgenosse. – Von seinen ersten musikalischen Äußerungen an ist Mozarts Weg als Künstler von einer Unbeirrbarkeit, von einer atemberaubenden Sicherheit – genau konträr zu seinem äußerlichen Lebensweg.
Schon als Kind komponierte er Werke, deren emotionaler Inhalt weit über das hinaus geht, was er erlebt und erfahren haben konnte. So können wir von dem Jüngling, der er immer war und blieb, die letzten und tiefsten Geheimnisse von Liebe und Tod, von Tragik, Schuld und Glück erfahren.
Er zwingt uns, in seelische Abgründe zu schauen und kurz darauf in den Himmel; vielleicht ein Griffel in der Hand Gottes.
(am 15.Juni 1969 wird F.Gulda der Ehrenring des 3.Wiener Beethovenwettbewerbs verliehen. Mit seiner anschließenden provokant-kritischen “Dankesrede“ entfacht er einen in der Geschichte der Wiener Musikakademie einmaligen Skandal und gibt den Ring fünf Tage später wieder zurück.)
Sehr geehrter Präsident, geschätztes Komitee, meine Damen und Herren, liebe musikalische Jugend!
Vor einigen Wochen erhielt ich die schriftliche Mitteilung des Komitees des „Internationalen Beethoven- Wettbewerbs“ der Staatsakademie Wien, dass ich anlässlich der Schlussveranstaltung des Bewerbes mit dem Beethovenring ausgezeichnet werden sollte. Dieses Schreiben löste bei mir sofort eine Art Gewissenskonflikt aus. Der Grund, warum ich mich schließlich entschlossen habe, hierher zu kommen, ist, die Gelegenheit wahrzunehmen, Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, vor allem aber der hier versammelten musikstudentischen Jugend, einige Gedankengänge zu erklären, die mich in diesem Zusammenhang besonders bewegen.
Ich halte nämlich ein so durch und durch konservatives Institut wie die Wiener Staatsakademie eigentlich nicht für berechtigt, eine Auszeichnung zu vergeben, die den Namen eines der größten Revolutionäre der Musikgeschichte trägt. Erzieht die Staatsakademie Euch, ihre Studenten, zu wahren Nachfolgern des musikalischen Rebellen und Neuerers Beethoven? Sicher nicht; sie leitet Euch im Gegenteil zu zahmem Nachbeten an. Die Botschaft Beethovens an Euch aber lautet: „Ich war ein musikalischer Revolutionär, werdet wie ich!“ Stattdessen aber werdet ihr zu fügsamen Musikbeamten erzogen. Die Akademie handelt auch nicht in Beethovens Sinne, wenn sie dafür sorgt, dass Euer musikalischer Blick nicht über die musikalische Heimatkunde hinaus zur musikalischen Geografie der Welt vorstößt. Sie vergeht sich damit an der Botschaft „Seid umschlungen, Millionen!“ Damit will ich sagen, dass nur die Musik unserer engeren Heimat gelehrt wird, nicht aber die der ganzen Welt, wie es einer wahren Hochschule für Musik zukäme.
Die Akademie belastet Euch im Fach „Musikgeschichte“ mit den Geburts- und Sterbedaten völlig unwichtiger Barock- und Renaissancekomponisten, anstatt Euch zu sagen, worin die wahre musikalische Kraft des Barock- und Renaissancezeitalters gelegen hat: nämlich in der ungeheuren Verbreitung der aus spontaner Begeisterung geborenen musikalischen Improvisation. Sie redet Euch ein, dass das Abspielen von vorgeschriebenen Noten eine größere musikalische Leistung sei, als die schöpferisch- improvisatorische Eigenbetätigung. So erzieht Euch die Akademie zu einer herablassenden und abschätzigen Haltung jenen Musikern gegenüber, die die gegenteilige Ansicht vertreten- besonders dann, wenn sie es wagen, diese auch zu praktizieren- wie zum Beispiel auch ich selbst.
„Aber im Gegenteil“, höre ich einwenden, „Wir schätzen Sie sehr, Herr Gulda; wie schätzen Sie sogar so sehr, dass wir Ihnen den Beethovenring verleihen! Schließlich haben Sie doch auch die Akademie absolviert und einen Wettbewerb gewonnen etc.“
Darauf ist zu antworten: Der Empfänger dieser Ehrung war und ist vielleicht nicht ganz der Unrichtige, aber aus den falschen Gründen ist ihm diese Ehrung zugedacht. Wenn er- innerlich- etwas geworden ist, so wurde er es nicht durch Akademie und Wettbewerbs, sondern trotz dieser.
Ich habe den Eindruck, dass man mich durch die Verleihung des Beethovenringes dazu verhalten will, mich mit den erwähnten Missständen, welche meiner Ansicht nach allesamt einen Verrat an der revolutionären Botschaft Beethovens darstellen, solidarisch zu erklären und diese zu sanktionieren. Nun bin ich zwar auch nur ein Mensch und gewissen Verführungen und Bestechungen zugänglich (wie wir alle)- jedoch nicht, wenn es sich um so ernste Dinge wie die musikalische Erziehung handelt.
Ich könnte Ihnen, meine jungen Freunde- wenn ich so sagen darf- , jetzt und hier ein Minimalprogramm zur Reform des Studienganges an der Staatsakademie für Musik in Wien skizzieren. Dieses Minimalprogramm müsste als wichtigste Punkte enthalten:
1. Die Erweiterung der musikalischen Studien, und zwar in der Form, dass sie nicht nur das Studium unserer europäischen Musik, sondern auch das Studium zumindest der wichtigsten außereuropäischen Praktiken einschließen (z.B. Jazzmusik, indische Musik etc.), kurz gesagt, die Erweiterung der musikalischen Heimatkunde zur musikalischen Geografie. Auf jeder Mittelschule werden Fremdsprachen gelehrt, nur die Hochschule für Musik beschränkt sich auf die Muttersprache.
2. Das intensive Studium der Improvisationspraktiken unserer eigenen musikalischen Vergangenheit unter geeigneten Lehrern. Diese dürften allerdings sehr schwer zu finden sein, da ein bloßes Theoretisieren gerade in dieser Sparte absolut wertlos wäre.
3. Die Reform des Faches Musikgeschichte im vorher erwähnten Sinn.
4. Nicht zuletzt ein paritätisches Mitspracherecht der Studenten bei allen akademischen Entscheidungen, insbesondere, was den Lehrplan betrifft.
Ich sagte, ich könnte Ihnen dieses Minimalprogramm weiter ausführen, wenn mich nicht eine tiefe Skepsis davon abhielte. Diese Skepsis hat mit meiner Überzeugung zu tun, dass im allerstrengsten Sinn, auch mit einer noch so gutwilligen Reformfreudigkeit (von der die Staatsakademie für Musik ohnehin weit entfernt ist) nichts erreicht wäre (ich sage, im allerstrengsten Sinn nichts erreicht wäre) und zwar deshalb, weil jeder revolutionäre Gedanke, sobald er sich in einer Institution niederschlägt, sobald er sich institutionalisiert, eben durch den Akt der Institutionalisierung schon konservativ, oder, wenn sie wollen, reaktionär wird.
Das, was Beethoven ausmacht, was ihn zum Vorbild macht, kann man auf keiner herkömmlichen Schule lernen. Sicherlich, auch er hatte Lehrer, zuerst Neefe, dann- glaube ich- Albrechtsberger, auch Haydn; dass er aber gerade dem größten von Ihnen, nämlich Haydn, nach kurzer Zeit davonlief, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Problematik jedes formellen musikalischen Unterrichts.. Die Frage lautet: „Wollt Ihr die Reform der Schule, oder wollt Ihr ... das Andere, das Richtige,, das Wahre?“- Meine eigene Skepsis bezüglich Reform habe ich Euch dargelegt, doch möchte ich die Entscheidung über diese wichtige Frage gerne Euren internen Diskussionen überlassen. Über eines jedoch sollten wir uns einig sein: dass wir den Auftrag Beethovens nur dann erfüllen, wenn wir dem musikalischen Fortwursteln, wie es leider hierzulande (und nicht nur hierzulande) praktiziert und gelehrt wird, eine radikale Absage erteilen.
Ich wiederhole abschließend, dass ich mich mit der Annahme dieses Ringes in keiner Weise mit den kritisierten Missständen identifizieren mag. Sollte das Komitee zu dem Schluss kommen, dass unter diesen Umständen der Ring einem Würdigeren, beziehungsweise Genehmeren zu verleihen sei- wobei nichts gegen die anderen Träger des Beethovenringes, nämlich des altehrwürdigen Wilhelm Backhaus und die einzigartigen Wiener Philharmoniker gesagt sein soll- so bin ich gerne bereit, ihn jederzeit zurückzugeben. Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Präsident, und das Komitee, hierüber baldmöglichst zu beschließen. Meinen jungen Freunden aber, speziell den Preisträgern, möchte ich ans Herz legen, sich mit den von mir angedeuteten Gedanken ernsthaft zu beschäftigen und zu versuchen, sich des großen Auftrages Beethovens würdig zu erweisen.
Ich danke Ihnen, dass sie heute hergekommen sind, um mit mir zu feiern. Wie Sie sich denken können, ist die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an mich nur ein kleiner Schritt vorwärts für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich in Richtung der Hall of Fame der großen Geister. Ich sage das in aller Unbescheidenheit und im vollen Bewusstsein, dass es zum guten Ton und zum Ritual solcher Feiern gehört, sich verwundert und überrascht zu zeigen, dass es nicht einen anderen erwischt hat, einen, der es viel mehr verdient hätte. Sogar Kardinal Ratzinger hatte vor seiner Wahl zum Papst den Allmächtigen angefleht, er möge den Kelch an ihm vorbeigehen lassen. Nein, ich finde, Helmut Markwort hat die richtige Wahl getroffen. Je länger ich darüber nachdachte, worüber ich heute reden sollte, umso klarer wurde mir, dass es umso besser wäre, je weniger ich sagen würde. Ich könnte, wie vor kurzem beim Münchener Amtsgericht, vor sie hintreten, ein paar Angaben zur Person machen, ansonsten die Aussage verweigern und den Rest meinen Anwälten überlassen, die heute hergekommen sind, um mich vor Dummheiten zu bewahren. Grüß Gott, Herr Gelbart; schön, dass Sie da sind, Herr Hegemann. Aber das wäre langweilig, und Dummheiten zu begehen macht viel mehr Spaß, als Dummheiten aus dem Weg zu gehen. Und deswegen möchte ich doch die Gelegenheit nutzen und etwas sagen, auch auf die Gefahr hin, mir eine Blöße zu geben und unsouverän zu erscheinen. Ich werde in zwei Monaten einundsechzig. Ich kam vor fünfzig Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland, ich schreibe seit vierzig Jahren. Ich bin ein Bundesbürger mit Migrationshintergrund, ein Beutedeutscher. Meine Eltern haben den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überlebt; als ich 1990 nach Berlin kam, war die Mauer schon gefallen, die Glienicker Brücke frei begehbar und der Potsdamer Platz noch eine Brache. Ich weiß, ich bin ein Glückskind. Ich habe noch jeden Charterflug überlebt, letztes Jahr einen Bestseller geschrieben und eine Tochter, die soeben das Abitur gemacht hat - mit einer Note, die mich an meiner Vaterschaft zweifeln lässt. Und doch verspüre ich immer öfter ein leises Unbehagen, sobald ich mein Arbeitszimmer verlasse und mich in die Welt begebe, und sei es nur zum Zeitunglesen ins Café Einstein. Es ist kein Katzenjammer, der aus dem Überfluss resultiert, kein Weltschmerz, der sich sich selbst genügt, es ist das Gefühl: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Von Oskar Panizza stammt der Satz: Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft. Und diese Art von irrer Vernunft scheint allgegenwärtig. Wie finden Sie es, dass der Umweltminister Siegmar Gabriel demonstrativ Bahn fährt - nur um seinen Fahrer samt Dienstwagen zum Einsatzort nachreisen zu lassen? So kreuzen der Minister und sein Dienstwagen kreuz und quer durch die Republik, jeder für sich und doch vereint in dem Bemühen, die Umwelt zu schonen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Und keiner lacht. Ist es nicht seltsam, mit welcher Heftigkeit das Für und Wider der neuen Frisur von Ursula von der Leyen debattiert wurde? Und wenn man die Diskussionen um die Nachfolge von Sabine Christiansen und Anne Will verfolgte, musste man zu dem Schluss kommen, dass es nicht um die Besetzung zweier Fernsehsendungen, sondern eine Neuregelung der Erbfolge im Hause Habsburg ging. Ich versuche zu verstehen, warum eine Raketenabfanganlage, die von den Amerikanern in Tschechien gebaut werden soll, den Menschen Angst macht und die Politiker von einer Wiederbelebung des Kalten Krieges phantasieren lässt, während die Tatsache, dass Iran sich zur Atommacht erklärt hat, so gelassen wie ein unvermeidliches Naturereignis hingenommen wird. Es gab keinen Aufschrei der Empörung, als der Direktor des Hamburger Orient-Instituts vor kurzem erklärte, falls Iran wirklich nach Atomwaffen strebe, dann nur deshalb, um mit dem Westen auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können. Teheran gehe es darum, endlich respektiert zu werden. Europa müsse keine Angst haben, sagte der bekannte Nahost-Experte, Europa wäre “sicher das letzte Ziel, das Iran einfallen würde, falls es wirklich aggressive Absichten verfolgen sollte”. Eine Atommacht Iran wäre nur “für seine Nachbarn” ein Problem, “für eine säkulare Türkei und natürlich für Israel”, aber Europa, das gute alte Europa, müsse sich “von Iran in keiner Weise bedroht fühlen”. Vermutlich geht der Mann davon aus, im Falle eines iranischen Atomangriffs auf die Türkei oder auf Israel würde sein Orient-Institut vom atomaren Fallout verschont bleiben, weil er immer so nett und respektvoll über die Mullahs und deren Politik gesprochen hat. Diese Art von Entgegenkommen scheint effektiver und preiswerter zu sein als jeder Raketenschutzschild. Alternativ dazu könnte man auch den Experten selbst als Abwehrwaffe aufbauen, auf einem freien Feld irgendwo in der Lüneburger Heide oder in der Mark Brandenburg, wo er sich dann mit weit ausgebreiteten Armen den anfliegenden iranischen Raketen entgegenstellen und rufen würde: “Verschont uns! Wir sind die Guten!” Das sind die Momente, in denen ich mich wirklich frage: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Und wenn es dann auch noch heißt, das Existenzrecht Israels sei nicht verhandelbar, es stehe nicht zur Disposition, höre ich aus solchen Zusicherungen das Gegenteil heraus. Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Nachbar Ihnen jeden Tag versichern würde, er habe nicht vor, Sie umzubringen, Ihre Frau zu vergewaltigen und hinterher Ihr Haus abzufackeln? Die meisten von Ihnen würden das Problem vermutlich ignorieren, einige besonders Mutige würden den Nachbarn zu einem therapeutischen Gespräch einladen, sich von seiner schweren Kindheit berichten lassen und ihn davon zu überzeugen versuchen, dass man mit Gewalt keine Probleme lösen könne. Und genau das ist es, was derzeit in Europa passiert. Alle wissen, es gibt ein Problem. Keiner weiß, wie man es lösen könnte. Also wird es entweder ignoriert, oder man sucht nach einem therapeutischen Ansatz, um wenigstens etwas Zeit zu gewinnen. Der Mann in Teheran, der sich eine “World without Zionism” wünscht, der den letzten Holocaust leugnet und den nächsten plant, der sei doch nur ein Angeber und Wichtigtuer, ein Verbalradikaler, der sich mit markigen Sprüchen gegen seine Konkurrenten daheim zu profilieren versuche. Er meine es nicht so, und falls er doch an einer Atombombe baue, werde diese frühestens in drei bis fünf Jahren fertig sein. Kein Grund also, beunruhigt zu sein, zumal im schlimmsten aller Fälle es nur die säkulare Türkei und “natürlich Israel” erwischen würde. Ich hatte es mir vorgenommen, heute ausnahmsweise nichts zur Appeasement-Politik der Europäer gegenüber dem neuen Totalitarismus zu sagen, der die Tradition des Faschismus und Kommunismus aufnimmt, um sie diplomatisch und technologisch weiterzuentwickeln. Ich mag mich nicht wiederholen. Freilich: Wir haben es immer wieder mit derselben Situation zu tun: Dem Tatendrang der einen Seite, die sich als der bewaffnete Arm Gottes versteht, steht das hilflose “Nie wieder!"- und “Wehret den Anfängen!"-Gestammel der anderen Seite gegenüber, die nicht gemerkt hat oder nicht merken will, dass die Anfänge schon lange vorbei sind. Das Engagierteste, das man von ihr erwarten kann, ist das alljährliche Gedenken an die Befreiung von Auschwitz, denn nicht nur in Deutschland, in ganz Europa wird der Kampf gegen die Nazis umso heftiger geführt, je länger das Dritte Reich tot ist. Wenn sich aber ein deutscher Angler in Grenzgewässern versegelt und anschließend zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt wird oder fünfzehn britische Soldaten festgenommen und der Welt als Spione vorgeführt werden, dann macht sich Ratlosigkeit breit; man möchte den Dialog mit dem despotischen Regime nicht gefährden und auf keinen Fall mit Sanktionen drohen, denn das würde die Lage nur verschlimmern. Einer der britischen Soldaten brachte die Situation nach seiner Freilassung und Heimkehr auf den Punkt. Er sagte: Fighting was no option. Wozu wird dann einer Soldat, wenn Kämpfen keine Option ist? “Fighting is no option” wäre ein schönes Motto für die europäische Verfassung, man sollte den Satz auch auf alle Euroscheine drucken. Aber ich will heute nicht granteln und nicht zürnen, mich nicht über den Verfall der Werte und die Volksmusikabende im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufregen. Ich will mich am liebsten überhaupt nicht mehr aufregen. Ich finde die vielen hauptamtlichen Aufreger nur noch lächerlich. Sie sitzen bei Christiansen, bei Illner oder im Presseclub und geben Sätze von sich, die sich so anhören wie ein rostiges Gartentor, das man vor zehn Jahren zuletzt geölt hat. Vor die Wahl zwischen Depression und Aggression gestellt, habe ich mich immer für die Aggression entschieden. Das erschien mir bekömmlicher. Inzwischen freilich suche ich nach einem dritten Weg, nicht weil ich weiser, sondern weil ich müder geworden bin. Irgendwann fiel mir auf, dass mein Blick öfter von Anzeigen für Seniorenresidenzen und den Treppenlift von Lifta als von der Werbung für Dessous von Victoria’s Secret angezogen wird. Ich bin darüber so erschrocken, dass ich mich inzwischen dazu zwinge, Berichte über das Liebesleben der Jungs von Tokio Hotel zu lesen, um den Anschluss an die Moderne nicht zu verlieren. Aber diese Strategie der Ablenkung kostet Kraft, und sie funktioniert nur bedingt. Denn allen guten Vorsätzen zum Trotz rege ich mich immer noch auf, öfter und heftiger, als ich es möchte. Um am Ende immer wieder bei der Frage zu landen: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Ist es wirklich wahr, oder habe ich es mir nur eingebildet, dass der Intendant eines Berliner Theaters über die Killer, die unter dem Markenlogo RAF anderer Menschen Blut vergossen haben, sagt, sie seien “keine gewöhnlichen Mörder” gewesen, “die töteten, um sich zu bereichern”, sondern fehlgeleitete Idealisten ohne materielle Interessen, die “etwas gegen die Ermordung von Hunderttausenden von Kindern und Frauen” in Vietnam unternehmen wollten? Abgesehen davon, dass auf dem Höhepunkt der RAF-Aktionen der Vietnamkrieg schon vorbei war, müsste nach einem solchen Satz die Erde beben - so lange, bis der Intendant vom eigenen Orchestergraben verschluckt wird. Kann es wirklich sein, dass der rechtskräftig verurteilte Mörder eines elfjährigen Kindes mit einer Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Erfolg hat, weil seine Menschenrechte durch die Androhung körperlicher Schmerzen beim polizeilichen Verhör verletzt wurden? Er habe, berichtete der Anwalt der Mörders, “ergriffen und tief berührt” auf die gute Nachricht aus Straßburg reagiert, dass der Gerichtshof seine Beschwerde zur Entscheidung angenommen habe. Und wenn das Verfahren aufgerollt wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass es mit einem Freispruch beendet wird, weil die Regeln eines fairen Verfahrens verletzt wurden. Ich weiß, auch ein Mörder hat einen Anspruch auf einen Prozess nach den Regeln der Strafprozessordnung, aber ein elfjähriges Kind, dessen Recht auf Leben missachtet wurde, hat einen Anspruch darauf, dass der Mörder nicht zum Opfer seiner eigenen Tat stilisiert wird. Theoretisch sind das alles Selbstverständlichkeiten, über die man eigentlich nicht reden müsste.
Dass es praktisch keine Selbstverständlichkeiten sind, hat damit zu tun, dass der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt und durch drei Untugenden ersetzt wurde: Äquidistanz, Relativismus und Toleranz.
Ja, sie haben sich nicht verhört: ich sagte Toleranz. Toleranz war das Gebot der Zeit, als Lessing seinen Nathan in eine Welt setzte, die vertikal organisiert war. Die einen waren oben und die anderen waren unten, und dazwischen war wenig. Aber in horizontal organisierten Gesellschaften, in denen es kein Oben und kein Unten, sondern ein breites Spektrum an homogenisierten Angeboten gibt, unter denen man wählen kann, in horizontal organisierten Gesellschaften kommt das Toleranzgebot nicht den schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.
Wir werden täglich aufgerufen, für alle möglichen Fundamentalismen und Fanatismen Verständnis zu haben und Toleranz zu praktizieren, Vorleistungen zu erbringen, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ein deutscher Nobelpreisträger hat den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als GoodwillGeste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäußert, könnte ihn sein Leben kosten. So wie es einen afghanischen Muslim fast das Leben kostete, als er zum Christentum konvertierte. Er entging der Todesstrafe nur dadurch, dass er für verrückt erklärt wurde, nachdem sich Politiker von Angela Merkel bis Kofi Annan seiner angenommen hatten. Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken. Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang, der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird. Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden. Der darf “Ehrenmorde” und andere Kleinigkeiten nicht mit dem “kulturellen Hintergrund” der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und gleichwertig sind. Wer sich zur selektiven Intoleranz bekennt, der wird auch darauf achten, nicht in die Falle der Äquidistanz und des Relativismus zu tappen. Inzwischen kann man auf jeder Tupperware-Party Punkte sammeln, wenn man nur erklärt, George Bush und Usama Bin Ladin seien aus demselben Holz geschnitzt, die Zahl der Menschen, die bei Terroranschlägen ums Leben kommen, sei viel kleiner als die Zahl der Verkehrstoten, und die christlichen Kreuzfahrer hätten viel mehr Blut vergossen als die islamischen Terroristen heute. So kann man sich aus der Wirklichkeit schleichen, aber man entkommt ihr nicht. Ich wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe ihre Anerkennung als Alternative zur vegetarischen Lebensweise fordern würde, zeichnen sich doch beide durch eine gewisse Einseitigkeit aus. Vor kurzem hat ein Berliner Verwaltungsgericht zugunsten einer politischen Gruppe entschieden, die zu einer Anti-Kriegs-Demonstration aufgerufen hatte. Der Berliner Polizeipräsident hatte den Veranstaltern untersagt, bei der Demo Fahnen und andere Symbole der Hizbullah zu führen. Die Demonstranten aber fühlten sich eines Grundrechts beraubt und riefen das Gericht an. Das entschied, die Hizbullah sei Partei in einem bewaffneten Konflikt, bei dem man sowohl die eine wie die andere Seite unterstützen könne. Und so werden die Kinder und Enkel der Judenmörder von gestern demnächst unter der Fahne der Judenmörder von morgen für eine gerechte Endlösung der Nahost-Frage demonstrieren. Womit ich wieder bei der Mutter aller Fragen wäre: Bin ich verrückt, weil ich so etwas absurd und obszön finde, oder sind es die anderen, die nichts dabei finden? Habe ich ein Wahrnehmungsproblem oder der Präsident des Frankfurter Landgerichts, der mich wegen Beleidigung angezeigt hat, weil ich mir erlaubt habe, darauf hinzuweisen, die Richter der Bundesrepublik seien “die Erben der Firma Freisler”? Offenbar habe ich etwas übersehen. Die Bundesbahn ist die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die Bundeswehr ist die Rechtsnachfolgerin der Reichswehr und der Wehrmacht, die ganze Republik trägt schwer am Erbe des Dritten Reiches. Nur die Wiege der bundesdeutschen Justiz stand ganz allein in einer Suppenküche der Heilsarmee, wo sonst. Ich bin mir durchaus der Absurdität des Augenblicks bewusst. Ich bekomme einen Preis, der nach einem Juden benannt ist, der an Deutschland gelitten hat. An Deutschland zu leiden scheint überhaupt eine sehr jüdische Tugend zu sein: von Börne und Heine über Jakob Wassermann zu Wolf Biermann und Marcel Reich-Ranicki. Ich möchte mich dieser Tradition gerne verweigern. Wenn ich schon leiden muss, dann nicht an Deutschland, sondern an meiner eigenen Unvollkommenheit. Ich weiß, welche Rolle ich spiele: die des jüdischen Pausenclowns, der in einer großen Manege seine kleinen Kunststücke vorführen darf. Ich will gar nicht bestreiten, dass es mir Spaß macht und dass ich es gerne mache, meine Clownereien sind ein Beweis dafür, wie liberal die Gesellschaft geworden ist, die sogar meine Grenzverletzungen goutiert, solange sie dabei unterhalten wird. Ich habe mich in einer Nische eingerichtet, aus der ich manchmal zu entkommen versuche: nach Island, nach Kalifornien, weit weg von deutschem Größenwahn, jüdischer Wehleidigkeit und multikulturellen Missverständnissen. Und dann zieht es mich doch zurück in die Arena der Eitelkeiten, zu den anderen Pausenclowns, die mit dem Finger aufeinander zeigen und sich gegenseitig vorwerfen, Profiteure der repressiven Toleranz zu sein. Die Frage, ob ich verrückt bin oder die anderen, werden wir heute nicht klären können, sie muss offen bleiben, vorläufig. Ich weiß nur, dass ich nicht der Einzige bin, der sie sich stellt. Jemand, dem ich viel verdanke, bei dem ich viel gelernt und einiges geklaut habe, hat sie sich immer wieder gestellt: der Geschichtenerzähler und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, das Schwarze Schaf vom Niederrhein. Hüsch war, ohne selbst den Anspruch zu erheben, ein Philosoph oder, wie man auf Jiddisch sagen würde: a Mensch. Er hat von der “Solidarität der Einzelidioten” gesprochen und viele wunderbare Texte geschrieben, darunter einen, der in meinem Kopf rumort, seit ich ihn das erste Mal gehört habe.
Erlauben Sie mir, als Verbeugung vor einem großen Meister der Sprache Ihnen diesen Text vorzulesen:
Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
An ihrem Tisch in Küchen sitzen
Und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen
Und die Geschichte nicht begreifen
Die sich vom Kirchturm stürzen
Die Welt noch mit Gelächter würzen
Und für den Tod beizeiten
Sich selbst die Glocken läuten
Die mit den Zügen sich beeilen
Um nirgendwo zu lang zu weilen
Die jeden Abschied aus der Nähe
kennen
Weil sie das Leben Abschied nennen
Die auf den Schiffen sich verdingen
Und mit den Kindern Lieder singen
Die suchen und die niemals finden
Und nachts vom Erdboden verschwinden
Die Wärter stehen schon bereit mit
Jacken
Um werkgerecht die Irrenden zu
packen
Die freundlich auf den Dächern
springen
Für diese Leute will ich singen
Die in den großen Wüsten sterben
Den Schädel längst schon voller
Scherben
Der Sand verwischt bald alle Spuren
Das Nichts läuft schon auf vollen Touren
Die sich durchs rohe Dickicht schieben
Vom Wahnsinn wund und krank
gerieben
Die durch den Urwald aller Seelen
blicken
Den ganzen Schwindel auf dem
Rücken
Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
Sich aus der Schöpfung schleichen
Weil Trost und Kraft nicht reichen
Und einfach die Geschichte überspringen
Für diese Leute will ich singen. Hanns Dieter, ich danke dir. Und ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.
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Musikalische Früherziehung- Dieses Gerassel ist peinlich.
Interview mit der Kindheitsforscherin Elschenbroich- FAZ 6.12.07. Buchtip: Weltwissen der Siebenjährigen. Wie Kinder die Welt entdecken können von Donata Elschenbroich
"Jeder Mensch ist von Geburt an musikalisch"
Mehr künstlerischen Ernst, weniger Pädagogik wünschten wir uns jüngst für die musikalische Früherziehung. Nun befragen wir dazu die bekannte Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich.
Sie haben sich in Ihren Büchern immer wieder für die kindliche Bildung eingesetzt. Was beobachten Sie auf dem Gebiet der Musikerziehung?
Das Bild, das man sich in der Musikpädagogik vom Kind macht, hinkt, verglichen mit anderen Bildungsbereichen, noch weit hinterher. In der frühen Bildung hat sich in den letzten Jahren in Deutschland viel getan. Man traut den Kindern mehr zu und hat gelernt, dass man genauso viel Angst davor haben muss, sie zu unterschätzen, wie davor, sie zu überfordern. Aber in der Musikpädagogik sehe ich noch diese Tendenz zur Verharmlosung von Ansprüchen: als müsste man die Kindheit verteidigen als ein Reservat, einen Freizeitpark, verschont vom Ernst des Lebens. Was in die Richtung von Ansprüchen geht, wird mit Entfremdung oder Drill gleichgesetzt. Dadurch wird den Kindern viel vorenthalten.
Zum Thema
* Mehr Musik, weniger Pädagogik: ein Plädoyer für musikalische Früherziehung
Woher rührt diese Einstellung?
Im Fall begabter Kinder spielt da sicher auch Rivalität mit hinein, projiziert auf die Eltern. Ihnen wird unterstellt, dass sie nur aus persönlichem Größenwahn ihre Kinder zu musikalischen Leistungen antreiben wollten. Das Buch von Alice Miller („Das Drama des begabten Kindes“) hat da generationenlang Schaden angerichtet. Die Eltern stehen mittlerweile unter einem solchen Selbstverdacht, dass sie sich dauernd fragen müssen, ob sie ein klavierspielendes Kind nicht noch ausgleichend in die Sportschule schicken müssen, damit es sich nicht vereinseitigt. Die Umwelt wacht darüber, dass man ein musikalisch anspruchsvolles Kind eher bremst.
Wie äußert sich diese Ausrichtung an Minimalansprüchen im musikpädagogischen Alltag?
Für die Reduzierung von Musik auf Wellness-Klänge braucht man keine Musikerziehung. Das ist sowieso schon vorhanden. Von allen Seiten strömen Klingeltöne auf die Kinder ein. Auch dieses verlegene Hochspielen von Klängen oder bloßer Geräuscherzeugung zu Musik, das man in Kindergärten und Schulen beobachten kann, banalisiert die Musik und die Kinder. Da klappern Siebenjährige auf Schlaginstrumenten, und hinterher heißt es von der Lehrerin mit gespieltem Staunen in der Stimme: „Jetzt habe ich aber was Schönes gehört! Super habt ihr das gemacht.“ Es kann auch nicht nur darum gehen, dass den Kindern erklärt wird, wie Instrumente heißen und wie sie gebaut sind, ohne dass sie selber lernen dürfen, wie man ein Instrument spielt. Es ist ja nur äußerlich, wenn ein Kind sagen kann: „Das ist ein Bratschenbogen.“ Da kann sich ein totes Wissen vor die Erfahrung von Musik schieben. Das bleibt Besserwisserei, solange das Kind keine wirkliche Erfahrung damit verbindet.
Wie kommt es Ihrer Ansicht nach zu diesem Defizit?
Man traut den Kindern zu Unrecht nicht zu, dass sie etwas suchen, das größer ist als sie selbst. Wenn man Kinder genau beobachtet, sieht man, wie sie sich anstrengen wollen, wie das Nichtwissen, Nichtkönnen ihnen fast weh tut und wie sie ihre Sinneseindrücke immer steigern wollen. Vielleicht weichen wir Erwachsene ins Pädagogische aus, wenn wir in Bereiche hineinkommen, wo unser Generationenvorsprung nicht mehr so signifikant ist. Im Bereich der ästhetischen Erfahrung kommt man mit dem Erklären an Grenzen. Aber Kinder erwarten gar nicht, dass Erwachsene immer schon alles wissen. Wichtiger ist das geteilte Musikerlebnis. Erwachsene sollten mit Kindern die Musik hören, die ihnen selbst nahegeht. Davon werden die Kinder berührt.
Sie glauben also, dass die Qualität eines Musikstückes schon von Anfang an wichtig ist?
Unbedingt. Es gibt wunderbare Aussagen dazu von Zoltán Kodály, dem ungarischen Komponisten und Musikpädagogen. Er sagte zum Beispiel: „Wenn die Nahrung, die wir den Kindern geben, so schlecht wäre wie die Musik, die wir ihnen zumuten, dann wären sie schon lange nicht mehr am Leben.“ Chorwerke der Renaissance, Palestrina, Orlando di Lasso, Monteverdi sollten seiner Meinung nach eingehen ins Repertoire der Schulkinderchöre. Niemand ist zu groß, um für die Kleinen zu schreiben, lautete seine Devise. Und er forderte, dass die jüngsten Kinder von den qualifiziertesten Lehrern unterrichtet werden sollten. Ein schlechter Operndirektor wird bald davongejagt, aber ein schlechter Dorfschullehrer kann dreißig Jahre lang in Tausenden von Kindern die Liebe zur Musik abtöten.
Sehen Sie auch positive Entwicklungen?
Die Kindergärten in Deutschland sind für die Kinder interessanter geworden, vielseitiger in ihren Angeboten. Wenn es da Forscherecken gibt oder eine Wasserwerkstatt, eine Schreibecke, eine Küche, in der Kinder selber kochen, können sie entdecken, dass sie auf diese Angebote unterschiedlich anspringen. Ich denke, dass das ganze Begabungsproblem allmählich etwas an Polarisierung verliert. Die Tatsache, dass die Menschen unterschiedlich sind, scheint jetzt mehr toleriert zu werden.
Spielt die Musik in diesen fortschrittlicheren Kindergärten eine Rolle?
Da ist das noch nicht so richtig angekommen. Ich habe das Gefühl, dass sich da die Erwachsenen ducken und kleiner machen, als sie sind - und die Kinder mitspielen müssen. Kinder sind ja gutmütig. Die hopsen dann nach irgendwelchen Fahrradklingeln herum. Aber im Grunde werden sie unter ihrem Wert angesprochen, und auch die Erwachsenen sind albern. Dieses Gerassel, diese Vorliebe für Geräuschmacher - haben Erwachsene Angst vor der Musik als Kunst? Was herauskommt, ist peinlich. Unter dem Vorwand, bei Kindern und Eltern keinen Ehrgeiz aufbauen zu wollen und ihnen Enttäuschungen zu ersparen, verstellt man Kindern übrigens auch die Möglichkeit, Techniken des Übens zu entwickeln. Dabei lieben Kinder es, etwas zu üben, sie tun es ja auch spontan von sich aus.
Wie wäre die Situation zu verbessern?
Ausgehen sollte man immer wieder davon, dass jeder Mensch von Geburt an musikalisch ist. Die Kommunikation zwischen Mutter und Säugling ist eine primär musikalische mit vielen sanglichen Elementen. In Japan spricht man interessanterweise mit den Kindern bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren mit der musikalisierten Kopfstimme. Wir legen dagegen mehr Wert darauf, schon bald vernünftig und partnerschaftlich mit dem Kind zu sprechen, wir senken die Stimme ab, und das Singen tritt in den Hintergrund.
Was schlagen Sie vor?
Mein Rat lautet zum einen: singen, singen, singen! Das sollte schon vor dem Kindergartenalter, in den jetzt auszubauenden Krippen, eine wichtige Rolle spielen. Das Singen soll durchaus verbunden sein mit einem gewissen Anspruch an Gestaltung. Phrasierung, Dynamik - solche musikalischen Grunderfahrungen mit dem eigenen Musikinstrument, der Stimme, verankern im Kind die Gewissheit: Ich bin musikalisch. Und wenn Kinder mit ihrer Stimme üben oder mit einem anderen Instrument, üben sie sich immer auch im ästhetischen Urteilen: Was ist besser, was ist schön? Ich habe mir schon einmal gedacht, ob man nicht in den Kindergärten ein Zimmer einrichten sollte, in dem die Kinder ein Musikinstrument üben können. Ideal wäre es, wenn eine Lehrkraft aus der Musikschule regelmäßig dazukäme. Und wichtig ist auch, dass sich das musikalische Repertoire wieder erweitert. Das ist ja auch so kindisch geworden, immer nur „Peter und der Wolf“.
Wenn überhaupt!
Man müsste investieren, um ein gutes, internationales Repertoire fürs Singen in Krippe und Kindergarten aufzubauen. Musik ist nicht nur lustig, und Musik soll nicht nur als Entertainment erlebt werden. Als Kind liebt man doch das Tragische! Moll ist doch viel interessanter als immer nur dieses penetrant diatonische Dur. Und Dissonanzen sind spannend, im Leben und in der Musik.
Das Gespräch führte Julia Spinola.
Text: F.A.Z., 06.12.2007, Nr. 284 / Seite 37
Georg Hoffmann-Ostenhof- „Gemischter Satz“
Wiener Wein, „Schwabos“ und die Multikulti-Zukunft der österreichischen Hauptstadt.
Vor Kurzem schrieb Thomas Friedman, Starkolumnist der „New York Times“, in einem seiner Kommentare unter dem Titel „America’s Real Dream Team“ über ein feierliches Dinner in Washington, D. C. Und er zählte alle 40 Ehrengäste namentlich auf. Bei der Liste in alphabetischer Reihe von Namrata Anand bis Linda Zhou handelte es sich zu über 90 Prozent um Namen asiatischer Provenienz. Friedman fragte rhetorisch, um welche Art Veranstaltung es sich gehandelt haben könnte. „Nein, das war nicht ein Dinner der Chinesisch-Indischen Freundschaftsgesellschaft“, klärte er auf, sondern ein Essen zu Ehren der 40 Highschool-Finalisten in einem Jugend-forscht-Wettbewerb unter dem Motto „Intel Science Talent Search“.
Friedman schlussfolgerte: „Wenn Sie sich vom Segen von Einwanderung überzeugen wollen, besuchen Sie das ,Intel Science‘-Finale. Wenn man diese energischen, dynamischen, ambitionierten Leute kombiniert mit einem demokratischen System und einem freien Markt, dann schafft das Wunder.“ Mit anderen Worten: Die Dynamik eines Landes kommt von den Immigranten.
Friedmans Erkenntnis ist bei uns noch nicht richtig angekommen. „Der Ausländer“ – und in seiner besonderen Ausprägung „der Asylant“ – wird im Allgemeinen noch immer mit Kriminalität assoziiert, die Einwanderung vornehmlich als Problem und Last gesehen. Wenn in Wien eine geballte Aufzählung von Namen mit viel „Ö“s, „Ü“s oder mit Endungen auf „-ic“ auftaucht, also von Menschen aus südslawischen Herkunftsländern oder mit türkischem Background, welche hierzulande das Hauptkontingent der Migranten stellen, dann hat man im besten Fall die Aufstellung von österreichischen Fußballklubs vor sich.
Aber da ändert sich einiges. Mein Sohn Leon hat die Schule gewechselt. Jetzt geht er in die dritte Klasse eines Gymnasiums in einer durchaus bürgerlichen Gegend Wiens. Am ersten Schultag kam er nach Hause und eröffnete uns fröhlich: „Wir sind nur fünf Schwabos in der Klasse.“ „Svabo“ wurden früher am Balkan die „Deutschen“ oder Deutschsprachigen genannt – hergeleitet von „Schwaben“. Heute wird „Schwabo“ offenbar von den Jungen als Ausdruck für einheimische Österreicher verwendet, im Unterschied zu jenen, die einen, wie man heute sagt, Migrationshintergrund haben. Also nur fünf Kinder aus „eingesessenen“ Familien sind in Leons Schulklasse. Der Rest hat Eltern, die von überall her kommen: aus dem slawischen Osten, aus der Türkei, aus Deutschland, aber auch aus Nordafrika und Asien. Und das ist eben nicht eine Unterschichten-Hauptschule aus Rudolfsheim, Ottakring oder Favoriten, sondern eine durchschnittliche Mittelschule in einem durchschnittlich durchmischten Bezirk innerhalb des Gürtels.
Leons Klasse ist vielleicht besonders multikulturell. Aber eine echte Ausnahme dürfte sie auch nicht sein. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte demografische Erhebung: 44 Prozent der Wiener Stadtbewohner haben einen Migrationshintergrund. Gerechnet werden im Ausland Geborene, Menschen mit einer nichtösterreichischen Staatsbürgerschaft und Personen mit mindestens einem Elternteil ausländischer Herkunft. Die Enkelkinder der klassischen Gastarbeiter, die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Österreich kamen, sind also gar nicht mitgezählt.
Eine kleine önologische Abschweifung sei hier erlaubt. Seit ein paar Jahren erfreut sich der Gemischte Satz steigender Beliebtheit, vor allem in Wien, wo sich mehrere Winzer zusammengetan haben, um eine alte Tradition der Stadt wieder aufleben zu lassen. Der Wiener Gemischte Satz hat heute fast schon Kultcharakter. Das ist ein Wein, der sich aus unterschiedlichen Rebsorten zusammensetzt. Diese werden aber – im Gegensatz zur Cuvée, die auch ein Verschnitt ist – gemeinsam in einem Weingarten angebaut und nicht erst im Weinkeller vermischt. Über Jahrhunderte hinweg wurde in Europa nur in seltenen Ausnahmefällen sortenrein ausgebaut. Da galt der Spruch: „Eine Rebsorte in einem Weingarten ist eine Geige, der Gemischte Satz aber ein Orchester.“
Mit dem immer stärkeren Aufkommen der sortenreinen Weine Ende des 19. Jahrhunderts erlitt der Gemischte Satz aber einen sozialen Abstieg sondergleichen. Seit damals führte er ein Schattendasein als einfacher Schank- und Heurigenwein. In den feinen Salons und Etablissements setzte man offenbar verstärkt auf „Rassereinheit“ – vor allem in Deutschland und Österreich. Da wird kaum verschnitten, im Unterschied zu Italien, Spanien und Frankreich, wo etwa Burgunder, Rioja und Chianti durchwegs Cuvée-Weine sind.
Nun erlebt der Wiener Gemischte Satz seine Renaissance und präsentiert sich in seiner feinen Vielschichtigkeit und geschmacklichen Kraft. Und das stimmt nicht nur den Weinliebhaber zuversichtlich. Denn keiner sage, die Renaissance des Gemischten Satzes sei bloß Mode und drücke nicht allgemein Zeitgeistiges aus. Das haben die Dichter erkannt: Dem Gemischten Satz liege der „nichtrassische Züchtungsgedanke“ zugrunde, schwärmt Julian Schutting, und der Schriftsteller Norbert Silberbauer sieht in ihm ironisch gar einen „Widerstandstrunk gegen die hiesige Asylpolitik“. Nicht nur für die USA gilt: Zuwanderung bringt Dynamik, Melange macht stark. Auch Wien hatte immer dann seine Blüte, wenn die Völker sich in ihrer Vielfalt an der Donau zusammenfanden. Das mag man verleugnen und negieren und über Parallelgesellschaften und Integrationsprobleme klagen. Aber klar ist: Der Gemischte Satz ist nicht nur Wiens Vergangenheit. Er ist auch die Zukunft dieser Stadt.
Das Appeasement zwischen Kultur und Politik muss ein Ende haben– ein Plädoyer gegen die Bequemlichkeit- Klaus-Dieter Stork
Als die Volksparteien noch solche waren, als noch Generäle und nicht SekretärInnen in ihnen dachten und planten, war nicht nur das politische Niveau ein anderes. CDU, CSU und SPD waren damals auch kulturell auf der Höhe der Zeit. Sicher: Politiker wie Heiner Geißler, Holger Börner und Peter Glotz waren keine feinsinnigen Kunstfreunde oder Abonnenten der Oper. Gleichwohl beschäftigten sich ihre Strategien sehr wohl mit der intellektuellen und kulturellen Befindlichkeit der Bonner Republik. Sie konnten mit Antonio Gramsci und dem Begriff der kulturellen Hegemonie noch etwas anfangen. Edmund Stoiber schaffte es mit seinem unsäglichen, gegen Günter Grass und andere gerichteten Satz von den „Ratten und Schmeißfliegen“, die Anti-Strauß-Kampagne der politischen Linken aufzuladen. Kunst, Kultur und Wissenschaft wussten noch, um was es ging.
Das Verhältnis zwischen Kultur und Politik war in den siebziger und achtziger Jahren (an-)gespannt und kritisch, beileibe nie konfliktfrei und harmonisch – aber eben auch diskursiv und perspektivisch. Alexander Kluge, Ivan Nagel und Rainer Werner Fassbinder sahen ihre Arbeit nicht nur künstlerisch. Sie zielten auf gesellschaftliche Wirkung, auf Veränderung. Dem Reformcredo der Ära Brandt, „mehr Demokratie zu wagen“, stand der einprägsame Anspruch „Kultur für Alle“ geistig zur Seite und zugleich gegenüber. Kulturpolitiker wie Hermann Glaser und Hilmar Hoffmann machten sich auf unterschiedlichen Wegen an die Arbeit. Bis in die frühen neunziger Jahre forderten, kritisierten, analysierten Filmemacher, Dichter und Denker, Theaterregisseure. Kultur war Politik. Selbst in der Unterhaltungsindustrie wurde rote und schwarze Farbe bekannt: Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kuhlenkamp versus Dieter Thomas Heck und Roberto Blanco.
Geschichte und Gegenwart
Das alles ist nicht völlig verschwunden, aber heute doch ganz anders. Pointiert formuliert: Mit dem gescheiterten Realsozialismus, dessen Niederlage zum Sieg über alles vermeintlich Linke umgedeutet wurde, kam auch der letzte Funke Utopie in Kunst und Kultur gleich mit ans Ende der Geschichte.
Kulturindustrie ist selbst Teil der Maschinerie. Das war sie schon immer, aber das gegenwärtige Stadium der Verflachung, Verfremdung und Manipulation ist neu. Das Verdikt der Dialektik der Aufklärung, „Kultur schlägt heute alles mit Ähnlichkeit“, ist Wirklichkeit geworden. Hofften Theodor W. Adorno und Max Horkheimer noch auf das korrigierende Potential des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, so unterscheiden sich die privaten und staatlichen Medien heute kaum mehr. Kritik und Aufklärung sind verbannt in die Nischen einiger Theater und Musiksäle, führen ein ohnmächtiges Schattendasein in Spartensendern. Selbst die Tabubrüche, die in den siebziger und achtziger Jahren noch für kontroverse gesellschaftliche Debatten Anlass gaben, sind kanonisiert. Der moderne Konservative, der gehobene Neoliberale empören sich nicht über das provokante Regietheater, das kritische Stück gegen Hartz IV, den Rock gegen irgendetwas. In der Sprache des Neoliberalismus: Die Kritik ist eingepreist.
Basta- und Pasta-Kultur
Dagegen war auch die rot-grüne Regierung kein Bollwerk. Unerwartet und verspätet an die Macht gelangt, war die Koalition von 1998 ohne kulturellen Anspruch und bar jeder Idee. Zwar wurde die Kultur erstmals mit einem eigenen „Ministerium“ bedacht. Aber das konnte den fehlenden geistigen Impuls nicht ersetzen. Die Basta- und Pasta-Kultur von Gerhard Schröder und Joschka Fischer war Ausdruck einer verinnerlichten Versöhnung mit jenen Verhältnissen, gegen die man einst angetreten war. Die Rückkehr der 68er Generation in eine Heimat, die nie eine war.
Kunst und Kultur haben sich mit diesen Zuständen arrangiert. Zwar geistert das Peymannsche Postulat durch den Raum, mit dem Berliner Ensemble „Stachel im Kapitalismus zu sein“; es gibt die rebellische Volksbühne und die Musiktheater in Stuttgart oder Frankfurt mit ihren bemerkenswerten zeitgenössischen Produktionen; nicht wegzudenken auch viele Kulturinstitute und Verbände. All das ist gesellschaftlich anerkannt, künstlerisch hochwertig, bisher relativ solide finanziert – aber gesellschaftlich und politisch weitestgehend wirkungslos.
Das unausgesprochene Appeasement zwischen Politik und Kultur fordert nun in der großen Krise seinen Preis. Die Kassen sind leer, Theater, Museen und Opernhäuser werden zur Disposition gestellt. Die Feuilletons haben schon Witterung aufgenommen: Während man noch die Kulturhauptstadt Europa feiert, ist schon vom Kulturhauptstadtslum die Rede. Die Zeiten neigen sich dem Ende entgegen, als die Politik beim Freitagabend-Event noch mit Beifall rechnen konnte, obwohl alle wussten, dass am Montagmorgen wieder dereguliert, privatisiert und weggespart wird. Wo es Ernst wird für die etablierte und die freie Kultur, müssen sich Künstler und Intellektuelle entscheiden. Wer sich seinem Schicksal nicht einfach hingeben will, muss die politische Askese hinter sich lassen – und er wird Bündnispartner benötigen.
Hoffnung und Trauma
Als am 3. November 2008 die mediale Einheitsfront von Giovanni di Lorenzos Zeit bis Kai Dieckmanns Bild mit Hilfe von vier aufrechten Verrätern über den rot-rot-grünen Aufbruch in Hessen gesiegt hatte, scheiterte nicht nur ein sozial-ökologischer Aufbruch. Es war auch eine historische Niederlage der politischen Kultur gegen die veröffentlichte Meinung, die jede Grenze hatte überschreiten dürfen.
Wenige Intellektuelle hatten sich dem entgegengestellt. Es blieb dem Theaterregisseur Ivan Nagel vorbehalten, auf die Tatsache zu verweisen, dass jene Konservative und Liberale, die sich über den vermeintlichen „Wortbruch“ empörten, gar nicht betroffen waren. Schließlich war ihnen nichts anderes versprochen worden, als die Abwahl des CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch. Es war ein einsamer Politologe, Martin Hecht, der darauf aufmerksam machte, wie die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti systematisch diskreditiert wurde. Es kamen nur ein paar Künstler wie Konstantin Wecker und Anne Haigis zusammen, um dem angestrebten Politikwechsel ihre Unterstützung zu versichern. Theater, Literatur, Musik und Soziologie – die ganze Szene beklagt in ihren Guckkästen und Elfenbeintürmen den Zerfall des Sozialstaats, die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, den Krieg in Afghanistan, die Entfremdung, die Vereinzelung. In die Niederung der politische Aktion wagt sie sich aber nicht.
Hessen wirkt nach
Hessen wirkt nach – auch bei der Suche nach einem neuen hegemonialen Ansatz linker Parteien, der dem inhaltlichen Anspruch eines realen Politikwechsels genügt. Man sieht es vor allem an der SPD: Bis heute haben die sozialdemokratischen Apparatschiks im Willy-Brandt-Haus nicht wirklich begriffen, dass sie den Ast, auf dem die „neue Mitte“ Halt finden sollte, selbst mit abgesägt haben. Die „Soziale Moderne“, ein Reformprojekt, das im Hessenwahlkampf erfolgreich war und Charisma in die Politik zurück brachte, blieb ihnen fremd und suspekt. Dabei hätte auf dieser Basis eine Ideenschmiede, das Praxislabor einer anderen politischen Kultur entstehen können.
Die neoliberale und neokonservative Hegemonie wirkt nicht nur ökonomisch und politisch. Der „Terror der Ökonomie“ ist ein real existierender, er ist bis in die kleinsten Fasern der gesellschaftlichen Verhältnisse eingedrungen. Flexibilisierung, Verfügbarkeit und Entgrenzung haben klassische Arbeitsverhältnisse überwuchert. So etwas funktioniert nicht ohne ein gewisses Maß an kultureller Faszination. Es ist dem Neoliberalismus gelungen, ein posthedonistisches Bild von Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung zum allgegenwärtigen Bezugspunkt zu machen. Der „angefixte“ Rezipient vertraut trotz Krise auf die Verheißung. Das sollte eine demokratische Linke bei der Suche nach alternativen Wegen nicht unterschätzen.
Auf der Höhe der Zeit
Das „in Möglichkeit Seiende“ einer gerechten und humanen Gesellschaft bedarf eines kulturellen Fundaments, einer künstlerischen Hinterlegung. Dazu müssen Begriffe wie Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit neu und auf der Höhe der Zeit definiert werden. Einen ersten Ansatz dazu bietet das neu gegründete Institut Solidarische Moderne. Es könnte ein Ort daraus werden, an dem Wissenschaft, Kunst, Kultur und Politik vorbehaltlos aufeinander treffen.
Eine anspruchsvolle, interessante und begeisternde progressive Politik wird es ohne kulturelle Impulse nicht geben. Eine in der Gesellschaft emanzipatorisch wirkende Kultur gibt es umgekehrt nicht ohne politische Transmission. Ein interdisziplinärer Diskurs wird allen Akteuren nutzen. Und er ist längst überfällig. Die Zukunft der Arbeit, der Bildung, der Kultur, der Ökologie und der Ökonomie kann und muss Gegenstand einer gemeinsamen Anstrengung werden. Die „neue Solidarität“ braucht universelle Sichtweisen. Sicher: Einen solchen Ansatz sollte man nicht überfordern. Aber mehr Mut zur emanzipatorischen Sinnlichkeit ist angezeigt.
Angesichts der bestehenden Verhältnisse gibt es wahrlich kein Anlass zu übertriebener Hoffnung. Aber Grund zur ironischen Dialektik im Sinne Heiner Müllers: „So wie es bleibt, ist es nicht“.
Inge Kloepfer, Wirtschaftsjournalistin der renommierten „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, prophezeit Deutschland und Europa fundiert hergeleitet den „Aufstand der Unterschicht“, sollte nicht bald gegengesteuert werden.
OÖN: In Ihrem neuen Buch „Aufstand der Unterschicht“ prognostizieren Sie Verteilungskämpfe zwischen Arm und Reich. Worauf stützen Sie Ihre Vorhersage?
Kloepfer: Auf drei Entwicklungen. Erstens haben wir weniger Nachwuchs. Ein Land, das schrumpft, wird wirtschaftlich nicht so produktiv sein, es fehlt an Kreativität, an innovativen Ideen und deren Umsetzung. Zweitens stehen wir in einem beinharten globalisierten Wettbewerb, der wahrscheinlich in der Krise noch viel härter wird. Und wir leisten uns drittens eine Schicht von 20 Prozent Nachwuchs, die viel zu wenig weiß, um eigenständig aus unserem Bildungsangebot Nutzen zu ziehen. Nehmen Sie die drei Dinge zusammen, werden Sie unschwer erkennen, dass sich diese Entwicklungen in ihrer negativen Wirkung gegenseitig verstärken. Deutschland wird es langfristig schlechter gehen, es wird weniger zu verteilen geben. Und dann werden die Verteilungskämpfe einsetzen.
OÖN: Was läuft denn beim Nachwuchs konkret schief?
Kloepfer: Furchtbar vieles. Wir haben Kinder und Jugendliche, die systematisch benachteiligt werden. Sie wachsen in armen, bildungsfernen Familien auf, in heruntergekommenen Vierteln, in Milieus mit hoher Arbeitslosigkeit. Sie treffen in den Schulen immer nur auf ihresgleichen. Die Kinder werden oder sind schon aussortiert. Das führt dazu, dass die klassisch ausgegrenzten Schichten wachsen.
OÖN: Sie sprechen recht despektierlich von Humankapitalschwäche…
Kloepfer: Das ist ein technokratischer und deshalb recht brutaler Begriff, den ich gewählt habe, um nicht ein sozialromantisches oder gar larmoyantes Buch zu schreiben. Humankapitalschwäche heißt einfach, dass zu wenig Menschen genügend wissen, um Deutschland voranzubringen.
OÖN: In Österreich zeugen Schulstudien wie PISA von ähnlicher Problematik. Sind Ihre Einschätzungen auf Österreich umlegbar?
Kloepfer: Sehr wohl, nicht zuletzt aufgrund des ähnlichen Schulsystems. Auch die Schweiz hat bereits Probleme. Im Grunde ist das ein postindustrielles Phänomen,…
OÖN: …das für fast ganz Europa gilt?
Kloepfer: Ich glaube, dass man das auf viele Länder umlegen kann.
OÖN: Wenn sich, wie Sie ausführen, der Sozialstatus und damit Armut und Bildungslosigkeit vererben, müsste zur Gegensteuerung in den Familien angesetzt werden. Wie?
Kloepfer: Ein Beispiel aus Amerika: Für eine Studie hat man über sieben Jahre lang in einem stark deklassierten Stadtviertel Sozialarbeiter zu Familien mit Neugeborenen geschickt. Man hat die Mütter, an denen die Erziehung zumeist hängen bleibt, permanent motiviert, mit ihren Kindern zu sprechen und ihnen vorzulesen. Denn in den unteren Schichten wird zu wenig gesprochen, wodurch sich die Intelligenz der Kinder weniger entwickelt. Am Ende ließ sich feststellen, dass die Kinder im Vergleich zu Mittelschicht-Kindern kaum Rückstände aufwiesen. Das heißt: Man muss in diese Familien hineingehen – von Geburt an. Und das sehe ich nicht als besonders schwierig an.
OÖN: Das Problem ist bekannt. Warum tut die Politik nichts?
Kloepfer: Für Politiker ist es völlig unattraktiv, richtig ins Bildungssystem oder ein soziales Dienste-System zu investieren. Denn die Erträge aus diesen Investitionen stellen sich für die Gesellschaft erst nach 15 oder 20 Jahren ein. Die Politiker sind dann aber alle schon in Pension. Dazu kommt, dass die gesellschaftliche Mitte tendenziell dazu neigt, die Probleme am Rande der Gesellschaft auszublenden.
OÖN: Konkret. Was muss passieren?
Kloepfer: Netzwerke rund um betroffene Familien bauen, vom Moment der Geburt im Krankenhaus an bis hin zu den Kindergärten. Dann müssen richtig gute Schulen etabliert werden in den schlechten Vierteln. Unterricht und Schulstruktur müssen total verändert werden hin zu mehr Qualität und Integration. Man darf nicht Menschen mit neun Jahren aussortieren.
OÖN: Sie sehen das soziale Netz bereits als sehr gespannt an, die Finanzkrise wird aber vermehrt Arbeitslose produzieren. Wie lange hält das Netz noch?
Kloepfer: Das Netz kann noch lange halten. Theoretisch kann sich der Staat dafür weiter verschulden. Wie wenig Hemmungen da bestehen, sehen wir derzeit. Aber auf ewig wird das nicht gehen. Deshalb werden wir in Kürze wieder Debatten über die Kürzung von Sozialtransfers führen. Und die werden schärfer werden. Spätestens dann, wenn vor allem jüngere Leute nicht mehr alimentiert werden, wird die Gewaltbereitschaft steigen.
OÖN: Weisen die Proteste in den Vorstädten von Paris und die jüngsten Ausschreitungen in Athen in diese Richtung?
Kloepfer: In Frankreich ging es sehr wohl um die Chancenlosigkeit junger Menschen, vor allem der Migranten in den Vorstädten. Soziologen sagen, in Deutschlands Innenstädten könnte sich Ähnliches entwickeln. Wir hatten ja in Berlin-Kreuzberg bereits einen richtigen Aufruhr. Der Innensenator sprach seinerzeit vom Mob, die Polizei hatte Mühe, das in den Griff zu bekommen. In Zeiten schneller Kommunikation könnte aus so etwas auch ein Flächenbrand entstehen.
OÖN: Das ist die Frage: Wann?
Kloepfer: Wenn wir anfangen müssen, Sozialbeiträge zu kürzen, weil der Staat an die Grenzen der Finanzierungsmöglichkeiten kommt. Ich glaube, dann sinkt das Unrechtsbewusstsein so stark, dass sich die Benachteiligten das holen werden, von dem sie meinen, dass es ihnen zusteht. Irgendwann werden die Jugendlichen auch realisieren, dass die mediale Suggestion von der gesellschaftlichen Beteiligung eine Scheinwelt ist.
OÖN: Sind höhere Sozialleistungen anzustreben?
Kloepfer: Keinesfalls mehr Transfers oder Betreuungsgelder. Tendenziell würde ich sogar fordern, bestimmte Sozialtransfers an Bildungsbeteiligung zu knüpfen, was in Deutschland rechtlich nicht möglich und als Thema tabu ist, in anderen Ländern aber diskutiert wird. Es gibt keinen Grund, Geld dort zu investieren, wo nachweislich gar kein Interesse daran besteht, es in Bildung umzusetzen. Das gilt besonders für untere Schichten, auch mit Migrationshintergrund.
OÖN: Manche werfen Ihnen diesbezüglich eine zu bürgerliche Perspektive vor…
Kloepfer: Bürgerlich heißt für mich nicht mehr und nicht weniger, als in der Lage zu sein, sich mit seinen Fähigkeiten selbst zu ernähren und ein Leben in Eigenregie zu führen. Welches Lebensmodell man wählt, ist dabei unerheblich. Es ist unfair, zu sagen: Jene, die nicht mitkommen, werden einfach ernährt. Sie wären permanent fremdbestimmt. Deswegen bleibt mein Bezugspunkt die bürgerliche Perspektive.
Haben wir nicht schon längst genug? Wofür arbeiten wir noch? Und warum immer mehr? Fragen, die die Hamburger Sozialwissenschafterin Marianne Gronemeyer kürzlich in einem Vortrag in Linz zum Thema „Wieviel Arbeit braucht der Mensch?“ zu beantworten suchte.
OÖN: Da morgen Muttertag ist, die Frage: Wieviel Arbeit braucht die Frau?
Gronemeyer: Das unterscheidet sich nicht von der Frage nach der Arbeit, die der Mann braucht. Beide brauchen keine Arbeit. Arbeit ist etwas, das man nicht als Ziel des Begehrens ins Auge fassen kann. Durch die Jahrhunderte hindurch hat man immer gewusst, dass die Arbeit dasjenige ist, was die Notwendigkeit ausmacht. Dass wir ein Bedürfnis nach Arbeit haben, ist ja eine sehr neue historische Situation.
OÖN: Also, dass Arbeit an sich einen Wert darstellt?
Gronemeyer: Das hat damit zu tun, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, der die Arbeit ausgeht. Mehr und mehr menschliche Arbeit wird dem Maschinenwesen geopfert. Wobei es eine Illusion ist, zu glauben, die Maschinen machen das umsonst. Was wir heute erleben als Rohstoff- und insbesondere als Energiekrise, ist eine Folge davon, dass wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse so eingerichtet haben, dass wir Arbeiten erledigen lassen durch Maschinenparks, die das Vielfache von dem an Energie verbrauchen, was menschliche Tätigkeit früher verbraucht hat.
OÖN: Zurück auf die Bäume?
Gronemeyer: Ja, das ist immer gleich die Frage. Fest steht, dass der Weg, den wir beschritten haben – durch industrielle Zurverfügungstellung von Waren und Dienstleistungen menschliches Tätigsein zu erübrigen – ein falscher Weg ist; auf allen Ebenen.
OÖN: Arbeiten und dadurch Geld verdienen, bleibt aber fast keinem erspart ... Gronemeyer: Im Grund haben wir eine Situation, in der wir Menschen eigentlich nur noch drei Formen von Tätigkeiten verrichten, bei denen Geld eine Rolle spielt. Erstens die Produktion von Waren und Dienstleistungen. Zweitens der Konsum, den wir als vergnügte Freizeitbeschäftigung anzusehen gelernt haben, der aber in Wirklichkeit eine herbe Untertanenpflicht ist und das dritte und Fatalste ist die Schattenarbeit, die den Zugang zu Waren und Dienstleistungen erst möglich macht.
OÖN: Sie sprechen jetzt aber nicht vom Pfuschen, oder?
Gronemeyer: Schattenarbeit ist unbezahlte Tätigkeit. Zum Beispiel: Damit unsere Kinder heute schultauglich werden, müssen wir sie von Kindesbeinen an von einer Fördermaßnahme in die nächste karren. Wir werden Beförderungsunternehmer. Zusätzlich müssen wir zum Arbeitsplatz pendeln. Dann sitzen wir im Wartezimmer, um die Dienstleistung eines Arztes in Anspruch nehmen zu können. Wir sammeln Müll oder machen Telebanking. Diese Tätigkeiten dienen bloß der Rationalisierung an einem dritten Ort.
OÖN: Demgegenüber sprechen Sie von „guter Arbeit“. Was verstehen Sie darunter?
Gronemeyer: Gute Arbeit nutzt und schadet nicht. Im Bereich der beruflichen Tätigkeiten gibt es so gut wie keine gute bezahlte Arbeit mehr, die nicht immensen Schaden anrichtet. Wenn Sie Glück haben, können Sie vielleicht noch Nischen nutzen, wo Sie subversiv gegen den Richtungssinn dessen, was Ihnen abverlangt wird, gut tätig sein können. Ich habe zum Beispiel an der Hochschule noch versucht, Bildung als hohes Gut hochzuhalten, anstatt Menschen zuzurüsten für den Arbeitsmarkt.
OÖN: Arbeit hängt auch zusammen mit unseren Bedürfnissen, die wir mit Geld befriedigen...
Gronemeyer: Wenn ich ein Bedürfnis anmelde, dann muss ich mich an jemanden adressieren, der ein Befriedigungsmittel verwaltet. Und der wird mir die Bedingungen diktieren. Im Normalfall Cash. Es kann aber auch Wohlverhalten sein.
OÖN: Wenig Bedürfnisse zu haben, bedeutet somit das Höchstmaß an Freiheit zu erreichen?
Gronemeyer: Zwei Antworten. Erstens: Wer nichts will, dem fehlt nichts.
OÖN: Und zweitens?
Gronemeyer: Nehmen wir den Gesundheitssektor: Es ist kaum mehr bezahlbar, dass für alle gut gesorgt wird, insbesondere im hohen Alter. Eine Möglichkeit wäre, mich mit Freunden zusammenzuschließen und zu versuchen – im Vertrauen aufeinander – mein Leben so gut wie möglich zu organisieren, um Gesundheit und Fürsorge zu bekommen.
OÖN: Eine Alten-WG?
Gronemeyer: Zum Beispiel. Es geht darum, Fähigkeiten in die Hand zu nehmen, die noch in meiner Kindheit selbstverständlich in der Familie waren. Kinderkrankheiten wurden nicht vom Arzt behandelt, Alte wurden nicht vom Arzt gepflegt.
OÖN: Also geht es um Kompetenzen?
Gronemeyer: Ja, und es geht um die Rückgewinnung von Zuständigkeiten. Man ist ja für nichts mehr zuständig. Man kann seine Konflikte nicht mehr selber oder im Kreise der Freunde lösen, sondern es ist gleich eine Heerschar von Therapeuten zu befragen
OÖN: Ihr neues Buch trägt den Titel „Genug ist genug – über die Kunst des Aufhörens“: Was meinen Sie damit?
Gronemeyer: Unsere Gesellschaft krankt am meisten daran, dass sie nicht aufhören kann. Man kann heute nicht einfach sagen: Gut, machen wir Schluss mit dem Autofahren und dem Wahnsinnsverbrauch von Benzin. Selbst die Entscheidung eines Einzelnen im Sinne der Weltrettung, damit aufzuhören, wird entmutigt dadurch, als man sich sofort sagt: Das müssten aber alle tun, dann... Da es aber nicht alle tun, verpufft jede Einzelmaßnahme.
OÖN: Heißt das, dass die Beruhigungsstrategien für das Gewissen, etwa Bahn statt Auto zu fahren, bio und fair einzukaufen, nichts bringen?
Gronemeyer: Das Beste, was Ihnen passieren kann ist, dass Sie dadurch ein besseres Gewissen haben. Wenn Sie aber den Versuch, aufzuhören nicht an die Weltrettung binden, sondern sich sagen: Ich stehe hier und kann nicht anders. Ich will es, um meiner Freiheit und Lebenszuständigkeit Willen, dann haben Sie keinen moralischen Vorteil, sind aber ganz Herr im eigenen Hause. Sie zwingen sich nicht mehr in die Abhängigkeit von etwas, das Sie nötigt zu rotieren, das Sie zwingt, Geld zu verdienen und sich Arbeitsbedingungen zu unterwerfen, die heute der Sklavenhalterei immer ähnlicher werden. Es geht darum, sich zu fragen: Welchen Lebensstil will ich pflegen, damit ich noch Bewegungsspielraum kennen lerne.
OÖN: Ein vernünftiger, aber auch egoistischer Zugang, oder?
Gronemeyer: Wenn Sie so wollen, lässt sich das auf das persönliche Glücksstreben zurückführen.
OÖN: Was ist Glück für Sie?
Gronemeyer: Nichts, das ich durch Konsum erreichen kann. Uns wird eingebläut, dass Glück mit Wohlstand, Reichtum, Gesellschaftsrang, Statussymbolen und Tempo zu tun hat. Glück ist aber hinter jeder Ecke und in jedem Augenblick zu finden, wenn man die Sinne, das Herz und den Verstand aufsperrt. Vertrauen ist die bessere Möglichkeit Glück zu erfahren als wenn Sie nach Sicherheitsgarantien für die Zukunft suchen.
OÖN: Wie wird man offen für solche Glückserfahrungen?
Gronemeyer: Erfahren kann ich nur dort, wo ich staunen kann, wo ich mich an den Wundern nähren kann, die sich täglich ereignen: Etwas fängt an zu blühen, es begegnet einem ein netter Mensch ... Diese herrliche Erfahrung machen Sie aber nicht, wenn Sie keinem mehr in die Augen schauen können. Erfahrung will Zeit haben. Beschleunigung ist einer der entscheidenden Erfahrungstöter. Freude aus Verunsicherung erfahren, dadurch werden Erfahrungen stärker. Alles, was uns vermauert – Dinge und bereitwillige Dienstleister – schneidet uns ab von eigenen Erfahrungen. Aufhören hat zur Voraussetzung, dass ich dem, mit dem ich aufhören will, zuhöre, mich dem aussetze – auch auf die Gefahr hin, dass ich dadurch ein ganz anderer Mensch werde.
SCHANDE UND SCHAM. Aus welchen Wurzeln kann jetzt eine neue, wirkungsvolle Gegenmacht erwachsen? Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, hat dieser Macht einen sehr klugen Namen gegeben: Er nannte sie «the power of shame». Im Deutschen muss man das mit «Macht der Schande und der Scham» übersetzen: Es ist eine «Schande», was im Namen des freien Marktes tagtäglich den über 5 Milliarden Hungernden und Armen in den 122 Entwicklungsländern angetan wird. Und was wir angesichts ihrer unvorstellbaren Leiden erleben, ist «Scham». Intuition und Vernunft sagen mir, dass jeder Mensch ein Recht auf Arbeit, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Freiheit und Glück hat. Und – das ist radikal neu – die modernen Medien zeigen mir, dass diese Rechte auf der ganzen Welt gefährdet sind. In diesem weltweit gemeinsamen Wissen um das Leiden entsteht ein neues historisches Subjekt: keine zentrale Organisation, keine globale Kraft, sondern die planetarische Zivilgesellschaft! Diese Bruderschaft der Nacht wächst aus lokalem Widerstand. Es sind Bewegungen wie die brasilianischen Landarbeiter ohne Land (MST), das Forum der Armen in Thailand oder Attac, eine Organisation, die der globalen Finanzoligarchie eine unglaubliche analytische Kompetenz entgegenstellt.
KEIN GEGENPROGRAMM. Wenn 1789 nach der Erstürmung der Pariser Bastille ein Fernsehreporter einen der siegreichen aufständischen Handwerker nach seiner Meinung über eine erst noch zu schaffende Verfassung der Ersten Französischen Republik gefragt hätte – mehr als ein verständnisloses Kopfschütteln hätte er wohl kaum erwarten dürfen. So ist das auch heute. Der Journalist Thomas Friedman von der «New York Times» sagt, es gibt da schon interessante Ansätze in der Zivilgesellschaft, aber sie sind konfus. Und die Zivilgesellschaft ist nicht einmal imstande, uns ihr Gegenprogramm zu nennen. Er hat ja ganz recht. Doch Revolutionen sind nie voraussehbar, «sie kommen», wie der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche geschrieben hat, «auf den Füssen der Taube».
Jean Ziegler ist Mitglied des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates, alt SP-Nationalrat, Professor für Soziologie an der Universität Genf und Autor.
work, 23.10.2008
DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
Der Privatisierungswahn ist an sein Ende gekommen. Nicht der Markt, sondern die Politik ist für das Gemeinwohl zuständig: Ein Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas über die Notwendigkeit einer internationalen Weltordnung.
DIE ZEIT: Herr Habermas, das internationale Finanzsystem ist kollabiert, es droht eine Weltwirtschaftskrise. Was beunruhigt Sie am meisten?
Jürgen Habermas: Was mich am meisten beunruhigt, ist die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass die sozialisierten Kosten des Systemversagens die verletzbarsten sozialen Gruppen am härtesten treffen. Nun wird die Masse derer, die ohnehin nicht zu den Globalisierungsgewinnern gehören, für die realwirtschaftlichen Folgen einer vorhersehbaren Funktionsstörung des Finanzsystems noch einmal zur Kasse gebeten. Und dies nicht wie die Aktienbesitzer in Geldwerten, sondern in der harten Währung ihrer alltäglichen Existenz. Auch im globalen Maßstab vollzieht sich dieses strafende Schicksal an den ökonomisch schwächsten Ländern. Das ist der politische Skandal. Jetzt mit dem Finger auf Sündenböcke zu zeigen, halte ich allerdings für Heuchelei. Auch die Spekulanten haben sich im Rahmen der Gesetze konsequent nach der gesellschaftlich anerkannten Logik der Gewinnmaximierung verhalten. Die Politik macht sich lächerlich, wenn sie moralisiert, statt sich auf das Zwangsrecht des demokratischen Gesetzgebers zu stützen. Sie und nicht der Kapitalismus ist für die Gemeinwohlorientierung zuständig.
ZEIT: Sie haben gerade Vorlesungen an der Universität Yale gehalten. Was waren für Sie die eindrücklichsten Bilder dieser Krise?
Habermas: Über die Bildschirme flimmerte die hoppersche Melancholie der Endlosschleife langer Reihen verlassener Häuschen in Florida und anderswo mit dem Schild »Foreclosure« im Vorgarten. Anschließend die Busse mit den neugierigen Kaufinteressenten aus Europa und den Reichen aus Lateinamerika, und dann der Makler, der ihnen im Schlafzimmer die aus Wut und Verzweiflung zerstörten Wandschränke zeigt. Nach meiner Rückkehr hat mich überrascht, wie sehr sich die aufgeregte Stimmung in den USA vom gleichmütigen business as usual hierzulande unterscheidet. Dort verbanden sich die höchst realen wirtschaftlichen Ängste mit der heißen Endphase eines der folgenreichsten Wahlkämpfe. Die Krise hat auch den breiten Wählerschichten ihre persönliche Interessenlage schärfer zu Bewusstsein gebracht. Sie nötigte die Leute nicht notwendig zu vernünftigeren, aber zu rationaleren Entscheidungen jedenfalls im Vergleich zur letzten, durch Nine-Eleven ideologisch aufgeputschten Präsidentschaftswahl. Diesem zufälligen Zusammentreffen wird Amerika, wie ich unmittelbar vor der Wahl anzunehmen wage, den ersten schwarzen Präsidenten verdanken und damit einen tiefen historischen Einschnitt in der Geschichte seiner politischen Kultur. Darüber hinaus könnte aber die Krise auch in Europa einen Wechsel der politischen Großwetterlage ankündigen.
ZEIT: Was meinen Sie damit?
Habermas: Solche Gezeitenwechsel verändern die Parameter der öffentlichen Diskussion; damit verschiebt sich das Spektrum der für möglich gehaltenen politischen Alternativen. Mit dem Koreakrieg ging die Periode des New Deal zu Ende, mit Reagan und Thatcher und dem Abflauen des Kalten Krieges die Zeit der sozialstaatlichen Programme. Und heute ist mit dem Ende der Bush-Ära und dem Zerplatzen der letzten neoliberalen Sprechblasen auch die Programmatik von Clinton und New Labour ausgelaufen. Was kommt jetzt? Ich hoffe, dass die neoliberale Agenda nicht mehr für bare Münze genommen, sondern zur Disposition gestellt wird. Das ganze Programm einer hemmungslosen Unterwerfung der Lebenswelt unter Imperative des Marktes muss auf den Prüfstand.
ZEIT: Für Neoliberale ist der Staat nur ein Mitspieler auf dem ökonomischen Feld. Er soll sich kleinmachen. Ist dieses Denken nun diskreditiert?
Habermas: Das hängt vom Verlauf der Krise ab, von der Wahrnehmungsfähigkeit der politischen Parteien, von den öffentlichen Themen. In der Bundesrepublik herrscht ja noch eine eigentümliche Windstille. Blamiert hat sich die Agenda, die Anlegerinteressen eine rücksichtslose Dominanz einräumt, die ungerührt wachsende soziale Ungleichheit, das Entstehen eines Prekariats, Kinderarmut, Niedriglöhne und so weiter in Kauf nimmt, die mit ihrem Privatisierungswahn Kernfunktionen des Staates aushöhlt, die die deliberativen Reste der politischen Öffentlichkeit an renditesteigernde Finanzinvestoren verscherbelt, Kultur und Bildung von den Interessen und Launen konjunkturempfindlicher Sponsoren abhängig macht.
ZEIT: Und nun, in der Finanzkrise, werden die Folgen des Privatisierungswahns sichtbar?
Habermas: In den USA verschärft die Krise die schon jetzt sichtbaren materiellen und moralischen, sozialen und kulturellen Schäden einer von Bush auf die Spitze getriebenen Politik der Entstaatlichung. Die Privatisierung der Alters- und Gesundheitsvorsorge, des öffentlichen Verkehrs, der Energieversorgung, des Strafvollzuges, militärischer Sicherungsaufgaben, weiter Bereiche der Schul- und Universitätsausbildung und das Ausliefern der kulturellen Infrastruktur von Städten und Gemeinden an das Engagement und die Großherzigkeit privater Stifter gehören zu einem Gesellschaftsdesign, das in seinen Risiken und Auswirkungen mit den egalitären Grundsätzen eines sozialen und demokratischen Rechtsstaates schlecht zusammenpasst.
ZEIT: Staatliche Bürokratien können einfach nicht rentabel wirtschaften.
Habermas: Aber es gibt verletzbare Lebensbereiche, die wir den Risiken der Börsenspekulation nicht aussetzen dürfen; dem widerspricht die Umstellung der Altersversorgung auf Aktien. Im demokratischen Verfassungsstaat gibt es auch öffentliche Güter wie die unverzerrte politische Kommunikation, die nicht auf die Renditeerwartungen von Finanzinvestoren zugeschnitten werden dürfen. Das Informationsbedürfnis von Staatsbürgern kann nicht von der konsumreifen Häppchenkultur eines flächendeckenden Privatfernsehens befriedigt werden.
ZEIT: Haben wir es, um ein kontrovers diskutiertes Buch von Ihnen zu zitieren, mit einer »Legitimationskrise des Kapitalismus« zu tun?
Habermas: Seit 1989/90 gibt es kein Ausbrechen mehr aus dem Universum des Kapitalismus; es kann nur um eine Zivilisierung und Zähmung der kapitalistischen Dynamik von innen gehen. Schon während der Nachkriegszeit war die Sowjetunion für die Masse der westeuropäischen Linken keine Alternative. Deswegen habe ich 1973 von Legitimationsproblemen »im« Kapitalismus gesprochen. Und die stehen wieder, je nach nationalem Kontext mehr oder weniger dringlich, auf der Tagesordnung. Ein Symptom sind die Forderungen nach Begrenzung der Managergehälter oder nach Abschaffung der golden parachutes, der unsäglichen Abfindungen und Bonuszahlungen.
ZEIT: Das ist doch Politik fürs Schaufenster. Im nächsten Jahr sind Wahlen.
Habermas: Stimmt, das ist natürlich symbolische Politik und eignet sich zum Ablenken vom Versagen der Politiker und ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Berater. Die wussten seit Langem über den Regelungsbedarf der Finanzmärkte Bescheid. Ich habe mir gerade Helmut Schmidts glasklaren Artikel Beaufsichtigt die neuen Großspekulanten! vom Februar 2007 noch einmal durchgelesen (ZEIT Nr. 6/07). Alle wussten es. Aber in Amerika und Großbritannien haben die politischen Eliten die ungezügelte Spekulation, solange es eben gut ging, für nützlich gehalten. Und auf dem europäischen Kontinent hat man sich dem Washington-Konsens gebeugt. Auch hier gab es eine breite Koalition der Willigen, für die Herr Rumsfeld nicht zu werben brauchte.
ZEIT: Der Washington-Konsens war das berühmt-berüchtigte Wirtschaftskonzept von IWF und Weltbank aus dem Jahr 1990, mit dem zuerst Lateinamerika und dann die halbe Welt reformiert werden sollte. Seine zentrale Botschaft lautete: Trickle down. Lasst die Reichen reicher werden, dann sickert der Wohlstand schon zu den Armen.
Habermas: Seit vielen Jahren häufen sich die empirischen Belege dafür, dass diese Prognose falsch ist. Die Effekte der Wohlstandssteigerung sind national und weltweit so asymmetrisch verteilt, dass sich die Armutszonen vor unser aller Augen ausgebreitet haben.
ZEIT: Um etwas Vergangenheitsbewältigung zu betreiben: Warum ist der Wohlstand so ungleich verteilt? Hat das Ende der kommunistischen Bedrohung den westlichen Kapitalismus enthemmt?
Habermas: Mit dem nationalstaatlich beherrschten, durch keynesianische Wirtschaftspolitiken eingehegten Kapitalismus, der ja den OECD-Ländern einen aus historischer Sicht unvergleichlichen Wohlstand beschert hat, war es schon früher am Ende nach der Preisgabe des Systems der festen Wechselkurse und dem Ölschock. Die ökonomische Lehre der Chicago-Schule ist bereits unter Reagan und Thatcher zur praktischen Gewalt geworden. Das hat sich unter Clinton und New Labour auch während der Ministerzeit unseres jüngsten Helden Gordon Brown nur fortgesetzt. Allerdings hat der Zusammenbruch der Sowjetunion im Westen einen fatalen Triumphalismus ausgelöst. Das Gefühl, weltgeschichtlich recht bekommen zu haben, übt eine verführerische Wirkung aus. In diesem Fall hat es eine wirtschaftspolitische Lehre zu einer Weltanschauung aufgebläht, die alle Lebensbereiche penetriert.
ZEIT: Der Neoliberalismus ist eine Lebensform. Alle Bürger sollen zu Unternehmern und zu Kunden werden&
Habermas: &und zu Konkurrenten. Der Stärkere, der sich in der freien Wildbahn der Konkurrenzgesellschaft durchsetzt, darf sich diesen Erfolg als persönliches Verdienst anrechnen lassen. Es ist von abgründiger Komik, wie Wirtschaftsmanager und nicht nur die dem Elitegeschwätz unserer Talkrunden auf den Leim gehen, sich allen Ernstes als Vorbilder feiern lassen und mental den Rest der Gesellschaft unter sich lassen. Als könnten sie nicht mehr unterscheiden zwischen funktionalen und ehrpusselig-ständegesellschaftlichen Eliten. Was, bitte, soll am Charakter von Leuten in Führungspositionen, die ihre Arbeit halbwegs ordentlich tun, exemplarisch sein? Ein weiteres Alarmzeichen war die Bush-Doktrin vom Herbst 2002, die die Irakinvasion vorbereitet hat. Das sozialdarwinistische Potenzial des Marktfundamentalismus hat sich seitdem nicht mehr nur in der Gesellschaftspolitik, sondern auch in der Außenpolitik entfaltet.
ZEIT: Aber es war ja nicht Bush allein. Ihm stand eine erstaunliche Schar einflussreicher Intellektueller zur Seite.
Habermas: Und viele haben nichts hinzugelernt. Bei Vordenkern wie Robert Kagan tritt nach dem Irakdesaster das Denken in Carl Schmittschen Wolfs-Kategorien noch deutlicher hervor. Den regressiven Absturz der Weltpolitik in ein atomar bewaffnetes, hochbrisantes Machtgerangel kommentiert er heute mit den Worten: »Die Welt ist wieder normal geworden.«
ZEIT: Aber noch einmal zurück: Was wurde nach 1989 versäumt? Ist das Kapital schlicht zu mächtig geworden gegenüber der Politik?
ZEIT: Aber was heißt das? Sie halten an Kants Kosmopolitismus fest und nehmen die von Carl Friedrich von Weizsäcker ins Spiel gebrachte Idee einer Weltinnenpolitik auf. Mit Verlaub, das klingt ziemlich illusionär. Man muss sich doch nur den Zustand der Vereinten Nationen anschauen.
Habermas: Selbst eine gründliche Reform der Kerninstitutionen der Vereinten Nationen wäre nicht ausreichend. Gewiss, der Sicherheitsrat, das Sekretariat, die Gerichtshöfe, überhaupt die Kompetenzen und Verfahren dieser Institutionen müssten dringend für eine globale Durchsetzung des Gewaltverbots und der Menschenrechte fit gemacht werden für sich genommen schon eine immense Aufgabe. Aber selbst wenn sich die UN-Charta zu einer Art Verfassung der internationalen Gemeinschaft entwickeln ließe, fehlte in diesem Rahmen immer noch ein Forum, auf dem sich die bewaffnete Machtpolitik der Weltmächte in institutionalisierte Verhandlungen über die regelungsbedürftigen Probleme der Weltwirtschaft, der Klima- und Umweltpolitik, der Verteilung umkämpfter Energieressourcen, knapper Trinkwasserbestände und so weiter verwandelt. Auf dieser transnationalen Ebene entstehen Verteilungsprobleme, die nicht in derselben Art wie Menschenrechtsverstöße oder Verletzungen der internationalen Sicherheit letztlich als Straftatbestände entschieden werden können, sondern politisch ausgehandelt werden müssen.
ZEIT: Dafür gibt es doch schon eine bewährte Einrichtung: die G8.
Habermas: Das ist ein exklusiver Club, in dem einige dieser Fragen unverbindlich besprochen werden. Zwischen den überspannten Erwartungen, die sich an diese Inszenierungen knüpfen, und dem dürftigen Ertrag der folgenlosen Medienspektakel besteht übrigens ein verräterisches Missverhältnis. Der illusionäre Erwartungsdruck zeigt, dass die Bevölkerungen die ungelösten Probleme einer künftigen Weltinnenpolitik sehr wohl wahrnehmen und vielleicht stärker empfinden als ihre Regierungen.
ZEIT: Die Rede von »Weltinnenpolitik« klingt eher nach den Träumen eines Geistersehers.
Habermas: Noch gestern hätten es die meisten für unrealistisch gehalten, was heute passiert: Die europäischen und asiatischen Regierungen überbieten sich im Hinblick auf die fehlende Institutionalisierung der Finanzmärkte mit Regulierungsvorschlägen. Auch SPD und CDU machen Vorschläge zu Bilanzpflicht und Eigenkapitalbildung, zur persönlichen Haftung der Manager, zur Verbesserung der Transparenz, der Börsenaufsicht und so weiter. Von einer Börsenumsatzsteuer, die schon ein Stück globaler Steuerpolitik wäre, ist freilich nur gelegentlich die Rede. Die vollmundig angestrebte neue »Architektur des Finanzsystems« wird gegen Widerstände aus den USA ohnehin nicht einfach durchzusetzen sein. Aber ob sie angesichts der Komplexität dieser Märkte und der weltweiten Interdependenz der wichtigsten Funktionssysteme überhaupt genügen würde? Völkerrechtliche Verträge, an die die Parteien heute denken, können jederzeit aufgekündigt werden. Daraus entsteht noch kein wetterfestes Regime.
ZEIT: Selbst wenn dem Weltwährungsfonds neue Kompetenzen übertragen würden, wäre das noch keine Weltinnenpolitik.
Habermas: Ich will keine Voraussagen machen. Angesichts der Probleme können wir bestenfalls konstruktive Überlegungen anstellen. Die Nationalstaaten müssten sich zunehmend, und zwar im eigenen Interesse, als Mitglieder der internationalen Gemeinschaft verstehen. Das ist das dickste Brett, das in den nächsten Jahrzehnten zu bohren wäre. Wenn wir mit dem Blick auf diese Bühne von »Politik« reden, meinen wir oft noch das Handeln von Regierungen, die das Selbstverständnis von souverän entscheidenden kollektiven Akteuren geerbt haben. Doch dieses Selbstverständnis eines Leviathan, das sich seit dem 17. Jahrhundert zusammen mit dem europäischen Staatensystem entwickelt hat, ist schon heute nicht mehr ungebrochen. Was wir bis gestern »Politik« nannten, ändert täglich seinen Aggregatzustand.
ZEIT: Aber wie passt das zum Sozialdarwinismus, der sich, wie Sie sagen, seit Nine-Eleven in der Weltpolitik wieder breitmacht?
ZEIT: Der Markt sprengt die Gesellschaft auf, und der Sozialstaat schließt sie wieder?
Habermas: Der Sozialstaat ist eine späte und, wie wir erfahren, fragile Errungenschaft. Die expandierenden Märkte und Kommunikationsnetze hatten immer schon eine aufsprengende, für den einzelnen Bürger zugleich individualisierende und befreiende Kraft; darauf ist aber stets eine Reorganisation der alten Solidarverhältnisse in einem erweiterten institutionellen Rahmen erfolgt. Dieser Prozess hat in der frühen Moderne begonnen, als die hochmittelalterlichen Herrschaftsstände in den neuen Territorialstaaten schrittweise parlamentarisiert Beispiel England oder Beispiel Frankreich durch absolutistische Könige mediatisiert worden sind. Der Vorgang hat sich im Gefolge der Verfassungsrevolutionen des 18. Und 19. Jahrhunderts und der Sozialstaatsgesetzgebungen des 20. Jahrhunderts fortgesetzt. Diese rechtliche Zähmung des Leviathan und des Klassenantagonismus war keine einfache Sache. Aber aus denselben funktionalen Gründen weist die gelungene Konstitutionalisierung von Staat und Gesellschaft heute, nach dem weiteren Schub der wirtschaftlichen Globalisierung, in die Richtung einer Konstitutionalisierung des Völkerrechts und der zerrissenen Weltgesellschaft.
ZEIT: Welche Rolle spielt Europa in diesem optimistischen Szenario?
Habermas: Eine andere als die, die es in der Krise tatsächlich gespielt hat. Ich verstehe nicht ganz, warum das Krisenmanagement der Europäischen Union so gelobt wird. Gordon Brown konnte mit seiner denkwürdigen Entscheidung den amerikanischen Finanzminister Paulson zu einer Kehrtwende in der Interpretation des mühsam beschlossenen bailout bewegen, weil er über den französischen Präsidenten und gegen das anfängliche Widerstreben von Merkel und Steinbrück die wichtigsten Spieler der Euro-Zone an Bord geholt hat. Man muss sich diesen Verhandlungsprozess und dessen Ergebnis nur genau anschauen. Es waren doch die drei mächtigsten in der EU vereinten Nationalstaaten, die als souverän handelnde Akteure vereinbart haben, ihre jeweils verschiedenen, aber gleichgerichteten Maßnahmen zu koordinieren. Trotz der Anwesenheit der Herren Juncker und Barroso hat das Zustandekommen dieser internationalen Vereinbarung klassischen Stils kaum etwas mit einer gemeinsamen politischen Willensbildung der Europäischen Union zu tun. Die New York Times hat denn auch die europäische Unfähigkeit zu einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik nicht ohne eine gewisse Häme registriert.
ZEIT: Und worauf führen Sie diese Unfähigkeit zurück?
ZEIT: Und was sollten diese Duodezfürsten tun?
Habermas: Sie fragen mich nach meiner Wunschliste? Da ich die abgestufte Integration nach Lage der Dinge für den einzig möglichen Weg zu einer handlungsfähigen Europäischen Union halte, bietet sich Sarkozys Vorschlag zu einer Wirtschaftsregierung der Euro-Zone als Anknüpfungspunkt an. Das bedeutet ja nicht, dass man sich damit schon auf die etatistischen Hintergrundannahmen und protektionistischen Absichten ihres Initiators einlassen würde. Verfahren und politische Ergebnisse sind zweierlei. Der »engeren Zusammenarbeit« auf wirtschaftspolitischem Gebiet würde dann eine in der Außenpolitik folgen müssen. Und beides könnte nicht länger über die Köpfe der Bevölkerungen hinweg ausgekungelt werden.
ZEIT: Das unterstützt ja nicht einmal die SPD.
Habermas: Die SPD-Führung überlässt es dem Christdemokraten Jürgen Rüttgers, dem »Arbeiterführer« an Rhein und Ruhr, in diese Richtung zu denken. In ganz Europa stehen die sozialdemokratischen Parteien mit dem Rücken zur Wand, weil sie bei schrumpfenden Einsätzen Nullsummenspiele betreiben müssen. Warum ergreifen sie nicht die Chance, aus ihren nationalstaatlichen Käfigen auszubrechen und sich auf europäischer Ebene neue Handlungsspielräume zu erschließen? Auch gegenüber einer regressiven Konkurrenz von links könnten sie sich so profilieren. Was immer heute »links« und »rechts« bedeuten mag, nur gemeinsam könnten die Euro-Länder ein weltpolitisches Gewicht erlangen, das ihnen eine vernünftige Einflussnahme auf die Agenda der Weltwirtschaft erlaubt. Sonst liefern sie sich als Onkel Sams Pudel an eine ebenso gefährliche wie chaotische Weltlage aus.
ZEIT: Stichwort Onkel Sam Sie müssten doch von den USA tief enttäuscht sein. Für Sie waren die USA das Zugpferd der neuen Weltordnung.
Habermas: Was bleibt uns anderes übrig, als auf dieses Zugpferd zu setzen? Die USA werden aus der jetzigen Doppelkrise geschwächt hervorgehen. Aber sie bleiben einstweilen die liberale Supermacht und befinden sich in einer Lage, die es ihnen nahelegt, das neokonservative Selbstverständnis des paternalistischen Weltbeglückers gründlich zu revidieren. Der weltweite Export der eigenen Lebensform entsprang dem falschen, dem zentrierten Universalismus alter Reiche. Die Moderne zehrt demgegenüber von dem dezentrierten Universalismus der gleichen Achtung für jeden. Es liegt im eigenen Interesse der USA, nicht nur ihre kontraproduktive Einstellung gegenüber den Vereinten Nationen aufzugeben, sondern sich an die Spitze der Reformbewegung zu setzen. Historisch gesehen, bietet das Zusammentreffen von vier Faktoren Supermacht, älteste Demokratie auf Erden, Amtsantritt eines, wie ich hoffe, liberalen und visionären Präsidenten sowie eine politische Kultur, in der normative Orientierungen einen bemerkenswerten Resonanzboden finden eine unwahrscheinliche Konstellation. Amerika ist heute tief verunsichert durch das Scheitern des unilateralistischen Abenteuers, durch die Selbstzerstörung des Neoliberalismus und den Missbrauch seines exzeptionalistischen Bewusstseins. Warum sollte sich diese Nation nicht, wie so oft, wieder aufrappeln und versuchen, die konkurrierenden Großmächte von heute die Weltmächte von morgen rechtzeitig in eine internationale Ordnung einzubinden, die keine Supermacht mehr nötig hat? Warum sollte ein Präsident, der aus einer Schicksalswahl hervorgegangen im Inneren nur noch einen minimalen Handlungsspielraum vorfindet, nicht wenigstens außenpolitisch diese vernünftige Chance, diese Chance der Vernunft ergreifen wollen?
ZEIT: Sogenannten Realisten würden Sie damit nur ein müdes Lächeln entlocken.
Habermas: Ich weiß, dass vieles dagegen spricht. Der neue amerikanische Präsident müsste sich gegen die von der Wall Street abhängigen Eliten in der eigenen Partei durchsetzen; er müsste wohl auch von den naheliegenden Reflexen eines neuen Protektionismus abgehalten werden. Und die USA würden für eine derart radikale Kehrtwende den freundschaftlichen Antrieb eines loyalen, aber selbstbewussten Bündnispartners brauchen. Einen im kreativen Sinne »bipolaren« Westen kann es freilich nur geben, wenn die EU lernt, nach außen mit einer Stimme zu sprechen und, tja, das international angesparte Vertrauenskapital zu nutzen, um selber weitsichtig zu handeln. Das »Ja, aber&« liegt auf der Hand. In Krisenzeiten braucht man vielleicht eher eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams und das Klein-Klein des bloßen Durchwurschtelns.
Michael Kastner: Sparen und Konsumieren.
OÖN vom 27.03.2006
Peter Gillmayr: Ein Geiger, der vieles gleichzeitig macht und dabei locker bleibt.
Kompetenz, Leidenschaft, Fantasie, Idealismus, Humor und Charme sagen Künstlerkollegen Peter Gillmayr (46) nach. Mit diesen Eigenschaften machte er den "Musiksommer Bad Schallerbach" zum Erfolg. Der Intendant tourt mit Klaus Maria Brandauer, Julia Stemberger, Timna Brauer und lotst Weltstars in die Vitalwelt. Die treten für ihn zum Freundschaftspreis auf.
Seit 1996 gibt Gillmayr im Schallerbacher Kurorchester den Ton an. Damals begann der eifrige Sammler von CDs (2000 Stück), Literatur und Weinen, gute Musiker aus der Region zu sammeln.
Ehemalige Schüler des Musiklehrers spielen bei Ensembles oder wurden Berufsmusiker. 80 Preise bei "Prima la Musica" in zehn Jahren machen Gillmayr stolz. Er unterrichtet Geige, Kammermusik, Viola an der Landesmusikschule Grieskirchen, leitet das Jugendstreichorchester.
Ein Motivationskünstler, der die Jugend mit Schmäh packt und Begabungen erkennt. Das gilt auch für die eigenen fünf Kinder. Gillmayr dirigiert das Grieskirchner Kammerorchester, geigt beim "Ensemble Sonare Linz", ist Konzertmeister in Bad Hall und mischt bei den Festspielen in Steyr mit. Das ergibt rund 100 Auftritte als Kammermusiker und 20 als Dirigent. Zum Auftanken spielt der Geiger Tennis und besucht historische Städte wie Prag: "Um zu sehen, dass es noch etwas anderes gibt, als die Straße zwischen Wels und Linz", so der Musiker.
Jeden Tag in der Früh spielt er eine Stunde mit seinen jüngsten Kindern. Mit ihnen und Partnerin Martina, einer Klavierpädagogin, lebt er unter einem Dach. In Pichl bei Wels wohnt Gillmayr nicht wegen der Autobahn, sondern wegen dem Birnbaum im Garten. Nicht selten ist dort die ganze Patchworkfamilie versammelt. (vero)
Jung entdeckt
Aufgewachsen auf der Linzer Gugl, begann Peter Gillmayr mit neun Jahren Violine zu lernen. Sein erster Geigenlehrer, der Spanier Filiberto Estrela, weckte das Interesse des musisch begabten Schülers für Kunst und Kultur. Ab 13 nahm Gillmayr an internationalen Konzertreisen teil. Nach der Matura am Akad. Gymnasium Linz inskribierte er Jus. Das war nicht Seins. Er studierte am Brucknerkonservatorium und am Mozarteum.
Ich mag an Schallerbach: Die Moststation Schönagl - der einzige Punkt, wo man das ganze Trattnachtal sieht
Mein Kraftplatz: Wald
Mich ärgert: Geistlosigkeit, Naturzerstörung, Stillstand in der Gesellschaft, Verblödungseffekt des Fernsehens
Lieblingsmusik: Bach, Palestrina, Prokofieff, Mendelssohn, Haydn, Doors (eine der letzten Bands, bei der man merkte, dass Rockmusik Bedürfnis ist)
Mozart: strahlendste Musik in Dur, Abgründiges in Moll - das fasziniert mich an ihm. Alle 22 Mozartopern bei den Salzburger Festspielen aufzuführen ist grober Unsinn. So viele gute Mozart-Tenöre sind gar nicht verfügbar
Quoten: nur interessant, wenn die Botschaft ankommt.
Eventkultur: abschaffen
Wunsch ans Publikum: mehr auf Inhalte schauen als auf Verpackung. Manche glauben, ein Konzert wird umso besser, je weiter man dafür fahren muss
Lebensmotto: So lass uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen, auch wenn wir wissen, dass morgen die Welt untergeht.
In eigener Sache- enttäuscht, aber doch irgendwie schon gelassen, verfasse ich heute meine persönlichen Ansichten zum Thema "staatliche Kulturförderung":
Auch das 14. Ansuchen im 14. Veranstaltungsjahr des "Musiksommers Bad Schallerbach", mit 80 Konzerten in 9 Monaten, an die Kulturförderungsabteilung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst wurde soeben negativ beantwortet, d.h., es gibt auch 2009 wieder keinen einzigen Cent aus dem österreichischen Bundessteuertopf für einen engagierten, mühevoll etablierten, minimalst budgetierten non profit- Kulturverein am Land.
Naja, man kann sich in dieses Schicksal auch fügen, und denken: na, wenigstens verbieten sie es einem nicht!
Die zuständige Abteilungsleiterin vom BMUKK begründete die neuerliche Absage telefonisch mit den folgenden, üblichen Argumenten: zu wenig Uraufführungen, zu wenig innovativ, zu wenig vernetzt und interkulturell, zu wenig für die Jugend....
Es scheint, dass zum einen den Kulturumschlagzentralen in Wien, Salzburg und heuer auch Linz noch immer zu wenig öffentliche Mittel für überladene Festwochen und überzogene Intendantengehälter bleiben.
In Folge muss dann z.B. ein sparsamer und gemeinnütziger Kulturverein mit Ganzjahresprogramm für ein Einzugsgebiet von 60.000 Menschen auch zum 14. mal fördermässig durch den Rost fallen.
Die Absicht, gute Kultur gerade am Land zu etablieren und zugleich die musikalische Jugend intensiv zu fördern, wird dabei nicht einmal wahrgenommen.
In einem Landstrich wohlgemerkt, in dem Jugend- Kulturarbeit neben Blasmusik, Feuerwehr und katholischer Jugend u.a. vorwiegend aus dem Abhalten von Zeltfesten besteht, Gemeinden und Hobbyvereine ihr nicht vorhandenes Kulturbudget durch Einnahmenteilungen mit Agenturen bei Kabarettabenden lukrieren müssen, oder mit unmotiviert ersonnenen "Kultur"projekten die regionale EU- Förderung anzuzapfen versuchen, damit diese nicht der Agrarabteilung oder gar der Nachbargemeinde zufällt.
Es scheint zum anderen, als würde die Gepflogenheit der 70er weiter fortgesetzt werden, neben den österreichischen Tempeln der Hochkultur quasi als Ausgleich besonders die Hervorbringungen "junger, wilder" Zeitgenossen zu fördern, die dann oft vor 17 Zuhörern exekutiert werden.
Die alten Dogmen bleiben: nur ganz neu ist gut. So wie bei vielen Förderansuchen muss dann auch vornehmlich der Beipacktext stimmen- meist mit dem üblichen Mix aus griechischer Mythologie, Psycho- und Befindlichkeitsgerede, ganz lieb gemeinter Gesellschaftskritik, gern auch unter Verwendung von Holocaustvokabeln, ein wenig Antiamerikanismus, dafür umso mehr an englischen Abkürzungen aus der Welt der globalen Vernetzung.
Ich hab in meiner 35jährigen Laufbahn als Geiger, Kammer- und Orchestermusiker an die 150 zeitgenössische Werke aus der Taufe zu heben geholfen (und werde das auch weiter tun): davon sind wenig Kreationen durch handwerkliches Können, Geist (nicht: Zeitgeist) und Geschmack aufgefallen. (Dabei bilde ich mir ein, meine Wahrnehmungsfähigkeiten entsprechend geschult zu haben, bin ich doch als Linzer und sehr wissbegierig in zahllose einschlägige Veranstaltungen im Brucknerhaus, der Galerie März und auch der ars electronica gegangen, wobei allerdings in den Anfängen der Anteil der Künstler vor dem der Elektronik- Bastler und Amateur- Installateure noch ein wenig überwogen hat).
Fast im reaktionären Eck wähnt man sich, veranstaltet man Kultur- wenn auch mit grandiosen Darstellern und durchdachten Programmen- von etwa 1600 bis zur Moderne: das ist ja praktisch gar nichts.
Es muss entweder nach dem Jänner 2009 oder vor Weihnachten 1109 entstanden sein, um ja nicht nach mainstream zu riechen.
Es muss was Ausgefallenes, Verblüffendes, plakativ "Vernetztes" oder "Interkulturelles", andererseits den Geldgeber nicht direkt Provozierendes oder Abstoßendes sein. Es müssen ausserdem geschäftstüchtige Nischenlückenscouts in den Kreativabteilungen sitzen und mit kindischen Übertiteln in unüblicher Schreibweise und Interpunktion Förderbeirat und Publikum überraschen und überzeugen.
Leider ist den Entscheidungsträgern an den Fördertöpfen in Wien der terminus technicus "niveauvolle Unterhaltung" abhanden gekommen, so, als gäb`s zwischen Ötzi, Rieu etc. und der so genannten Avantgarde rein gar nichts, und Konzertbesucher müssten permanent lernwillig sein oder sich zumindest anstrengen.
Dass regionale Veranstalter auch den regionalen Künstlern, Amateurformationen und vor allem der musikalischen Jugend eine Bühne bieten sollten, ist das etwa nicht innovativ, ist das keine Frage von "networking" und "Nachhaltigkeit"?
Nein, es ist eine Selbstverständlichkeit.
Zum Schluss bleibt noch die Frage, warum man in einem ausgewiesenen Kur- und Wellnessort mit einer Gästeschicht jenseits der 50 ausgerechnet Kinder- und Jugendkultur veranstalten sollte, zudem dieses Genre von vielen anderen Veranstaltern ringsum abgedeckt wird.
Peter Gillmayr, Gallspach, 19.2.2009
