In meiner Eigenschaft als Pädagoge und Kulturvermittler möchte ich an dieser Stelle immer wieder Zitate, Aufsätze und Gedanken großer Persönlichkeiten zum wichtigsten Thema unserer Zeit, dem Umgang mit Kultur, präsentieren. Peter Gillmayr
"Wo Freiheit ist, muß, wer öffentlich auftritt, sich auch öffentlich behandeln und verhandeln und mitunter auch mißhandeln lassen. Diese Stärke des Gemütes, diese Tugend muß er haben. Mag er das nicht, so setze er sich in die Werkstatt hin und nähe Schuhe und Röcke." (Ernst Moritz Arndt)
"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein. Die großen Probleme dieser Welt können nicht mit derselben Denkweise gelöst werden, mit welcher wir sie verursacht haben." (Albert Einstein)
„Ein Mensch mit sicherem Geschmack, besonders in Stilfragen, ist nämlich weniger anfällig für die primitiven Refrains und rhythmischen Beschwörungsformeln, die jeder Art von politischer Demagogie eigen sind“. (Joseph Brodsky)
Festrede von Nikolaus Harnoncourt zum Mozartjahr, Salzburg, 28. Jänner 2006. Und jetzt, nach dieser unfassbaren Musik – wo jede Sprache arm wird, wo wir schweigen müßten, jetzt soll ich noch etwas über Mozart sagen und womöglich auch über dieses Jahr – nein – zu dieser Musik passen keine Festreden. – Wie kann ich da noch etwas über Mozart sagen? – Niemand kann es; – aber alle tun es jetzt. Österreich heißt in diesem Jahr Mozart. – Aber, das hat nichts mit ihm zu tun, ich fürchte, mehr mit Geld und Geschäft. – Eigentlich müssten wir uns ja genieren. Denn was Mozart von uns verlangt und seit mehr als 200 Jahren verlangt, wäre so einfach: Wir müssten ganz still und aufmerksam zuhören, und wenn wir seine wortlosen Beschwörungen und Plädoyers verstünden, dann müssten wir uns, wie schon gesagt, eigentlich eher genieren als uns stolz zu brüsten. Jetzt bejubeln wir ihn und das klingt fast so, als wollten wir uns selbst bejubeln. Wir haben aber überhaupt keinen Grund, auf irgendetwas stolz zu sein, was mit Mozart zusammenhängt. Schon seit damals, als er hier in Salzburg und in Wien lebte. – Er verlangt etwas von uns mit der unerbittlichen Strenge des Genies und wir bieten ihm unsere Jubiläen mit ihren Umwegrentabilitäten und Geschäften und lassen seine Töne zerstückelt aus allen Werbekanälen tropfen – das dürfte einfach nicht sein – das ist ein Skandal und eine Schande – wie kann man das tolerieren? – Aber, wenn so ein Besinnungsjahr trotz alledem einen Sinn haben soll, dann müssen wir hören – hören – hören – und können dann vielleicht einen kleinen Teil der Botschaft verstehen. Mozart braucht unsere Ehrungen nicht – wir brauchen ihn und seinen aufwühlenden Sturmwind. So ein Jahr ist in Wirklichkeit unsere Chance.
Was ist denn der Inhalt seines Plädoyers? – Es ist die Kunst selbst, es ist die Musik, und wir haben Rechenschaft darüber abzulegen, was wir mit ihr gemacht haben und immer noch machen – und darüber, was wir versäumen und nicht machen.
Die Kunst und mit ihr die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens, sie ist uns geschenkt als Gegengewicht zum Praktischen, zum Nützlichen, zum Verwertbaren. – Es leuchtet mir ein, was manche Philosophen sagen, dass es die Kunst und eben die Musik ist, die den Menschen zum Menschen macht. Sie ist ein unerklärliches Zaubergeschenk, eine magische Sprache.
Die letzten Generationen haben ihr Schwergewicht immer mehr und mehr auf das unmittelbar Verwertbare gelegt, – man meint wohl, die Glückserwartung scheine nur im Materiellen zu liegen: Glück wird mit Wohlstand und Wohlstand mit Besitz gleichgesetzt: Es geht mir besser, je mehr ich besitze. Und diese Einstellung wirkt sich bereits in der Erziehung und in den Lehrplänen der Schulen aus. Nach und nach wird alles Musische verdrängt, alles, was die Phantasie fördert und was unverzichtbar ist – fast müsste man schon sagen: wäre – für ein menschenwürdiges Leben. Heute können hier die meisten Kinder nicht einmal mehr singen, weil sie nie dazu angeleitet wurden – sie wissen nicht, wie man die Töne formt – und sie kennen keine Lieder. Da fängt aber das Musik-Machen, das Musik-Verstehen an, mit drei, vier, fünf Jahren schon. Später überlässt man es sowieso dem Radio und dem Walkman.
Dieses Jahr jetzt mahnt uns in aller Eindringlichkeit, dass unsere Kinder ein Recht auf eine volle Bildung und nicht nur auf Ausbildung haben. – Es ist symptomatisch für unsere Bildungsziele, dass bei den Kontrollmethoden – etwa der Pisa-Studie – die Musik praktisch keine Rolle spielt. Nebenbei bemerkt – die beiden Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die über Bildung und Kultur handeln, Nr. 26 und 27, sind von peinlicher Dürftigkeit. – Wenn zu Rechnen, Schreiben und Lesen nicht die Kunsterziehung gleichgewichtig hinzutritt, wenn das Nützlichkeitsdenken alles beherrscht – und wir sind nahe daran – dann besteht höchste Gefahr, dass der Materialismus und die Raffgier zur götzenhaften Religion unserer Zeit werden.
Ist es nicht schon so weit? Kardinal König sagte vor einigen Jahren „... der Weg Europas hat in eine Sackgasse geführt: Vorrang der Technik vor der Ethik, Primat der Sachwelt vor den Personenwerten...“. Pascal sprach im 17. Jahrhundert von den zwei einander bedingenden Denkweisen des Menschen: er nannte sie das arithmetische Denken und das Denken des Herzens. – Kierkegaard warnte schon um 1840 vor dem drohenden Materialismus, er schrieb: „... man befürchtet im Augenblick nichts mehr, als den totalen Bankrott in Europa...“, übersieht aber „... die weit gefährlichere, anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht“.
Es geht mir jetzt nicht so sehr um eine größere Beachtung der Kunst in ihrem erlauchten Spitzenbereich, es geht darum, dass diese höchsten Formen schließlich ins Leere rufen, wenn niemand mehr die Sprache versteht. Die Musik ist ja keineswegs die abgehobene Geheimsprache einer arroganten, selbstbewussten und privilegierten Minderheit, nein, jeder kann ihre Botschaft mitbekommen, kann teilnehmen an ihren Reichtümern, wenn die Antennen von klein auf richtig eingestellt werden.
Da die Kunst im Bereich der Phantasie zuhause ist, hat sie etwas Rätselhaftes, nicht Erklärbares, – ihre unsichtbare Macht ist gewaltig und gefährlich, ihre Wirkung subversiv. Deshalb haben Machthaber immer wieder versucht, sich ihrer zu bedienen. Ohne Erfolg, denn Kunst ist stets oppositionell und souverän, sie lässt sich weder zähmen, noch einverleiben. Sie ist eine Sprache des Unsagbaren – die aber manchen letzten Wahrheiten wohl eher nahe kommt als die Sprache der Worte, der Verständigung mit ihrer Logik, mit ihrer Eindeutigkeit, ihrem schrecklichen: Ja oder Nein.
Die Rolle, die wir der Kunst zubilligen ist vielfach, sie uns dienstbar zu machen, sie zu zähmen, aber auch uns mit ihr zu brüsten. In unserem schönen, geförderten Musikleben sollen die Menschen nach aufreibender Arbeit Freude und Erholung finden – sollen wieder Kraft finden für den Alltagsstress. (Die Nazis nannten das „Kraft durch Freude“– mit ähnlicher Begründung wie bei den Menschenrechtsartikeln).
Ein gefährlicher Schritt im langen und illegalen Prozess, Kunst „nutzbar“ zu machen.
Die Musik der großen Komponisten hat diesen Trend fast nie bedient, sie war schon immer viel mehr: nämlich sensible Reaktion auf die geistige Situation der Zeit – sie war und ist ein Spiegel, der den Hörer sich selbst zu erkennen half, der ihn auch in Abgründe blicken ließ: als man Mozarts g-Moll-Symphonie zum ersten Mal hörte, wurde gefragt, ob derartige Erschütterungen zulässig seien. Diese Symphonie ging ja für die Menschen damals bis in die Extreme der musikalischen Sprache. Der Züricher Musikästhetiker und Kulturphilosoph Hans Georg Nägeli (1773-1836) bezweifelte – wie manche seiner Zeitgenossen – ob derartiges noch zulässig und zumutbar sei – damals ist wohl keiner beruhigt nach Hause gegangen.
Durch die Kunst werden wir ja zu Erkenntnissen geführt, oft geradezu gestoßen: sie ist der Spiegel in den wir schauen müssen. Um dem zu entkommen, hat man eine bloß ästhetisierende, manche sagen „kulinarische“ Art, mit Kunst umzugehen angenommen: Man hört „schöne“ Musik, man sieht „schöne“ Bilder – aber man lässt sich lieber nicht von ihr erschüttern, oder gar umkrempeln.
Als junger Orchestermusiker vor 50 Jahren mußte ich die g-Moll-Symphonie (Mozarts) jährlich oft und oft spielen – damals immer lieb und hübsch, die Zuhörer wiegten selig ihre Köpfe, man sprach nachher von „Mozart-Glück“.– Die Partitur auf meinem Pult aber sagte anderes: wie hier alles in Frage gestellt, ja geradezu zerstört wird: die Melodie – die Harmonie – der Rhythmus. Nichts ist so, wie es korrekterweise sein müsste, außer vielleicht das romantische Trio des Menuetts. – Es kann schon sein, dass man damals, nach dem Krieg, die ausstrahlende Harmonie, das rein Beglückende gebraucht hat – die Kehrseite der Medaille hatte man ja grausam erlebt. So kehrten praktisch alle Mozart-Interpretationen damals das Helle, Positive hervor und unterdrückten das Erschütternde.
Diese „Symphonie“ wurde zu meiner persönlichen Schicksalssymphonie, sie hat mein Leben nachhaltig verändert, da ich sie eines Tages, nach 17 Jahren als Orchestercellist, so nicht ein einziges Mal mehr spielen wollte, ich verließ das Orchester...
Man kann in dieser Symphonie auch ein großes Beispiel sehen, ähnlich vielen Werken der Literatur und der bildenden Kunst: – wie weit darf, soll oder muss Kunst gehen – aber auch: was kann und muss der Hörer zu ertragen bereit sein. Mozart ist immer wieder an diese Schmerzgrenze gegangen.
Wie fast alle großen Künstler bleibt Mozart als Person rätselhaft, ja geradezu unheimlich. Man meint, alles über ihn zu wissen – sein Leben ist ja bestens dokumentiert – aber wenn man etwas über ihn sagen will, bemerkt man, dass man ihn überhaupt nicht kennt.
Unser geschichtliches oder biographisches „Wissen“, ganz allgemein gesprochen, ist ja kein Wissen – wir erwerben es indirekt und meinen, Augenzeugen zu sein.
Wir nehmen die Bilder – etwa des Fernsehens – als Fakten, wir glauben, dabei gewesen zu sein, haben aber nichts gespürt auf unserer Haut und in unseren Herzen. Die Bilder sind Bilder – aber die Wirklichkeit ist nur vorgetäuscht, sie war ganz anders.
Wir werden die Wahrheit über Mozart nie erfahren, – es ist unser selbstgemachtes Bild, das wir dafür halten. Nur das Werk birgt die Wahrheit. Den Menschen zu verstehen scheint unmöglich – so gelangen wir, wie bei vielen Künstlern, zu einer Art Doppelgängersicht. Als gäbe es zwei Mozart: das spielende Kind, den heiteren, extrovertierten jungen Mann, von dem seine Freunde sagten, er sei niemals mürrisch gewesen; der von Jugend an seine Briefe in einem geschliffenen Stil schrieb; gebildet, schlagfertig und sicher. Den Mozart der Biographien, mit seinen finanziellen, familiären und künstlerischen Krisen; war er reich oder arm? – zerkracht mit seinem Vater oder in liebevoller Harmonie? – war er künstlerisch gescheitert nach dem Wiener Misserfolg von „Le Nozze di Figaro“?– Ich glaube kein Wort davon, denn wie Oswald Spengler sagt: „Natur soll man wissenschaftlich traktieren, über Geschichte soll man dichten“ – und das tat man über die Maßen. – Aber der andere Mozart ist der Eigentliche, ist ungreifbar und unbegreifbar, er entzieht sich jeder Beurteilung. Wenn wir ihn erfassen wollen, müssen wir beschämt erkennen, dass unsere Elle nicht in sein Maßsystem passt – er kommt von einem anderen Stern. Er lebt nur durch sein Werk: Ernsthaft in jedem Augenblick, auch im Witz beklemmend: der „Musikalische Spaß“, ein ebenso dunkles Stück wie die gespenstische Lach-Arie in „Zaide“.
Was muss das für ein Schock gewesen sein im Hause Mozart, als der Vater im Kleinkind das Genie erkannte: man meint ein herziges, gescheites Kind zu haben und sieht unvermittelt – ein Krokodil. Ein Genie wie Mozart wird nicht, das ist – paff – wie ein Meteor aus dem Universum. Kein spielendes Kind, eher ein spielender Erwachsener.
Es ist in der menschlichen Gesellschaft nicht vorgesehen, ein Genie großzuziehen, dafür gibt es keine Vorbilder. So ein dämonisches Wesen okkupiert selbstverständlich seine Umgebung, man kann es nicht „erziehen“, es ist ein geliebter und zugleich beängstigender Hausgenosse. – Von seinen ersten musikalischen Äußerungen an ist Mozarts Weg als Künstler von einer Unbeirrbarkeit, von einer atemberaubenden Sicherheit – genau konträr zu seinem äußerlichen Lebensweg.
Schon als Kind komponierte er Werke, deren emotionaler Inhalt weit über das hinaus geht, was er erlebt und erfahren haben konnte. So können wir von dem Jüngling, der er immer war und blieb, die letzten und tiefsten Geheimnisse von Liebe und Tod, von Tragik, Schuld und Glück erfahren.
Er zwingt uns, in seelische Abgründe zu schauen und kurz darauf in den Himmel; vielleicht ein Griffel in der Hand Gottes.
Die Rede Friedrich Guldas anlässlich der Verleihung des Beethovenringes.
(am 15.Juni 1969 wird F.Gulda der Ehrenring des 3.Wiener Beethovenwettbewerbs verliehen. Mit seiner anschließenden provokant-kritischen “Dankesrede“ entfacht er einen in der Geschichte der Wiener Musikakademie einmaligen Skandal und gibt den Ring fünf Tage später wieder zurück.)
Sehr geehrter Präsident, geschätztes Komitee, meine Damen und Herren, liebe musikalische Jugend!
Vor einigen Wochen erhielt ich die schriftliche Mitteilung des Komitees des „Internationalen Beethoven- Wettbewerbs“ der Staatsakademie Wien, dass ich anlässlich der Schlussveranstaltung des Bewerbes mit dem Beethovenring ausgezeichnet werden sollte. Dieses Schreiben löste bei mir sofort eine Art Gewissenskonflikt aus. Der Grund, warum ich mich schließlich entschlossen habe, hierher zu kommen, ist, die Gelegenheit wahrzunehmen, Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, vor allem aber der hier versammelten musikstudentischen Jugend, einige Gedankengänge zu erklären, die mich in diesem Zusammenhang besonders bewegen.
Ich halte nämlich ein so durch und durch konservatives Institut wie die Wiener Staatsakademie eigentlich nicht für berechtigt, eine Auszeichnung zu vergeben, die den Namen eines der größten Revolutionäre der Musikgeschichte trägt. Erzieht die Staatsakademie Euch, ihre Studenten, zu wahren Nachfolgern des musikalischen Rebellen und Neuerers Beethoven? Sicher nicht; sie leitet Euch im Gegenteil zu zahmem Nachbeten an. Die Botschaft Beethovens an Euch aber lautet: „Ich war ein musikalischer Revolutionär, werdet wie ich!“ Stattdessen aber werdet ihr zu fügsamen Musikbeamten erzogen. Die Akademie handelt auch nicht in Beethovens Sinne, wenn sie dafür sorgt, dass Euer musikalischer Blick nicht über die musikalische Heimatkunde hinaus zur musikalischen Geografie der Welt vorstößt. Sie vergeht sich damit an der Botschaft „Seid umschlungen, Millionen!“ Damit will ich sagen, dass nur die Musik unserer engeren Heimat gelehrt wird, nicht aber die der ganzen Welt, wie es einer wahren Hochschule für Musik zukäme.
Die Akademie belastet Euch im Fach „Musikgeschichte“ mit den Geburts- und Sterbedaten völlig unwichtiger Barock- und Renaissancekomponisten, anstatt Euch zu sagen, worin die wahre musikalische Kraft des Barock- und Renaissancezeitalters gelegen hat: nämlich in der ungeheuren Verbreitung der aus spontaner Begeisterung geborenen musikalischen Improvisation. Sie redet Euch ein, dass das Abspielen von vorgeschriebenen Noten eine größere musikalische Leistung sei, als die schöpferisch- improvisatorische Eigenbetätigung. So erzieht Euch die Akademie zu einer herablassenden und abschätzigen Haltung jenen Musikern gegenüber, die die gegenteilige Ansicht vertreten- besonders dann, wenn sie es wagen, diese auch zu praktizieren- wie zum Beispiel auch ich selbst.
„Aber im Gegenteil“, höre ich einwenden, „Wir schätzen Sie sehr, Herr Gulda; wie schätzen Sie sogar so sehr, dass wir Ihnen den Beethovenring verleihen! Schließlich haben Sie doch auch die Akademie absolviert und einen Wettbewerb gewonnen etc.“
Darauf ist zu antworten: Der Empfänger dieser Ehrung war und ist vielleicht nicht ganz der Unrichtige, aber aus den falschen Gründen ist ihm diese Ehrung zugedacht. Wenn er- innerlich- etwas geworden ist, so wurde er es nicht durch Akademie und Wettbewerbs, sondern trotz dieser.
Ich habe den Eindruck, dass man mich durch die Verleihung des Beethovenringes dazu verhalten will, mich mit den erwähnten Missständen, welche meiner Ansicht nach allesamt einen Verrat an der revolutionären Botschaft Beethovens darstellen, solidarisch zu erklären und diese zu sanktionieren. Nun bin ich zwar auch nur ein Mensch und gewissen Verführungen und Bestechungen zugänglich (wie wir alle)- jedoch nicht, wenn es sich um so ernste Dinge wie die musikalische Erziehung handelt.
Ich könnte Ihnen, meine jungen Freunde- wenn ich so sagen darf- , jetzt und hier ein Minimalprogramm zur Reform des Studienganges an der Staatsakademie für Musik in Wien skizzieren. Dieses Minimalprogramm müsste als wichtigste Punkte enthalten:
1. Die Erweiterung der musikalischen Studien, und zwar in der Form, dass sie nicht nur das Studium unserer europäischen Musik, sondern auch das Studium zumindest der wichtigsten außereuropäischen Praktiken einschließen (z.B. Jazzmusik, indische Musik etc.), kurz gesagt, die Erweiterung der musikalischen Heimatkunde zur musikalischen Geografie. Auf jeder Mittelschule werden Fremdsprachen gelehrt, nur die Hochschule für Musik beschränkt sich auf die Muttersprache.
2. Das intensive Studium der Improvisationspraktiken unserer eigenen musikalischen Vergangenheit unter geeigneten Lehrern. Diese dürften allerdings sehr schwer zu finden sein, da ein bloßes Theoretisieren gerade in dieser Sparte absolut wertlos wäre.
3. Die Reform des Faches Musikgeschichte im vorher erwähnten Sinn.
4. Nicht zuletzt ein paritätisches Mitspracherecht der Studenten bei allen akademischen Entscheidungen, insbesondere, was den Lehrplan betrifft.
Ich sagte, ich könnte Ihnen dieses Minimalprogramm weiter ausführen, wenn mich nicht eine tiefe Skepsis davon abhielte. Diese Skepsis hat mit meiner Überzeugung zu tun, dass im allerstrengsten Sinn, auch mit einer noch so gutwilligen Reformfreudigkeit (von der die Staatsakademie für Musik ohnehin weit entfernt ist) nichts erreicht wäre (ich sage, im allerstrengsten Sinn nichts erreicht wäre) und zwar deshalb, weil jeder revolutionäre Gedanke, sobald er sich in einer Institution niederschlägt, sobald er sich institutionalisiert, eben durch den Akt der Institutionalisierung schon konservativ, oder, wenn sie wollen, reaktionär wird.
Das, was Beethoven ausmacht, was ihn zum Vorbild macht, kann man auf keiner herkömmlichen Schule lernen. Sicherlich, auch er hatte Lehrer, zuerst Neefe, dann- glaube ich- Albrechtsberger, auch Haydn; dass er aber gerade dem größten von Ihnen, nämlich Haydn, nach kurzer Zeit davonlief, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Problematik jedes formellen musikalischen Unterrichts.. Die Frage lautet: „Wollt Ihr die Reform der Schule, oder wollt Ihr ... das Andere, das Richtige,, das Wahre?“- Meine eigene Skepsis bezüglich Reform habe ich Euch dargelegt, doch möchte ich die Entscheidung über diese wichtige Frage gerne Euren internen Diskussionen überlassen. Über eines jedoch sollten wir uns einig sein: dass wir den Auftrag Beethovens nur dann erfüllen, wenn wir dem musikalischen Fortwursteln, wie es leider hierzulande (und nicht nur hierzulande) praktiziert und gelehrt wird, eine radikale Absage erteilen.
Ich wiederhole abschließend, dass ich mich mit der Annahme dieses Ringes in keiner Weise mit den kritisierten Missständen identifizieren mag. Sollte das Komitee zu dem Schluss kommen, dass unter diesen Umständen der Ring einem Würdigeren, beziehungsweise Genehmeren zu verleihen sei- wobei nichts gegen die anderen Träger des Beethovenringes, nämlich des altehrwürdigen Wilhelm Backhaus und die einzigartigen Wiener Philharmoniker gesagt sein soll- so bin ich gerne bereit, ihn jederzeit zurückzugeben. Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Präsident, und das Komitee, hierüber baldmöglichst zu beschließen. Meinen jungen Freunden aber, speziell den Preisträgern, möchte ich ans Herz legen, sich mit den von mir angedeuteten Gedanken ernsthaft zu beschäftigen und zu versuchen, sich des großen Auftrages Beethovens würdig zu erweisen.
Zu schräg für unser Gehirn.
Neue Musik ist anstrengend. Neuro- und Musikwissenschaftler erforschen, warum die Klänge von Schönberg, Stockhausen und Cage nur eine Minderheit begeistern.
In 50 Jahren werde man seine Musik auf der Straße pfeifen, soll der Komponist Arnold Schönberg Anfang des 20. Jahrhunderts gesagt haben. Unbegründet war diese Hoffnung ja nicht: Auch ein Neuerer wie Beethoven war zunächst auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen, bevor Freude schöner Götterfunken zum Welthit wurde.
Schönberg aber ist seit 58 Jahren tot, und seine Zwölftonserien haben ebenso wenig einen Eingang in die populäre Kultur gefunden wie die elektronischen Experimente Karlheinz Stockhausens oder die Geräuschcollagen von Pierre Henry.
Die Neue Musik ist einsam alt geworden, die Zeitgenossen der »zeitgenössischen klassischen Musik« sterben langsam aus. Das spärliche Publikum, das oft nur ein Konzert besucht, weil es zum Abonnement gehört, sitzt dieser Musik häufig verständnislos gegenüber. Fast jeder kennt den »Hurz«-Sketch von Hape Kerkeling, der sich über den tiefen Graben zwischen Musikern und einem Publikum lustig macht, das offenbar jeden Nonsens als Kunst akzeptiert.
Ganz anders ergeht es dagegen der zeitgenössischen bildenden Kunst: Auch die ist oft sperrig, experimentell, absurd, bricht mit allen Konventionen – aber die Museen moderner Kunst sind regelrecht überlaufen. Warum ist das bei der zeitgenössischen klassischen Musik anders?
An diesem Wochenende wird in Kempten im Allgäu über diese Frage diskutiert – unter Beteiligung der Wissenschaft. Beim Zeitklänge-Festival wird Neue Musik gespielt, parallel dazu schildern Musikwissenschaftler, Hirnforscher und Philosophen ihre Sicht auf das Phänomen. Und tatsächlich können neuere Forschungserkenntnisse einiges zur Klärung beitragen.
Anders als man vielleicht erwarten könnte, geht es in solchen Debatten nur selten um absolute Eigenschaftn der Musik, etwa ob moderne Klänge nun »dissonant« oder »nicht harmonisch« sind. Das wäre zu kurz gegriffen und krankte schon daran, dass Konsonanz und Dissonanz schwer zu definieren sind.
Der seit Pythagoras’ Zeiten unternommene Versuch, angenehme musikalische Klänge auf ganzzahlige Frequenzverhältnisse der Töne zurückzuführen, ist schon mathematisch zum Scheitern verurteilt. Außereuropäische Kulturen beweisen schließlich, dass unsere westliche Tonskala genauso wenig naturgegeben ist wie eine auf Dur und Moll beruhende Harmonik: Die indonesische Gamelan-Musik und Indiens Raga-Skalen klingen für europäische Ohren schräg.
Erst in den vergangenen Jahren haben die deutschen Forscher Gerald Langner und Martin Ebeling eine komplizierte mathematische Theorie der Konsonanz entwickelt, die sich an tatsächlichen Vorgängen im Gehirn überprüfen lässt. »Aber selbst wenn man diese Konsonanztheorie einbezieht, ist deshalb die moderne Musik nicht ad absurdum geführt«, sagt der Flensburger Musikwissenschaftler Herbert Bruhn.
Zwar zeigen schon Babys eine Vorliebe für angenehme Klänge, aber im Lauf unseres Lebens hören wir mit Freude auch Musik, in der es von Dissonanzen wimmelt, Bachs harmonische Spielereien etwa oder die teils schräge Lautmalerei der Romantik. Die Forscher staunen, wie plastisch unser Gehirn ist – es kann sich in die unterschiedlichsten Musikstile »hineinhören« und verändert sich dabei ständig.
Zwei Erklärungen haben die Hirnforscher für diese offensichtliche Vielfalt: Erstens das »statistische Lernen«, mit dem wir die verschiedenen musikalischen Stilrichtungen ähnlich in uns aufnehmen wie eine neue Sprache. Zweitens das Spiel mit der Erfüllung oder Enttäuschung von Erwartungen, an dem Homo sapiens offenbar ein großes Vergnügen hat.
Statistisches Lernen findet statt, wenn wir aus wiederkehrenden Sinneseindrücken Regeln und Muster extrahieren, ohne dass uns diese jemand ausdrücklich erklärt. Ein Kleinkind, das sprechen lernt, hat gar keine andere Chance: Es muss aus den Sprachlauten, die auf es einströmen, zunächst diejenigen herausdestillieren, die seiner Muttersprache eigen sind (das Deutsche verfügt über einen anderen Vorrat als das Englische).
Als Nächstes gilt es, den kontinuierlichen Strom von Lauten in sinnvolle Abschnitte zu unterteilen, also in Silben, Wörter und Sätze. Das macht unser Gehirn automatisch, indem es diejenigen Laute und Kombinationen bevorzugt, die es besonders häufig hört.
Genauso lernen wir Musik, indem wir zunächst aus den vielen möglichen Tonskalen diejenige isolieren, die in unserer Kultur vorherrscht – eine Prägung, die wir praktisch nicht mehr ablegen können. Besonders gut ist das Gehirn darin, sich kleine melodische Elemente zu merken – etwa eine musikalische Phrase, die später im Stück wiederauftaucht. Das Wiedererkennen ist ein Erfolgserlebnis, das uns Musik verstehen lässt.
Just solche Erfolgserlebnisse enthält die Neue Musik dem Hörer vor. Die Zwölftonkomponisten im Gefolge von Schönberg etwa verlangten, dass in einer sogenannten Reihe alle zwölf Töne der westlichen Skala vorkommen mussten, bevor der erste wiederholt werden durfte. Diese Reihe wurde dann um ein paar Töne verschoben, rückwärts gespielt oder gespiegelt. Solche Figuren zu erkennen gleicht dem Kunststück, sich eine zwölfstellige Telefonnummer nicht nur auf der Stelle zu merken, sondern sie auch noch wiederzuerkennen, nachdem zu jeder Ziffer vier hinzuaddiert wurden. Psychologische Experimente haben gezeigt, dass nur sehr erfahrene Fans dieses Musikgenres, die sich jahrelang damit beschäftigt haben, dazu in der Lage sind. Das Kurzzeitgedächtnis der meisten Menschen ist schlicht überfordert.
Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover bezeichnet das als das Paradox der Neuen Musik: »Wir können Neue Musik besser verstehen, wenn wir sie häufiger hören – sie ist aber so komponiert, dass sie die meisten Menschen nicht dazu anreizt, sie häufiger zu hören.« Die Spezialisten verstünden oft gar nicht, warum das Publikum mit Ablehnung reagiere – ihr eigenes Gehirn aber sei schon lange darauf trainiert, die entsprechenden Muster zu erkennen.
Lassen uns Schönberg, Stockhausen und Co. also kalt, weil wir von Kinderliedern und Radiopop auf simple Musikmuster geeicht worden sind? Das allein ist noch keine Erklärung. Denn es gibt auch andere hochkomplexe Musikrichtungen, von Bachs Fugen bis zum modernen Jazz, die zunächst fremd klingen, aber doch faszinierend genug sind, um auch ein Laienpublikum anzuziehen. Warum schafft das die Neue Musik nicht? Da kommt das Spiel mit Erwartungen zum Zuge, an dem unser Gehirn eine regelrechte Lust empfindet und das die modernen Komponisten ihm erschweren – und zwar geradezu systematisch.
Musik läuft in der Zeit ab. Deshalb trainieren wir an ihr unseren »Zukunftssinn«, wie es der Musikpsychologe David Huron ausdrückt. In unserer Evolution war es wichtig, dass wir ständig von der Gegenwart auf die Zukunft schließen konnten. Wer weiß, dass ein gewisses Geräusch im Busch darauf schließen lässt, dass gleich der Säbelzahntiger hervorbricht, der kann es leichter vermeiden, gefressen zu werden.
Je besser diese Prognosefähigkeit, umso größer die Überlebenschancen. Deshalb sind wir beruhigt und zufrieden, wenn unsere Vorhersagen eintreffen, und reagieren unruhig, manchmal sogar panisch, wenn Prognosen danebengehen. Musik, sagt Huron, sei eine Art Trockenübung für diesen Zukunftssinn – wir schärften an ihr unsere Fähigkeit zur Vorhersage, ohne bei Versagen wirklich schlimme Konsequenzen befürchten zu müssen.
Die musikalische Überraschung löst keine Panik aus, trotzdem ist sie in den Hirnströmen zu messen. Der Musikforscher Stefan Koelsch, der heute in Brighton lehrt, wies am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig erstmals nach, dass schon geringe Verletzungen der westlichen Musik-»Grammatik« zu messbaren Ausschlägen der Hirnaktivität führen – und das sogar bei Laien, die sich selbst für unmusikalisch hielten.
Fesselnde Musik zeichnet sich dadurch aus, dass sie einerseits die Erwartungen unseres Zukunftssinns erfüllt, diese dann aber immer wieder gezielt verletzt und uns so in Erregung versetzt. Völlig erwartbare Musik ist langweilig, völlig unerwartbare Töne werden gar nicht als Musik wahrgenommen, sondern nur als fremder Klang. Und der macht keinen Spaß. »Wir können keine Musik machen«, schreibt David Huron, »die nicht die Maschinerie des menschlichen Vergnügens anspricht, und erwarten, dass die Menschen die Musik auf irgendeine mysteriöse Art und Weise unwiderstehlich finden.«
»Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine Zwölftonserie wiedererkenne«
Gerade dieses »Lustprinzip« aber war vielen Neutönern ein Dorn im Auge, insbesondere dem Philosophen Theodor W. Adorno, der sich auch als Musiktheoretiker einen Namen gemacht hat. Ihm war alles Schöne und Gefällige in der Musik verhasst, er wetterte (unqualifiziert) gegen die Emotionalität der Jazzmusik und erwartete von der Musik ständige »Innovation«.
Solchen Kriterien mögen die modernen Klänge mühelos entsprechen. Aber sind sie im Umkehrschluss prinzipiell lustfrei, eine rein intellektuelle Spielerei? Wer sich erst einmal in sie hineingehört hat, der kann von ihnen durchaus emotional berührt werden. »Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine (Zwölfton-)Serie wiedererkenne«, sagt Eckart Altenmüller. »Aber das liegt daran, dass ich über Jahrzehnte Neue Musik geübt habe. Von meiner Sekretärin würde ich das nicht unbedingt erwarten.« Die Sekretärin bestätigt das uneingeschränkt.
In ihrem ständigen Streben nach Innovation, nach neuen Klängen hängen die Komponisten das breite Publikum ab – eine seltsame Eigenheit der westlichen klassischen Musik. Während bei anderen Kulturen und Stilrichtungen das Bestehende auf immer neue Weise, oft mit improvisatorischen Elementen, variiert wird, herrscht bei der »ernsten« Musik dieser seltsame Widerspruch: Zwar wird die Musik der Meister früherer Jahrhunderte immer noch peinlich genau aufgeführt, würde aber ein moderner Komponist die Töne in Mozartscher Manier setzen, er sähe sich sofort dem Kitschvorwurf ausgesetzt.
»Mozart und Bach haben die mitteleuropäische Musik bis zum Äußersten ausgeschöpft«, sagt Herbert Bruhn. Da dem nichts mehr hinzuzufügen sei, lande man automatisch irgendwann bei der experimentellen Klassik – die sich genötigt gesehen habe, alle melodischen und harmonischen Strukturen aufzulösen.
Der britische Musikwissenschaftler John Sloboda sieht den Grund für die mangelnde Akzeptanz experimenteller Musik nicht nur in ihrer avantgardistischen Struktur, sondern vor allem im sozialen Umgang mit ihr.
Sloboda zieht den Vergleich zur bildenden Kunst: In einem Museum habe der Besucher die freie Entscheidung, welches Bild er sich wie lange anschaue, er könne mit Freunden darüber diskutieren oder zwischendurch einen Kaffee trinken, um seine Eindrücke zu verarbeiten. »Aber wenn Sie in einen Konzertsaal gehen, ist das wie im Gefängnis.« Der Zuhörer sei über Stunden an seinen Sitz gefesselt, regungslos und stumm, während andere über das Programm bestimmten. »Das moderne Publikum findet das zunehmend unakzeptabel.«
Abstrakte Bilder schauen wir an – auch atonale Musik müssen wir sehen
Hilft die Form der Darbietung uns vielleicht, das schwer Verdaubare besser zu hören? Begeistert erzählt Sloboda von einer sehr erfolgreichen Aufführung moderner Musik in einem Museum in Manchester. Die Zuhörer konnten zwischen mehreren Bühnen und Räumen hin und her spazieren – und blieben nur dann, wenn sie wirklich ergriffen waren. In dieser Situation hätten Emotionen zwischen Musikern und Publikum endlich frei fließen können.
Fans der Neuen Musik wie Altenmüller betonen, dass das Live-Erlebnis zum Verstehen sperriger Klangwelten beitrage. Dabei komme eine weitere Stärke unseres Gehirns zum Tragen – die Empathie, das Vermögen, sich in die Gefühlswelt des Gegenübers hineinzuversetzen.
»Durch die Ausdrucksgesten, durch Haltung, Atmung und Bewegung, kurz durch den agierenden, sich mit dem Werk auseinandersetzenden Interpreten« würden die Stücke verstehbar. Das bestätigt auch Herbert Bruhn: »Auf CD höre ich mir diese Musik nicht an – das Auge hört einfach mit.« DIE ZEIT, 10/2009
Karli und Sybille auf der Suche nach der dreckigen Antithese zu Mamas und Papas Bregenzer oder Salzburger Antisepsis.
Der Balkan:
das ideelle Mexiko der Euro-Gringos, the last frontier zwischen Halbzivilisation und Sierra, das letzte Freiluftmuseum der Mañanamentalität von Indigenos, denen man die Hoffnung auf morgen nahm sowie die Freiheit, nicht auf Clan und Stamm angewiesen zu sein, chilifeuriger Karneval der Leidenschaften, die unsereins bloß noch aus dem DVD-Verleih kennt, dreckige Antithese zu Mamas und Papas Bregenzer oder Salzburger Antisepsis und durch und durch sexualisierte Wunschprojektion eines aus allen Karstspalten und Raffinerielecken tropfenden Lebenselixiers: Authentizität.
Der Osten ist in.
Nicht nur für die Wirtschaft. Er verspricht nicht allein niedrige Steuern und billige Arbeitsplätze, vorsätzlich zerstörte Sozialsysteme und die Goldrauschstimmung der ursprünglichen Akkumulation. Nein, im Tross dieser neuen Landnahme, und das war noch bei jeder kolonialen Expansion so, marschieren nicht nur die Gold-, sondern auch die Sinnsucher mit, im Windschatten eines jeden Raiffeisen- und Bank-Austria-Arsches also immer auch ein paar Künstler, Diskursmeier und Kulturfunktionäre - auf der Suche nach Tragödie, Unmittelbarkeit, schlechter Schminke ... - und lecken den Wut-, Angst- und Partyschweiß aus den Achseln der Depravierten.
Der Balkan ist anscheinend angesogen mit jenem magischen Ferment, das abbröckelnde Plattenbaufassaden, rostige Industrieruinen und die tragischen Zwänge halb bäuerlicher, halb urbaner Gesellschaften in Poesie verwandelt - und in ideelle Wichsvorlagen für den frustrierten Modernisten und den verkappten Konservativen in uns. Für uns Gringos, die Balkan-Idioten, oder einfach: Karli und Sybille.
Der Balkan ist insofern interessant, als auf ihm sich mindestens drei berüchtigte Exotismen kreuzen: Orientalismus, Mediterranismo sowie Slawophilie - und auch dieser neue Megaexotismus seine unfreiwillige Komik kraft der Illusion entfaltet, nicht das Diapositiv, sondern das Gegenteil von Rassismus zu sein, ja, seinen Cunnilingus an den Authentizitätsdrüsen des Balkans und anderer fiktiver Zurückgebliebistans bei der moralischen Jahresabrechnung sogar als antirechten Widerstand absetzen zu können. Dieser Selbstbetrug ergibt sich aus folgender Kalkulation: BZÖ-Mama und ÖVP-Papa hassen Tschuschen, deshalb liebe ich Tschuschen, Bürgermama und Bürgerpapa lieben Ordnung, deshalb hasse ich Ordnung. Und als österreichische Provinzvariante: Mama und Papa sind Tiroler, deshalb verliebe ich mich in fremde Bodenständigkeit. Aber wehe, Tschusch, wenn du mir nicht zugleich tschuschisch, chaotisch und bodenständig sein willst ... Ein grausames Double-Bind zwingt den Balkan-Immigranten Landler für die Rechten, Kolo für die Linken zu tanzen - selbst wenn er beides hasst.
Der tiefere Sinn der Balkanfiesta liegt für den Balkan-Idioten zweifellos in der Befreiung von den emanzipatorischen Errungenschaften der Neuzeit. Im Fiestarausch dürfen Pazifisten „Ka-la-sch-ni-kov" skandieren, Vegetarier herzhaft ins Spanferkel beißen, Nickelbrillen-Karlis auf Dragutin machen, Feministinnen ihm verschämt kichernd „Geh in Mutterns Fotze" zuulken und wohlbehütete Schafe endlich mit den Wölfen heulen. Der Balkan selbst indes hat andere Sorgen.
Die Karl-May-Variante des Balkan-Idioten kommt in Reinform nur noch selten vor, also jener antimodernistische Romantiker, der sich nach Blutrache, Hajduckenehre und der Tragik an die Gestaden der Drina gespülter Agas-Töchter sehnt, die der Zwangsheirat durch stolze Selbstertränkung sich entzogen. Vielmehr ist der authentische Balkan-Idiot eine Mischform, so wie es sein imaginärer Balkan ist, der die ideologische Funktion des Purgatoriums erfüllt zwischen verweichlichter Zivilisation und viriler Archaik. Der Balkan-Idiot liebt es, im harten Überlebenskampf echter Menschen zu baden, in dem Wissen, dass die Bank von zuhause eh um die Ecke eine neue Filiale eröffnet hat. Und Balkan-Folklore liebt er, der Balkan-Idiot, aber genau so liebt er den punkigen Sarkasmus, mit welchem die Lost Generations der Städte jene verspotten. Wie geht denn das zusammen? Weil beides ihm die Essenz ein und derselben toughen Balkanität bedeutet, die sein Wahnbild vom kulturell Anderen durchtränkt wie vor Übermut verschütteter Šljivovica. Wobei wir beim ersten Wesenspunkt der Balkan-Idiotie, ja eines jeden Exotismus wären:
Zwangskollektivierung.
Der Balkan-Idiot muss jeden Balkan-Apachen zum Repräsentanten seines Blut- und Boden-Schicksals machen. Der Balkan-Apache hat den Balkan-Idioten von seinem Werteverlust zu kurieren, welcher jeder intelligente Balkan-Apache als Befreiung empfände; und sei es nur der Traum von einer Gesellschaft, in der keine Tante mehr ohne anzuklopfen ins Zimmer schneien darf.
Der Balkan-Idiot liebt gute balkanische Schriftsteller, die ja nachweislich die Weltliteratur um einige Meisterwerke aufgestockt haben, doch er liebt auch die schlechten, weil nicht die Qualität, sondern das Apachische des Literaten entscheidet. Ob sie's wollen oder nicht: Balkan-Apachen haben näher am Stamm und an der Scholle zu sein. Das ist ihre Funktion. Balkanische Künstler werden von balkanidiotischen Institutionen großzügig gefördert, selbst wenn ihre Kunst sich dem Individualismus und Kosmopolitismus verschreibt, aber nur unter der Auflage, dass ihre Kunst uns von ihrer Gesellschaft erzählt. Westliche Kunst hat sich an der subjektiven Entfremdung, Apachenkunst am Kollektivschicksal abzuarbeiten. Selbst die Revolte gegen die Folklore ist den Balkan-Idioten noch irgendwie Bestandteil ebendieser. There's no way out!
Der albanische Soziologe etwa, der über gesellschaftliche Desintegration in Tansania schriebe, würde beim Balkan-Idioten gehöriges Unbehagen auslösen. Für so was fördern wir dich nicht, mein Freund! Selbst bei der Lektüre deiner trockensten Studie wollen wir das saftige Rubato von Hirtenflöten hören.
Ein Bekannter quittierte den Anblick dreier Damen aus Ex-Jugoslawien, deren Wesen unterschiedlicher nicht sein konnte, mit der hechelnden Frage: "Sind das Original-Frauen?"
Kulturalisierung.
Eine andere Bekannte, welche die Belagerung Sarajevos miterleben musste, erinnerte sich, dass die "Internationalen" die kulturellen Codes - Trinksprüche, Flüche, Schlagertexte, Mimik und Gestik - sehr schnell beherrschten, "aber sonst überhaupt nichts kapiert" hätten. Einher mit der Entindividualisierung des Balkan-Apachen durch den Balkan-Idioten geht seine Kulturalisierung. Vom montenegrinischen Schäferlied bis zur erhabenen Eleganz der Belgraderin beim Window-Shopping ist alles Ausdruck von etwas, wonach sich die fragmentierten Winter- wie Sommerschlussverkaufs-Identitäten der Balkan-Idioten vampirisch sehnen, dem Imago einer kulturell überpinselten Wahrhaftigkeit.
Wieder-Verzauberung.
Niemand weiß so recht, warum der Balkan magisch sein soll. Schuld daran ist wahrscheinlich die Ikone der Balkan-Idioten, ein Mann, der seinen bosnischen Namen Emir erst kürzlich in den serbischen Königsnamen Nemanja ändern ließ. Die jüngeren postjugoslawischen Filmemacher verachten Kusturica. Am liebsten würden sie die Kalaschnikow nehmen, von der er dauernd singen lässt, und damit jeden schwebenden Geist einer ertrunkenen Braut vom Himmel, jedes Huhn vom Zigeunerkopf knallen. Seine kitschigen Machwerke haben die kulturelle Wahrnehmung der Balkan-Idioten dermaßen formatiert, dass die Werke jüngerer, materialistischerer Künstler nur noch auf fliegende Bräute und lustige Hühner abgeklopft werden.
Die Piazzolla-CDs sind allesamt abgehört, so drängen die Arte-Gourmets zum Balkan, um sich dort die verschwitzte Halbweltversion ihrer "Wunderbaren Welt der Amélie" reinzuziehen. Menschen mit Schicksal scheinen hilfloser zu sein gegenüber dem Poesieschleim, mit denen die Balkan- und Ostidioten sie überschütten, um sich hernach am Wet-Look zu begeilen.
Die Poesie der Plattenbauten.
Einst feierten viele Linke die Plattenbauten und Industriekomplexe des Ostens als Symbole einer neuen, besseren Gesellschaft. Ein eigenartiges Licht auf ihre Gesinnung wirft der Umstand, dass denselben Leuten nun der Verfall dieser Gebäude, zugleich Symbol des gesellschaftlichen Verfalls, noch besser zu gefallen scheint. Nachgeborene Balkan-Idioten zelebrieren eine rein symbolische, inhaltsleere Jugo-Nostalgija, die ihnen gar nicht zusteht, und ästhetisieren zugleich, ohne sich dieser himmelschreienden Schäbigkeit bewusst zu sein, die Schäbigkeit verfallener Sozialistenherrlichkeit.
Priština, so versicherten mir Menschen, die von dort vertrieben wurden, sei die hässlichste Stadt der Welt. Zwei lebenslustige Freundinnen, die diese mit ihrem Auto auf dem Weg zu mazedonischen Klöstern durchquerten, waren begeistert von so viel postsozialistischer Wirklichkeit und freuten sich schon auf ihren nächsten Urlaub - dort. Wenn das nicht zur guten alten Idee des Bevölkerungsaustauschs verleitet ...?
Gender revisited.
Im imaginären Apachenland können die sonst sexuell korrekten Karlis und Sybilles der Verlockung erliegen, vorm Wechsel einmal noch richtig auf hombre und mujer, auf Dragutin und Dragana zu machen, obwohl diese in ihren Gesellschaften trotz ihrer für westliche Ohren markig klingenden Namen auch nur Karlis und Sybilles sind und obwohl der jugoslawische Teil des Apachenlandes einst einer der Vorposten des europäischen Feminismus war.
Anfangs waren sie schockiert, später neugierig und schließlich imitierten die Balkan-Idioten kathartisch die Apachenflüche von Schwanzrauchen und Mutterfotzen, die dort angeblich jede Omi beim Marktbesuch auf den Lippen führt. Sie übertrieben aber mit diesem neuen Mut zur Derbheit dermaßen, dass ihre indigenen Gastgeber peinlich dazu schwiegen, in der höflichen Annahme, ihre Gäste hätten diese Apachensitten sicher in schlechter Gesellschaft erlernt.
Eines der für Balkan-Idioten unverständlichsten Phänomene muss der Umstand sein, dass die Grenze zwischen Balkan-Idioten und Balkan-Apachen nicht zwischen West und Ost verläuft, sondern quer durchs Apachenland. Dass die Metropolen des Balkans voll mit Karlis und Sybilles sind, die noch weniger Nähe zu den Apachensitten verspüren als die Balkan-Idioten im Westen.
Kroatien bekam die Adriaküste und die Eintrittskarte für Europa, musste dafür seine Testosteronbestände aber an Serbien abtreten. Dagegen protestierten vor allem die somit kastrierten Intellektuellen. Die Fotos eines Imagekatalogs neuerer kroatischer Literatur zeigten viele dieser dichtenden Karlis in ihren Selbstinszenierungen als verwegen-vollbärtige Kornaten-Satyren und abgefuckte Grenzland-Hajducken.
Re- und Selbstziganisierung.
Bürgerliche Jugo-Apachen in Wien sind peinlich darauf bedacht, von der österreichischen Wahrnehmung nicht mit den Gastarbeiter-Apachen verwechselt zu werden, sowie diese ihrerseits alles daran setzen, nicht mit der untersten Kaste, den Zigeuner-Apachen, in einen Hut geworfen zu werden. Seit die Balkan-Idioten aber aus heiterem Himmel begannen, die unteren zwei Kasten zu idealisieren, kamen vor allem die Intellektuellen der obersten Kaste in gehörigen Identitätsnotstand. Belgrader Bürgerssöhnchen, die vor zehn Jahren noch Punk und Free-Jazz frönten und über Folklore die Nase rümpften, nicht zuletzt weil da schon die Faschisten drauf saßen, begannen sich, um bei Sex und Anerkennung durch die Balkan-Idioten nicht leer auszugehen, heillos zu ethnisieren, zu "kusturicieren" - und nahmen sogar bei Nickelbrillen-Karlis Nachhilfe, wie man sich bei Zigeunermusik die Hände auf Glasscherben blutig schlägt.
Die Zigeuner aber sind das Herz des Balkanidiotentums, in der Ästhetisierung ihres Lebens erreicht es jenen Gipfel der Widerwärtigkeit, von dem aus ihr nur noch die Kinderpornografie die Hand reichen könnte. Wer sich als Linker dabei ertappt, schlammige Dorfstraßen und zerfurchte vierzigjährige Gesichter beschaulich zu finden, den kann nur noch Selbstekel retten. Zigeuner mit langweiligem Einfamilienhausidyll und schwedischer Lebensqualität kämen den Balkan-Idioten einem Lieferungsstopp ihres Authentizitätsnektars gleich.
Den Balkan-Idioten ist eben nicht zu helfen. Sie haben ihr Apachenreservat längst abgesteckt. Da gibt es kein Entkommen. Sie saugen Tränen aus den Augen der Kriegswitwen und tanzen mit den Mördern Kolo, finden Kolo genauso cool wie Apachen-Hip-Hop, Tito genauso cool wie den Heiligen Sava - denn die Intensität ist es, die den Apachen, jenen ideellen Anti-Schweizer, ausmacht. Ihr bleibt Apachen, ob ihr welche seid oder nicht! Nur die Zigeuner haben eine winzige Chance, dem Reservat zu entfliehen, wenn die Balkan-Idioten ihren Worten endlich Taten folgen ließen und ihre Wohnungen gegen deren Hütten tauschten. (Richard Schuberth, 13. Dezember 2010, daStandard.at)
Richard Schuberth geb. 1968, Schriftsteller, Ethnologe und langjähriger künstlerischer Leiter des Festivals "Balkan Fever". Letzte Buchveröffentlichung: "30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus" (Turia + Kant)
"Warum Balkan-Idioten Balkan-Apachen lieben" ist im Balkan-Band der Reihe Europa erlesen (Wieser Verlag) erschienen
Dankesrede von Henryk M. Broder zum Empfang des Ludwig Börne Preises 2007 in der Frankfurter Paulskirche, 25.6.2007:
Ich danke Ihnen, dass sie heute hergekommen sind, um mit mir zu feiern. Wie Sie sich denken können, ist die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an mich nur ein kleiner Schritt vorwärts für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich in Richtung der Hall of Fame der großen Geister. Ich sage das in aller Unbescheidenheit und im vollen Bewusstsein, dass es zum guten Ton und zum Ritual solcher Feiern gehört, sich verwundert und überrascht zu zeigen, dass es nicht einen anderen erwischt hat, einen, der es viel mehr verdient hätte.Sogar Kardinal Ratzinger hatte vor seiner Wahl zum Papst den Allmächtigen angefleht, er möge den Kelch an ihm vorbeigehen lassen. Nein, ich finde, Helmut Markwort hat die richtige Wahl getroffen.Je länger ich darüber nachdachte, worüber ich heute reden sollte, umso klarer wurde mir, dass es umso besser wäre, je weniger ich sagen würde. Ich könnte, wie vor kurzem beim Münchener Amtsgericht, vor sie hintreten, ein paar Angaben zur Person machen, ansonsten die Aussage verweigern und den Rest meinen Anwälten überlassen, die heute hergekommen sind, um mich vor Dummheiten zu bewahren.Grüß Gott, Herr Gelbart; schön, dass Sie da sind, Herr Hegemann. Aber das wäre langweilig, und Dummheiten zu begehen macht viel mehr Spaß, als Dummheiten aus dem Weg zu gehen. Und deswegen möchte ich doch die Gelegenheit nutzen und etwas sagen, auch auf die Gefahr hin, mir eine Blöße zu geben und unsouverän zu erscheinen.Ich werde in zwei Monaten einundsechzig. Ich kam vor fünfzig Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland, ich schreibe seit vierzig Jahren. Ich bin ein Bundesbürger mit Migrationshintergrund, ein Beutedeutscher. Meine Eltern haben den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überlebt; als ich 1990 nach Berlin kam, war die Mauer schon gefallen, die Glienicker Brücke frei begehbar und der Potsdamer Platz noch eine Brache.Ich weiß, ich bin ein Glückskind. Ich habe noch jeden Charterflug überlebt, letztes Jahr einen Bestseller geschrieben und eine Tochter, die soeben das Abitur gemacht hat - mit einer Note, die mich an meiner Vaterschaft zweifeln lässt.Und doch verspüre ich immer öfter ein leises Unbehagen, sobald ich mein Arbeitszimmer verlasse und mich in die Welt begebe, und sei es nur zum Zeitunglesen ins Café Einstein. Es ist kein Katzenjammer, der aus dem Überfluss resultiert, kein Weltschmerz, der sich sich selbst genügt, es ist das Gefühl: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?Von Oskar Panizza stammt der Satz: Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft. Und diese Art von irrer Vernunft scheint allgegenwärtig. Wie finden Sie es, dass der Umweltminister Siegmar Gabriel demonstrativ Bahn fährt - nur um seinen Fahrer samt Dienstwagen zum Einsatzort nachreisen zu lassen? So kreuzen der Minister und sein Dienstwagen kreuz und quer durch die Republik, jeder für sich und doch vereint in dem Bemühen, die Umwelt zu schonen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Und keiner lacht.Ist es nicht seltsam, mit welcher Heftigkeit das Für und Wider der neuen Frisur von Ursula von der Leyen debattiert wurde? Und wenn man die Diskussionen um die Nachfolge von Sabine Christiansen und Anne Will verfolgte, musste man zu dem Schluss kommen, dass es nicht um die Besetzung zweier Fernsehsendungen, sondern eine Neuregelung der Erbfolge im Hause Habsburg ging.Ich versuche zu verstehen, warum eine Raketenabfanganlage, die von den Amerikanern in Tschechien gebaut werden soll, den Menschen Angst macht und die Politiker von einer Wiederbelebung des Kalten Krieges phantasieren lässt, während die Tatsache, dass Iran sich zur Atommacht erklärt hat, so gelassen wie ein unvermeidliches Naturereignis hingenommen wird. Es gab keinen Aufschrei der Empörung, als der Direktor des Hamburger Orient-Instituts vor kurzem erklärte, falls Iran wirklich nach Atomwaffen strebe, dann nur deshalb, um mit dem Westen auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können. Teheran gehe es darum, endlich respektiert zu werden.Europa müsse keine Angst haben, sagte der bekannte Nahost-Experte, Europa wäre “sicher das letzte Ziel, das Iran einfallen würde, falls es wirklich aggressive Absichten verfolgen sollte”. Eine Atommacht Iran wäre nur “für seine Nachbarn” ein Problem, “für eine säkulare Türkei und natürlich für Israel”, aber Europa, das gute alte Europa, müsse sich “von Iran in keiner Weise bedroht fühlen”.Vermutlich geht der Mann davon aus, im Falle eines iranischen Atomangriffs auf die Türkei oder auf Israel würde sein Orient-Institut vom atomaren Fallout verschont bleiben, weil er immer so nett und respektvoll über die Mullahs und deren Politik gesprochen hat. Diese Art von Entgegenkommen scheint effektiver und preiswerter zu sein als jeder Raketenschutzschild. Alternativ dazu könnte man auch den Experten selbst als Abwehrwaffe aufbauen, auf einem freien Feld irgendwo in der Lüneburger Heide oder in der Mark Brandenburg, wo er sich dann mit weit ausgebreiteten Armen den anfliegenden iranischen Raketen entgegenstellen und rufen würde: “Verschont uns! Wir sind die Guten!”Das sind die Momente, in denen ich mich wirklich frage: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Und wenn es dann auch noch heißt, das Existenzrecht Israels sei nicht verhandelbar, es stehe nicht zur Disposition, höre ich aus solchen Zusicherungen das Gegenteil heraus.Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Nachbar Ihnen jeden Tag versichern würde, er habe nicht vor, Sie umzubringen, Ihre Frau zu vergewaltigen und hinterher Ihr Haus abzufackeln? Die meisten von Ihnen würden das Problem vermutlich ignorieren, einige besonders Mutige würden den Nachbarn zu einem therapeutischen Gespräch einladen, sich von seiner schweren Kindheit berichten lassen und ihn davon zu überzeugen versuchen, dass man mit Gewalt keine Probleme lösen könne.Und genau das ist es, was derzeit in Europa passiert. Alle wissen, es gibt ein Problem. Keiner weiß, wie man es lösen könnte. Also wird es entweder ignoriert, oder man sucht nach einem therapeutischen Ansatz, um wenigstens etwas Zeit zu gewinnen. Der Mann in Teheran, der sich eine “World without Zionism” wünscht, der den letzten Holocaust leugnet und den nächsten plant, der sei doch nur ein Angeber und Wichtigtuer, ein Verbalradikaler, der sich mit markigen Sprüchen gegen seine Konkurrenten daheim zu profilieren versuche. Er meine es nicht so, und falls er doch an einer Atombombe baue, werde diese frühestens in drei bis fünf Jahren fertig sein. Kein Grund also, beunruhigt zu sein, zumal im schlimmsten aller Fälle es nur die säkulare Türkei und “natürlich Israel” erwischen würde.Ich hatte es mir vorgenommen, heute ausnahmsweise nichts zur Appeasement-Politik der Europäer gegenüber dem neuen Totalitarismus zu sagen, der die Tradition des Faschismus und Kommunismus aufnimmt, um sie diplomatisch und technologisch weiterzuentwickeln. Ich mag mich nicht wiederholen. Freilich: Wir haben es immer wieder mit derselben Situation zu tun: Dem Tatendrang der einen Seite, die sich als der bewaffnete Arm Gottes versteht, steht das hilflose “Nie wieder!"- und “Wehret den Anfängen!"-Gestammel der anderen Seite gegenüber, die nicht gemerkt hat oder nicht merken will, dass die Anfänge schon lange vorbei sind. Das Engagierteste, das man von ihr erwarten kann, ist das alljährliche Gedenken an die Befreiung von Auschwitz, denn nicht nur in Deutschland, in ganz Europa wird der Kampf gegen die Nazis umso heftiger geführt, je länger das Dritte Reich tot ist.Wenn sich aber ein deutscher Angler in Grenzgewässern versegelt und anschließend zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt wird oder fünfzehn britische Soldaten festgenommen und der Welt als Spione vorgeführt werden, dann macht sich Ratlosigkeit breit; man möchte den Dialog mit dem despotischen Regime nicht gefährden und auf keinen Fall mit Sanktionen drohen, denn das würde die Lage nur verschlimmern.Einer der britischen Soldaten brachte die Situation nach seiner Freilassung und Heimkehr auf den Punkt. Er sagte: Fighting was no option. Wozu wird dann einer Soldat, wenn Kämpfen keine Option ist? “Fighting is no option” wäre ein schönes Motto für die europäische Verfassung, man sollte den Satz auch auf alle Euroscheine drucken.Aber ich will heute nicht granteln und nicht zürnen, mich nicht über den Verfall der Werte und die Volksmusikabende im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufregen. Ich will mich am liebsten überhaupt nicht mehr aufregen. Ich finde die vielen hauptamtlichen Aufreger nur noch lächerlich. Sie sitzen bei Christiansen, bei Illner oder im Presseclub und geben Sätze von sich, die sich so anhören wie ein rostiges Gartentor, das man vor zehn Jahren zuletzt geölt hat. Vor die Wahl zwischen Depression und Aggression gestellt, habe ich mich immer für die Aggression entschieden. Das erschien mir bekömmlicher. Inzwischen freilich suche ich nach einem dritten Weg, nicht weil ich weiser, sondern weil ich müder geworden bin. Irgendwann fiel mir auf, dass mein Blick öfter von Anzeigen für Seniorenresidenzen und den Treppenlift von Lifta als von der Werbung für Dessous von Victoria’s Secret angezogen wird. Ich bin darüber so erschrocken, dass ich mich inzwischen dazu zwinge, Berichte über das Liebesleben der Jungs von Tokio Hotel zu lesen, um den Anschluss an die Moderne nicht zu verlieren.Aber diese Strategie der Ablenkung kostet Kraft, und sie funktioniert nur bedingt. Denn allen guten Vorsätzen zum Trotz rege ich mich immer noch auf, öfter und heftiger, als ich es möchte. Um am Ende immer wieder bei der Frage zu landen: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Ist es wirklich wahr, oder habe ich es mir nur eingebildet, dass der Intendant eines Berliner Theaters über die Killer, die unter dem Markenlogo RAF anderer Menschen Blut vergossen haben, sagt, sie seien “keine gewöhnlichen Mörder” gewesen, “die töteten, um sich zu bereichern”, sondern fehlgeleitete Idealisten ohne materielle Interessen, die “etwas gegen die Ermordung von Hunderttausenden von Kindern und Frauen” in Vietnam unternehmen wollten?Abgesehen davon, dass auf dem Höhepunkt der RAF-Aktionen der Vietnamkrieg schon vorbei war, müsste nach einem solchen Satz die Erde beben - so lange, bis der Intendant vom eigenen Orchestergraben verschluckt wird.Kann es wirklich sein, dass der rechtskräftig verurteilte Mörder eines elfjährigen Kindes mit einer Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Erfolg hat, weil seine Menschenrechte durch die Androhung körperlicher Schmerzen beim polizeilichen Verhör verletzt wurden? Er habe, berichtete der Anwalt der Mörders, “ergriffen und tief berührt” auf die gute Nachricht aus Straßburg reagiert, dass der Gerichtshof seine Beschwerde zur Entscheidung angenommen habe. Und wenn das Verfahren aufgerollt wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass es mit einem Freispruch beendet wird, weil die Regeln eines fairen Verfahrens verletzt wurden.Ich weiß, auch ein Mörder hat einen Anspruch auf einen Prozess nach den Regeln der Strafprozessordnung, aber ein elfjähriges Kind, dessen Recht auf Leben missachtet wurde, hat einen Anspruch darauf, dass der Mörder nicht zum Opfer seiner eigenen Tat stilisiert wird. Theoretisch sind das alles Selbstverständlichkeiten, über die man eigentlich nicht reden müsste.
Dass es praktisch keine Selbstverständlichkeiten sind, hat damit zu tun, dass der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt und durch drei Untugenden ersetzt wurde: Äquidistanz, Relativismus und Toleranz.
Ja, sie haben sich nicht verhört: ich sagte Toleranz. Toleranz war das Gebot der Zeit, als Lessing seinen Nathan in eine Welt setzte, die vertikal organisiert war. Die einen waren oben und die anderen waren unten, und dazwischen war wenig. Aber in horizontal organisierten Gesellschaften, in denen es kein Oben und kein Unten, sondern ein breites Spektrum an homogenisierten Angeboten gibt, unter denen man wählen kann, in horizontal organisierten Gesellschaften kommt das Toleranzgebot nicht den schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.
Wir werden täglich aufgerufen, für alle möglichen Fundamentalismen und Fanatismen Verständnis zu haben und Toleranz zu praktizieren, Vorleistungen zu erbringen, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ein deutscher Nobelpreisträger hat den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als GoodwillGeste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäußert, könnte ihn sein Leben kosten. So wie es einen afghanischen Muslim fast das Leben kostete, als er zum Christentum konvertierte. Er entging der Todesstrafe nur dadurch, dass er für verrückt erklärt wurde, nachdem sich Politiker von Angela Merkel bis Kofi Annan seiner angenommen hatten.Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken. Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang, der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird.Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden. Der darf “Ehrenmorde” und andere Kleinigkeiten nicht mit dem “kulturellen Hintergrund” der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und gleichwertig sind.Wer sich zur selektiven Intoleranz bekennt, der wird auch darauf achten, nicht in die Falle der Äquidistanz und des Relativismus zu tappen. Inzwischen kann man auf jeder Tupperware-Party Punkte sammeln, wenn man nur erklärt, George Bush und Usama Bin Ladin seien aus demselben Holz geschnitzt, die Zahl der Menschen, die bei Terroranschlägen ums Leben kommen, sei viel kleiner als die Zahl der Verkehrstoten, und die christlichen Kreuzfahrer hätten viel mehr Blut vergossen als die islamischen Terroristen heute. So kann man sich aus der Wirklichkeit schleichen, aber man entkommt ihr nicht. Ich wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe ihre Anerkennung als Alternative zur vegetarischen Lebensweise fordern würde, zeichnen sich doch beide durch eine gewisse Einseitigkeit aus.Vor kurzem hat ein Berliner Verwaltungsgericht zugunsten einer politischen Gruppe entschieden, die zu einer Anti-Kriegs-Demonstration aufgerufen hatte. Der Berliner Polizeipräsident hatte den Veranstaltern untersagt, bei der Demo Fahnen und andere Symbole der Hizbullah zu führen. Die Demonstranten aber fühlten sich eines Grundrechts beraubt und riefen das Gericht an. Das entschied, die Hizbullah sei Partei in einem bewaffneten Konflikt, bei dem man sowohl die eine wie die andere Seite unterstützen könne. Und so werden die Kinder und Enkel der Judenmörder von gestern demnächst unter der Fahne der Judenmörder von morgen für eine gerechte Endlösung der Nahost-Frage demonstrieren.Womit ich wieder bei der Mutter aller Fragen wäre: Bin ich verrückt, weil ich so etwas absurd und obszön finde, oder sind es die anderen, die nichts dabei finden? Habe ich ein Wahrnehmungsproblem oder der Präsident des Frankfurter Landgerichts, der mich wegen Beleidigung angezeigt hat, weil ich mir erlaubt habe, darauf hinzuweisen, die Richter der Bundesrepublik seien “die Erben der Firma Freisler”? Offenbar habe ich etwas übersehen. Die Bundesbahn ist die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die Bundeswehr ist die Rechtsnachfolgerin der Reichswehr und der Wehrmacht, die ganze Republik trägt schwer am Erbe des Dritten Reiches. Nur die Wiege der bundesdeutschen Justiz stand ganz allein in einer Suppenküche der Heilsarmee, wo sonst.Ich bin mir durchaus der Absurdität des Augenblicks bewusst. Ich bekomme einen Preis, der nach einem Juden benannt ist, der an Deutschland gelitten hat. An Deutschland zu leiden scheint überhaupt eine sehr jüdische Tugend zu sein: von Börne und Heine über Jakob Wassermann zu Wolf Biermann und Marcel Reich-Ranicki. Ich möchte mich dieser Tradition gerne verweigern. Wenn ich schon leiden muss, dann nicht an Deutschland, sondern an meiner eigenen Unvollkommenheit. Ich weiß, welche Rolle ich spiele: die des jüdischen Pausenclowns, der in einer großen Manege seine kleinen Kunststücke vorführen darf. Ich will gar nicht bestreiten, dass es mir Spaß macht und dass ich es gerne mache, meine Clownereien sind ein Beweis dafür, wie liberal die Gesellschaft geworden ist, die sogar meine Grenzverletzungen goutiert, solange sie dabei unterhalten wird.Ich habe mich in einer Nische eingerichtet, aus der ich manchmal zu entkommen versuche: nach Island, nach Kalifornien, weit weg von deutschem Größenwahn, jüdischer Wehleidigkeit und multikulturellen Missverständnissen. Und dann zieht es mich doch zurück in die Arena der Eitelkeiten, zu den anderen Pausenclowns, die mit dem Finger aufeinander zeigen und sich gegenseitig vorwerfen, Profiteure der repressiven Toleranz zu sein.Die Frage, ob ich verrückt bin oder die anderen, werden wir heute nicht klären können, sie muss offen bleiben, vorläufig. Ich weiß nur, dass ich nicht der Einzige bin, der sie sich stellt. Jemand, dem ich viel verdanke, bei dem ich viel gelernt und einiges geklaut habe, hat sie sich immer wieder gestellt: der Geschichtenerzähler und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, das Schwarze Schaf vom Niederrhein. Hüsch war, ohne selbst den Anspruch zu erheben, ein Philosoph oder, wie man auf Jiddisch sagen würde: a Mensch. Er hat von der “Solidarität der Einzelidioten” gesprochen und viele wunderbare Texte geschrieben, darunter einen, der in meinem Kopf rumort, seit ich ihn das erste Mal gehört habe.
Erlauben Sie mir, als Verbeugung vor einem großen Meister der Sprache Ihnen diesen Text vorzulesen:
Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
An ihrem Tisch in Küchen sitzen
Und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen
Und die Geschichte nicht begreifen
Die sich vom Kirchturm stürzen
Die Welt noch mit Gelächter würzen
Und für den Tod beizeiten
Sich selbst die Glocken läuten
Die mit den Zügen sich beeilen
Um nirgendwo zu lang zu weilen
Die jeden Abschied aus der Nähe
kennen
Weil sie das Leben Abschied nennen
Die auf den Schiffen sich verdingen
Und mit den Kindern Lieder singen
Die suchen und die niemals finden
Und nachts vom Erdboden verschwinden
Die Wärter stehen schon bereit mit
Jacken
Um werkgerecht die Irrenden zu
packen
Die freundlich auf den Dächern
springen
Für diese Leute will ich singen
Die in den großen Wüsten sterben
Den Schädel längst schon voller
Scherben
Der Sand verwischt bald alle Spuren
Das Nichts läuft schon auf vollen Touren
Die sich durchs rohe Dickicht schieben
Vom Wahnsinn wund und krank
gerieben
Die durch den Urwald aller Seelen
blicken
Den ganzen Schwindel auf dem
Rücken
Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
Sich aus der Schöpfung schleichen
Weil Trost und Kraft nicht reichen
Und einfach die Geschichte überspringen
Für diese Leute will ich singen.Hanns Dieter, ich danke dir. Und ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.
Route aus dem Religionsrummel
Nur noch 13 Prozent der Österreicher besuchen wöchentlich die heilige Messe. Die Zahl der Konfessionslosen steigt in ganz Europa, was einen Blick in deren Gedankenwelt herausfordert. Eine Nachlese zum Papst-Besuch aus atheistischer Sicht.
Michael Schmidt-Salomon ist Vorstandssprecher der deutschen „Giordano-Bruno-Stiftung (siehe unten), die sich als Lobby der Konfessionslosen versteht. Vergangene Woche war er zu Gast auf der Linzer Ars Electronica.OÖN: Der Papst war in Österreich, jetzt kommt der Dalai Lama. Wie erklären Sie sich als Atheist und Religionskritiker den Rummel um die Kirchenfürsten?
Schmidt-Salomon: Das sind geschickte Inszenierungen. Es ist ein wesentlicher Programmpunkt des jetzigen Papstes, dass er versucht, gerade die deutschsprachigen Länder zurückzuerobern. Die Glaubensfestigkeit ist ja in den Kirchen nicht mehr stark ausgeprägt. Wenn man zum Beispiel das Glaubensbekenntnis, das für jeden Christen verbindlich sein sollte, abfragt, scheitert die Mehrheit der Kirchenmitglieder. Nur noch die Minderheit der Kirchenmitglieder glaubt an einen persönlichen Gott, geschweige denn, dass sich dieser Gott in einer bestimmten Person inkarniert hat und später von den Toten auferstanden ist. Deshalb ist es wichtig für die Kirche, eine Gegenbewegung einzuleiten. Denn in Deutschland ist es mittlerweile so, dass die konfessionslosen Menschen die größte Bevölkerungsgruppe stellen.
OÖN: Versuchen die Kirchen eine Konzentration auf’s Kerngeschäft?
Schmidt-Salomon: Ja, und die Kirchen verfügen ja auch über eine große Erfahrung in der Inszenierung. Da ist die katholische Kirche wesentlich stärker gerüstet und professioneller als beispielsweise die protestantischen Kirchen. Die Kirchen haben wahrscheinlich erkannt, dass der Trend hin geht zur erlebnisorientierten Religiosität. Das heißt: Man muss Events schaffen. Es hat schon der letzte Papst gut beherrscht, Massenspektakel zu organisieren und dort als Heilsbringer aufzutreten. Das versucht jetzt Ratzinger auch. Er muss es machen, denn ohne diese Events findet Kirche eigentlich kaum noch statt. Deshalb legt man ja auch großen Wert darauf, dass das dann entsprechend medial herüberkommt.
OÖN: Würde Kirche mehr stattfinden, wenn sich die starren Positionen auflösten, und quasi eine „Religion light“ entstünde?
Schmidt-Salomon: Es sieht so aus, als ob das Umgekehrte notwendig sei. Auch wenn es die Kirchenvolksbewegung nicht freuen wird, es gibt weltweit einen starken Trend hin zu konsequenterem Denken und Handeln. Das heißt: Die Menschen wollen entweder konsequenter glauben und sagen: Hölle Teufel, Auferstehung sind nicht nur Metaphern sondern reale Wirklichkeiten, Heils- und Unheilsaussichten. Oder aber die Leute lehnen den Glauben konsequenter ab, weil dieser Mischmasch und Flickenteppich einer aufgeklärten Religion nicht mehr funktioniert. Das begeistert die Menschen nicht.
OÖN: Die Kirchen setzen also auf Hard-core-Glauben?
Schmidt-Salomon: Ja. Und es ist ein stabiler Trend: Je liberaler eine Glaubensgemeinschaft ist, desto eher verliert sie Mitglieder. Je dogmatischer sie auftritt und je höher die Zugangshürden zu dem Glauben liegen, desto stabiler ist diese Gemeinschaft.
OÖN: Wie lauten ihre Hauptkritikpunkte an den Religionen?
Schmidt-Salomon: Zum einen haben die Religionen als Welterklärungssysteme ausgedient. Dem, was Wissenschafter und Rationalphilosophen vorzulegen haben, können Religionen nichts mehr Vernünftiges entgegensetzen. Was wir heute über die Welt wissen, ist nicht mehr in Einklang zu bringen mit dem, was die Menschen glauben. Die Religionen sind von der Wissenschaft entzaubert worden.
Zum zweiten sind die Religionen als politische Ratgebersysteme entzaubert worden. Das kann man ablesen an der Kriminalgeschichte der Religionen. Zudem findet man in den religiösen Quellentexten keine ethischen Anweisungen, die einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft entsprechen würden. Wenn sich die Christen nicht kontinuierlich selbst belügen würden, müssten sie hinnehmen, dass ihre religiösen Quellentexte weit unter dem Mindeststandard einer ethischen Gesellschaft sind. Da findet man keine Menschenrechte drin, keine Demokratie, keinen Pluralismus. Kann man auch nicht finden, denn das sind letztlich Produkte archaischer Hirtenkulturen.
OÖN: Gibt es Ihrer Meinung nach einen natürlichen menschlichen Hand zum Übernatürlichen, zum Spirituellen, zum Glauben?
Schmidt-Salomon: Ich denke, das ist im Wesentlichen Produkt kultureller Sozialisation. Wir lernen das, bekommen es antrainiert. Manche Forscher sagen aber, dass Kinder ausgestattet sind mit einem natürlichen Animismus. Dass sie von sich – als lebendigem Wesen – auf alle Gegenstände schließen. Einige Forscher führen die religiöse Weltanschauungsgeschichte mit der Entwicklung eines Kindes zusammen. Wir hatten am Anfang diese animistischen Religionen, später entstanden Über-Ich-Religionen, die abstrakter waren und nicht jedem Ding eine Seele einhauchten.
OÖN: Sie sprachen schon an, dass sich immer mehr Menschen von den Religionen abwenden. Als Gruppe hört man von den Konfessionsfreien allerdings wenig in der politischen Auseinandersetzung. Fehlt hier eine Interessensvertretung?
Schmidt-Salomon: Richtig. Aber man muss sehen, dass es sich um ein neues Phänomen handelt, das sich erst in den vergangenen 20, 30 Jahren entwickelt hat. Es sind nicht die Institutionen geschaffen worden, die dem gesellschaftlichen Trend angepasst sind. Die müssen jetzt geschaffen werden und das ist auch eines der Ziele unserer Stiftung, damit diese große Gruppe politisch und medial repräsentiert wird.
OÖN: Sie haben geschrieben, dass die Aufklärung stecken geblieben sei. Wo und wann?
Schmidt-Salomon: Viele Aufklärer waren in einem naiven Fortschrittsmechanismus gefangen, weil sie glaubten, dass Religion automatisch absterben oder immer aufgeklärtere Formen annehmen würde. Das hat nicht stattgefunden. Viele Forscher und Philosophen haben noch vor zehn Jahren gesagt, Religion sei doch kein Thema mehr, sie sei widerlegt und habe abgewirtschaftet, man müsse sich nicht mehr darum kümmern, das sei eine absterbende Kultur. Das war eine Form von Arroganz der Aufklärer, dass sie das Thema Religion nicht entsprechend angepackt und keine Alternative zur Religion aufgebaut haben. Menschen suchen aber nach Sinnkonzepten, deswegen reicht es nicht aus, die Religionen nur zu kritisieren. Man muss auch eine Alternative schaffen, die attraktiver ist als das, was die Religionen anzubieten haben.
OÖN: Was wäre denn konkret gefordert von der „Aufklärung, Teil zwei“?
Schmidt-Salomon: Dass sie es schafft, die Alternativen auch sprachlich zu übersetzen. In manchen gesellschaftlichen Segmenten hat sich die Aufklärung ja stark durchgesetzt, etwa bei Naturwissenschaftern, gerade bei Spitzenforschern. Aber es ist nicht gelungen, aus diesem Elfenbeinturm herauszukommen. Es reicht nicht aus, gute Argumente zu haben – die hatte die Aufklärung schon immer. Was der Aufklärung fehlte, war eine gute PR.
OÖN: Ihre Stiftung bietet das Sinnangebot des evolutionären Humanismus. Was darf man darunter verstehen?
Schmidt-Salomon: Der Humanismus geht vom Menschen aus, nicht von imaginären Gestalten wie Kobolden, Hexen, Dämonen oder Göttern. Humanismus hat gleichzeitig das politische Ziel der Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse. Wenn ich nicht daran glaube, dass die menschlichen Lebensverhältnisse verbessert werden können, bin ich kein Humanist, sondern ein Zyniker. Im Unterschied zum klassischen Humanismus ist der evolutionäre Humanismus einer, der sich kein idealistisches Bild vom Menschen zeichnet. Wir leugnen nicht, was in der naturwissenschaftlichen Forschung passiert. Dass der Mensch ein Tier ist, zu den Primaten gehört. Wir sind Trockennasenaffen. Das muss man dann auch in den Gesellschaftsentwürfen berücksichtigen. Unter welchen Bedingungen kann Homo sapiens seine positiven Potenziale entfalten und welche gesellschaftlichen Spielregeln verhindern das und bringen das Schlimmste hervor, was der Mensch eben auch in sich trägt? Wann wird der Mensch zu einer Bestie, zum schlimmsten Raubtier, das wir auf dem Globus kennen? Und wann ist der Mensch ein freundliches, vielleicht das freundlichste aller Tiere?
OÖN: Sie haben analog zu den zehn Geboten zehn Angebote für den evolutionären Humanismus formuliert. Welche zwei sind die wichtigsten?
Schmidt-Salomon: Ich hatte schon Schwierigkeiten das auf zehn zu reduzieren (lacht). Nun, ich denke, dass man keinen Göttern und keinen irdischen Stellvertretern dienen sollte, sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern. Und weil wir realistisch sein müssen, dürfen wir dem Menschen nichts abverlangen, was er nicht realisieren kann. Wir können nicht alle Menschen lieben. Wir können auch nicht unsere Feinde lieben. Das ist ein Widerspruch in sich. Aber wir sollten danach trachten, dass wir möglichst fair mit ihnen umgehen – auch mit denen, die wir nicht lieben. Ein dritter Punkt ist das klassische Ideal der Aufklärung: Dass wir den Mut haben, uns des eigenen Verstandes zu bedienen. Und das bedeutet, dass man Ideen sterben lässt, bevor Menschen für Ideen sterben müssen. Also eine kritisch-rationale Haltung zur Welt, die immer davon ausgeht, dass wir nur Hypothesen haben, die immer wieder verbessert werden müssen. Deswegen kann ich nicht von heiligen Sätzen ausgehen, die für alle Zeiten gelten. Das ist naiv und gefährlich.
OÖN: Ein beliebtes Kirchenargument gegen den Atheismus lautet: In gottlosen Zeiten komme die Bestie Mensch zum Vorschein. Stichworte Nationalsozialismus und Stalinismus. Wie entkräften sie das?
Schmidt-Salomon: Das ist eine völlig falsche Perspektive. Der Nationalsozialismus war dezidiert ein nicht-atheistisches Regime. Atheisten wurden ausgeschlossen. Auf dem Koppelschloss der Soldaten stand „Gott mit uns“. Beim Stalinismus könnte man sagen, das war ein atheistisches Regime. Aber der Atheismus kann selbst zur Religion werden, wenn er als Dogma gelehrt wird. Und es war ein marxistisch-leninistisch-stalinistischer Atheismus. Das war der Grund dafür, dass der Stalinismus alle Ingredienzien einer Religion hatte. Es gab heilige Schriften, die man nicht in Frage stellen durfte, Propheten, die die Wahrheit wussten, Priester, die sie verkündigt haben, Inquisitoren und auch Ketzer. Viele von denen waren übrigens Marxisten. Stalin hat mehr Marxisten umgebracht als Hitler. Der Stalinismus war eine politische Religion wie der Nationalsozialismus auch.
OÖN: Demnach wäre in einem evolutionären Humanismus kein Platz für Ideologien ...
Schmidt-Salomon: Nein. Würde der evolutionäre Humanismus selbst zu einer Religion werden, wäre das ein Widerspruch in sich. Es ist im System angelegt, dass es keine absolute Wahrheit gibt, die für alle Zeiten gilt. Es gibt nur Hypothesen. Wenn morgen valide, gute, einsichtige Argumente dafür kämen, dass wir alle gottgläubig im Sinne Papst Benedikt XVI. sein sollten, dann wäre ich der erste, der wieder in die katholische Kirche eintritt. Nur im Moment kann ich mir keine Argumente vorstellen, die in diese Richtung deuten. Da müsste schon Gott sich in der UNO als brennender Dornbusch offenbaren und sagen: „Leute glaubt an mich und alles wird gut.“ Macht er aber nicht. Was macht er stattdessen – und das ist das Absurde: Uns wird als Demut verkauft, dass der imaginierte Schöpfer dieses gigantischen Universums irgendwann einmal vor 2000 Jahren in ein Exemplar dieser affenartigen Spezies auf einem kleinen blauen Planeten am Rande der Milchstraße inkarniert hat. Das ist das Gegenteil von Demut. Das ist Größenwahn und eine solche Form von Hybris, dass mir fast die Worte fehlen.
OÖN: Aber hat nicht Giordano Bruno 1600 postuliert, es gebe unendliche viele Welten mit Universum unendlich vielen Zivilisationen. Vielleicht hatte Gott nur einfach viel zu inkarnieren?
Schmidt-Salomon: Wenn ein Gott, der in Naturgesetze eingreift, also das, was dieser abergläubische alte Mann namens Benedikt XVI. glaubt, dann ist das zu kritisieren. Denn auf Basis dieser Vorstellungen lässt sich Herrschaft bestens legitimieren. Denn letztlich ist dieser imaginäre Gott nicht anderes als ein Alpha-Männchen. Und derjenige, der den anderen vormachen kann, dass er einen besonderen Kontakt zu ihm hat, kann dadurch seine Stellung innerhalb der menschlichen Säugetierhierarchie verbessern. Das ist ein Trick, den kennen wir schon von Primaten. Man muss sich möglichst günstig zum Alpha-Männchen stellen und dann kann man in der Hierarchie aufsteigen. Und wie macht man das? Mit Demutsgebärden. Ich bin überzeugt: Wenn ein Vertreter einer fremden Spezies zu uns käme und sich einen Gottesdienst ansähe, würde er allein aus den Handlungen, die da vollzogen werden, ableiten können, dass wir eine Primatenspezies sind. Deshalb haben die meisten Herrschaftssysteme der Welt zu ihrer Legitimation Religionen benutzt. Das kann man heute noch sehen. Als Bush Probleme hatte, die Bevölkerung hinter sich zu bringen im Irakkrieg, hat er einen nationalen Gebetstag eingerichtet. Auf der anderen Seite hat Saddam Hussein im Krieg den Religionsunterricht von zwei auf acht Stunden erhöht.
OÖN: Stichwort Moslems: Sie sind kein Verfechter einer multikulturellen Gesellschaft, lese ich ...
Schmidt-Salomon: Ich bin ein Vertreter einer interkulturellen Gesellschaft. Ich denke, dass Vielfalt bereichert und wir voneinander lernen müssen. Das macht Kultur aus. Ich bin aber davon überzeugt, dass falsche Toleranz das Verkehrteste ist, was wir machen können. Wir müssen uns berufen auf die Leitkultur von Humanismus und Aufklärung, die unserer modernen Gesellschaft vorgegeben ist. Wir können es nicht hinnehmen, wenn Menschen aus so genannter anderer Tradition patriarchalische Normen, die die Menschenrechte verletzen, importieren und auch gerne zum Maßstab machen würden. Deshalb haben wir als Stiftung den Zentralrat der Ex-Muslime mit an den Start gebracht. Man kann diesen Menschen, die selbst aus der Türkei, dem Iran oder Irak und anderen muslimischen Ländern stammen, nicht vorwerfen, dass sie ausländerfeindlich sind. Damit haben wir den Diskurs über den Umgang mit dem Islam – der im Unterschied zum europäischen Christentum keine Aufklärung durchmachen musste – verändert. Ein wichtiger Schritt.
OÖN: Sie fordern eine zeitgemäße Leitkultur. Würden Sie die kurz umreißen?
Schmidt-Salomon: Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit. Technologisch im 21. Jahrhundert, andererseits mit weltanschaulichen Mythen behaftet, die seit Jahrhunderten widerlegt sind. Dieses Nebeneinander von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben wird dazu führen, dass sich die Probleme, die wir weltweit haben, verschärfen. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung für einen Jumbo-Jet übertragen wurde. Man kann nicht einerseits das Atom spalten, über Satelliten kommunizieren, die höchsten Formen von Rationalität auf höchstem technologischem Sektor bedienen und gleichzeitig weltanschaulich bei primitiven Hirtenkulturen beheimatet sein. Wer eine solche Technologie bedient, muss auch intellektuell dazu in der Lage sein, und das sind wir nicht. Wir haben die Aufklärung auf weltanschaulichem Gebiet nicht vollzogen, wir haben eine halbierte Aufklärung. Es ist notwendig, dass wir mit der gleichen Rationalität an Politik, an Ethik und Weltanschauung herangehen, die wir für die Technologie benutzen. Es ist verrückt, dass Menschen mehr Vernunft und Verstand auf die Programmierung ihres Handys oder Computers aufwänden als auf das, was wir den Sinn des Lebens nennen. Wir können nicht, wenn es um Sinn und Ethik geht, abschalten.
OÖN: Drei Schlagworte zur zeitgemäßen Leitkultur…
Schmidt-Salomon: Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion. Das ist die Alternative. Wir müssen uns auf die besten Traditionen unserer Geschichte konzentrieren, dann kommen wir auch weiter.
15.09.2007
Die Zehn Angebote des evolutionären Humanismus (Originalfassung)
Vorbemerkung: Diese zehn „Angebote“ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeißelt. Keine „dunkle Wolke“ sollte uns auf der Suche nach angemessenen Leitlinien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.
1.
Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“ (die bei genauerer Betrachtung nichts weiter als naive Primatenhirn-Konstruktionen sind), sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupteten, besonders nah ihrem „Gott“ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion!
2. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten! Du wirst nicht alle Menschen lieben können, aber du solltest respektieren, dass jeder Mensch – auch der von dir ungeliebte! – das Recht hat, seine individuellen Vorstellungen von „gutem Leben (und Sterben) im Diesseits“ zu verwirklichen, sofern er dadurch nicht gegen die gleichberechtigten Interessen Anderer verstößt.
3. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Bedenke, dass die Stärke eines Arguments völlig unabhängig davon ist, wer es äußert. Entscheidend für den Wahrheitswert einer Aussage ist allein, ob sie logisch widerspruchsfrei ist und unseren realen Erfahrungen in der Welt entspricht. Wenn heute noch jemand mit „Gott an seiner Seite“ argumentiert, sollte das keine Ehrfurcht, sondern Lachsalven auslösen.
4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen! Wer in der Nazidiktatur nicht log, sondern der Gestapo treuherzig den Aufenthaltsort jüdischer Familien verriet, verhielt sich im höchsten Maße unethisch – im Gegensatz zu jenen, die Hitler durch Attentate beseitigen wollten, um Millionen von Menschenleben zu retten. Ethisches Handeln bedeutet keineswegs, blind irgendwelchen moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern in der jeweiligen Situation abzuwägen, mit welchen positiven und negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.
5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens! Es gibt in der Welt nicht „das Gute“ und „das Böse“, sondern bloß Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Lernerfahrungen. Trage dazu bei, dass die katastrophalen Bedingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche „Bestie“ Homo sapiens zeigen kann.
6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest. Durch solche Kritik hast du nicht mehr zu verlieren als deine Irrtümer, von denen du dich besser heute als morgen verabschiedest. Habe Mitleid mit jenen Kritikunfähigen, die sich aus tiefer Angst heraus als „unfehlbar“ und ihre Dogmen als „heilig“ (unantastbar) darstellen müssen. Sie sollten in einer modernen Gesellschaft nicht mehr ernst genommen werden.
7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Was uns heute als richtig erscheint, kann schon morgen überholt sein! Zweifle aber auch am Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Beliebigkeit zu meistern.
8. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst! Du verfügst als Mensch über ein außerordentlich lernfähiges Gehirn, lass es nicht verkümmern! Achte darauf, dass du in Fragen der Ethik und der Weltanschauung die gleichen rationalen Prinzipien anwendest, die du beherrschen musst, um ein Handy oder einen Computer bedienen zu können. Eine Menschheit, die das Atom spaltet und über Satelliten kommuniziert, muss die dafür notwendige Reife besitzen.
9. Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben! Sei dir deiner und unser aller Endlichkeit bewusst, verdränge sie nicht, sondern „nutze den Tag“ (Carpe diem)! Gerade die Endlichkeit des individuellen Lebens macht es so ungeheuer kostbar! Lass dir von niemandem einreden, es sei eine Schande, glücklich zu sein! Im Gegenteil: Indem du die Freiheiten genießt, die du heute besitzt, ehrst du jene, die in der Vergangenheit im Kampf für diese Freiheiten ihr Leben gelassen haben!
10. Stelle dein Leben in den Dienst einer „größeren Sache“, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en! Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz. Es scheint so, dass Altruisten die cleveren Egoisten sind, da die größte Erfüllung unseres Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf Andere liegt. Wenn du dich selber als Kraft im „Wärmestrom der menschlichen Geschichte“ verorten kannst, wird dich das glücklicher machen, als es jeder erdenkliche Besitz könnte. Du wirst intuitiv spüren, dass du nicht umsonst lebst und auch nicht umsonst gelebt haben wirst!
Musikalische Früherziehung- Dieses Gerassel ist peinlich.
Mehr künstlerischen Ernst, weniger Pädagogik wünschten wir uns jüngst für die musikalische Früherziehung. Nun befragen wir dazu die bekannte Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich.
Sie haben sich in Ihren Büchern immer wieder für die kindliche Bildung eingesetzt. Was beobachten Sie auf dem Gebiet der Musikerziehung?
Das Bild, das man sich in der Musikpädagogik vom Kind macht, hinkt, verglichen mit anderen Bildungsbereichen, noch weit hinterher. In der frühen Bildung hat sich in den letzten Jahren in Deutschland viel getan. Man traut den Kindern mehr zu und hat gelernt, dass man genauso viel Angst davor haben muss, sie zu unterschätzen, wie davor, sie zu überfordern. Aber in der Musikpädagogik sehe ich noch diese Tendenz zur Verharmlosung von Ansprüchen: als müsste man die Kindheit verteidigen als ein Reservat, einen Freizeitpark, verschont vom Ernst des Lebens. Was in die Richtung von Ansprüchen geht, wird mit Entfremdung oder Drill gleichgesetzt. Dadurch wird den Kindern viel vorenthalten.
Zum Thema
* Mehr Musik, weniger Pädagogik: ein Plädoyer für musikalische Früherziehung
Woher rührt diese Einstellung?
Im Fall begabter Kinder spielt da sicher auch Rivalität mit hinein, projiziert auf die Eltern. Ihnen wird unterstellt, dass sie nur aus persönlichem Größenwahn ihre Kinder zu musikalischen Leistungen antreiben wollten. Das Buch von Alice Miller („Das Drama des begabten Kindes“) hat da generationenlang Schaden angerichtet. Die Eltern stehen mittlerweile unter einem solchen Selbstverdacht, dass sie sich dauernd fragen müssen, ob sie ein klavierspielendes Kind nicht noch ausgleichend in die Sportschule schicken müssen, damit es sich nicht vereinseitigt. Die Umwelt wacht darüber, dass man ein musikalisch anspruchsvolles Kind eher bremst.
Wie äußert sich diese Ausrichtung an Minimalansprüchen im musikpädagogischen Alltag?
Für die Reduzierung von Musik auf Wellness-Klänge braucht man keine Musikerziehung. Das ist sowieso schon vorhanden. Von allen Seiten strömen Klingeltöne auf die Kinder ein. Auch dieses verlegene Hochspielen von Klängen oder bloßer Geräuscherzeugung zu Musik, das man in Kindergärten und Schulen beobachten kann, banalisiert die Musik und die Kinder. Da klappern Siebenjährige auf Schlaginstrumenten, und hinterher heißt es von der Lehrerin mit gespieltem Staunen in der Stimme: „Jetzt habe ich aber was Schönes gehört! Super habt ihr das gemacht.“ Es kann auch nicht nur darum gehen, dass den Kindern erklärt wird, wie Instrumente heißen und wie sie gebaut sind, ohne dass sie selber lernen dürfen, wie man ein Instrument spielt. Es ist ja nur äußerlich, wenn ein Kind sagen kann: „Das ist ein Bratschenbogen.“ Da kann sich ein totes Wissen vor die Erfahrung von Musik schieben. Das bleibt Besserwisserei, solange das Kind keine wirkliche Erfahrung damit verbindet.
Wie kommt es Ihrer Ansicht nach zu diesem Defizit?
Man traut den Kindern zu Unrecht nicht zu, dass sie etwas suchen, das größer ist als sie selbst. Wenn man Kinder genau beobachtet, sieht man, wie sie sich anstrengen wollen, wie das Nichtwissen, Nichtkönnen ihnen fast weh tut und wie sie ihre Sinneseindrücke immer steigern wollen. Vielleicht weichen wir Erwachsene ins Pädagogische aus, wenn wir in Bereiche hineinkommen, wo unser Generationenvorsprung nicht mehr so signifikant ist. Im Bereich der ästhetischen Erfahrung kommt man mit dem Erklären an Grenzen. Aber Kinder erwarten gar nicht, dass Erwachsene immer schon alles wissen. Wichtiger ist das geteilte Musikerlebnis. Erwachsene sollten mit Kindern die Musik hören, die ihnen selbst nahegeht. Davon werden die Kinder berührt.
Sie glauben also, dass die Qualität eines Musikstückes schon von Anfang an wichtig ist?
Unbedingt. Es gibt wunderbare Aussagen dazu von Zoltán Kodály, dem ungarischen Komponisten und Musikpädagogen. Er sagte zum Beispiel: „Wenn die Nahrung, die wir den Kindern geben, so schlecht wäre wie die Musik, die wir ihnen zumuten, dann wären sie schon lange nicht mehr am Leben.“ Chorwerke der Renaissance, Palestrina, Orlando di Lasso, Monteverdi sollten seiner Meinung nach eingehen ins Repertoire der Schulkinderchöre. Niemand ist zu groß, um für die Kleinen zu schreiben, lautete seine Devise. Und er forderte, dass die jüngsten Kinder von den qualifiziertesten Lehrern unterrichtet werden sollten. Ein schlechter Operndirektor wird bald davongejagt, aber ein schlechter Dorfschullehrer kann dreißig Jahre lang in Tausenden von Kindern die Liebe zur Musik abtöten.
Sehen Sie auch positive Entwicklungen?
Die Kindergärten in Deutschland sind für die Kinder interessanter geworden, vielseitiger in ihren Angeboten. Wenn es da Forscherecken gibt oder eine Wasserwerkstatt, eine Schreibecke, eine Küche, in der Kinder selber kochen, können sie entdecken, dass sie auf diese Angebote unterschiedlich anspringen. Ich denke, dass das ganze Begabungsproblem allmählich etwas an Polarisierung verliert. Die Tatsache, dass die Menschen unterschiedlich sind, scheint jetzt mehr toleriert zu werden.
Spielt die Musik in diesen fortschrittlicheren Kindergärten eine Rolle?
Da ist das noch nicht so richtig angekommen. Ich habe das Gefühl, dass sich da die Erwachsenen ducken und kleiner machen, als sie sind - und die Kinder mitspielen müssen. Kinder sind ja gutmütig. Die hopsen dann nach irgendwelchen Fahrradklingeln herum. Aber im Grunde werden sie unter ihrem Wert angesprochen, und auch die Erwachsenen sind albern. Dieses Gerassel, diese Vorliebe für Geräuschmacher - haben Erwachsene Angst vor der Musik als Kunst? Was herauskommt, ist peinlich. Unter dem Vorwand, bei Kindern und Eltern keinen Ehrgeiz aufbauen zu wollen und ihnen Enttäuschungen zu ersparen, verstellt man Kindern übrigens auch die Möglichkeit, Techniken des Übens zu entwickeln. Dabei lieben Kinder es, etwas zu üben, sie tun es ja auch spontan von sich aus.
Wie wäre die Situation zu verbessern?
Ausgehen sollte man immer wieder davon, dass jeder Mensch von Geburt an musikalisch ist. Die Kommunikation zwischen Mutter und Säugling ist eine primär musikalische mit vielen sanglichen Elementen. In Japan spricht man interessanterweise mit den Kindern bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren mit der musikalisierten Kopfstimme. Wir legen dagegen mehr Wert darauf, schon bald vernünftig und partnerschaftlich mit dem Kind zu sprechen, wir senken die Stimme ab, und das Singen tritt in den Hintergrund.
Was schlagen Sie vor?
Mein Rat lautet zum einen: singen, singen, singen! Das sollte schon vor dem Kindergartenalter, in den jetzt auszubauenden Krippen, eine wichtige Rolle spielen. Das Singen soll durchaus verbunden sein mit einem gewissen Anspruch an Gestaltung. Phrasierung, Dynamik - solche musikalischen Grunderfahrungen mit dem eigenen Musikinstrument, der Stimme, verankern im Kind die Gewissheit: Ich bin musikalisch. Und wenn Kinder mit ihrer Stimme üben oder mit einem anderen Instrument, üben sie sich immer auch im ästhetischen Urteilen: Was ist besser, was ist schön? Ich habe mir schon einmal gedacht, ob man nicht in den Kindergärten ein Zimmer einrichten sollte, in dem die Kinder ein Musikinstrument üben können. Ideal wäre es, wenn eine Lehrkraft aus der Musikschule regelmäßig dazukäme. Und wichtig ist auch, dass sich das musikalische Repertoire wieder erweitert. Das ist ja auch so kindisch geworden, immer nur „Peter und der Wolf“.
Wenn überhaupt!
Man müsste investieren, um ein gutes, internationales Repertoire fürs Singen in Krippe und Kindergarten aufzubauen. Musik ist nicht nur lustig, und Musik soll nicht nur als Entertainment erlebt werden. Als Kind liebt man doch das Tragische! Moll ist doch viel interessanter als immer nur dieses penetrant diatonische Dur. Und Dissonanzen sind spannend, im Leben und in der Musik.
Das Gespräch führte Julia Spinola.
Text: F.A.Z., 06.12.2007, Nr. 284 / Seite 37
Dagegen war auch die rot-grüne Regierung kein Bollwerk. Unerwartet und verspätet an die Macht gelangt, war die Koalition von 1998 ohne kulturellen Anspruch und bar jeder Idee. Zwar wurde die Kultur erstmals mit einem eigenen „Ministerium“ bedacht. Aber das konnte den fehlenden geistigen Impuls nicht ersetzen. Die Basta- und Pasta-Kultur von Gerhard Schröder und Joschka Fischer war Ausdruck einer verinnerlichten Versöhnung mit jenen Verhältnissen, gegen die man einst angetreten war. Die Rückkehr der 68er Generation in eine Heimat, die nie eine war.
Georg Hoffmann-Ostenhof- „Gemischter Satz“
Wiener Wein, „Schwabos“ und die Multikulti-Zukunft der österreichischen Hauptstadt.
Vor Kurzem schrieb Thomas Friedman, Starkolumnist der „New York Times“, in einem seiner Kommentare unter dem Titel „America’s Real Dream Team“ über ein feierliches Dinner in Washington, D. C. Und er zählte alle 40 Ehrengäste namentlich auf. Bei der Liste in alphabetischer Reihe von Namrata Anand bis Linda Zhou handelte es sich zu über 90 Prozent um Namen asiatischer Provenienz. Friedman fragte rhetorisch, um welche Art Veranstaltung es sich gehandelt haben könnte. „Nein, das war nicht ein Dinner der Chinesisch-Indischen Freundschaftsgesellschaft“, klärte er auf, sondern ein Essen zu Ehren der 40 Highschool-Finalisten in einem Jugend-forscht-Wettbewerb unter dem Motto „Intel Science Talent Search“.
Friedman schlussfolgerte: „Wenn Sie sich vom Segen von Einwanderung überzeugen wollen, besuchen Sie das ,Intel Science‘-Finale. Wenn man diese energischen, dynamischen, ambitionierten Leute kombiniert mit einem demokratischen System und einem freien Markt, dann schafft das Wunder.“ Mit anderen Worten: Die Dynamik eines Landes kommt von den Immigranten.
Friedmans Erkenntnis ist bei uns noch nicht richtig angekommen. „Der Ausländer“ – und in seiner besonderen Ausprägung „der Asylant“ – wird im Allgemeinen noch immer mit Kriminalität assoziiert, die Einwanderung vornehmlich als Problem und Last gesehen. Wenn in Wien eine geballte Aufzählung von Namen mit viel „Ö“s, „Ü“s oder mit Endungen auf „-ic“ auftaucht, also von Menschen aus südslawischen Herkunftsländern oder mit türkischem Background, welche hierzulande das Hauptkontingent der Migranten stellen, dann hat man im besten Fall die Aufstellung von österreichischen Fußballklubs vor sich.
Aber da ändert sich einiges. Mein Sohn Leon hat die Schule gewechselt. Jetzt geht er in die dritte Klasse eines Gymnasiums in einer durchaus bürgerlichen Gegend Wiens. Am ersten Schultag kam er nach Hause und eröffnete uns fröhlich: „Wir sind nur fünf Schwabos in der Klasse.“ „Svabo“ wurden früher am Balkan die „Deutschen“ oder Deutschsprachigen genannt – hergeleitet von „Schwaben“. Heute wird „Schwabo“ offenbar von den Jungen als Ausdruck für einheimische Österreicher verwendet, im Unterschied zu jenen, die einen, wie man heute sagt, Migrationshintergrund haben. Also nur fünf Kinder aus „eingesessenen“ Familien sind in Leons Schulklasse. Der Rest hat Eltern, die von überall her kommen: aus dem slawischen Osten, aus der Türkei, aus Deutschland, aber auch aus Nordafrika und Asien. Und das ist eben nicht eine Unterschichten-Hauptschule aus Rudolfsheim, Ottakring oder Favoriten, sondern eine durchschnittliche Mittelschule in einem durchschnittlich durchmischten Bezirk innerhalb des Gürtels.
Leons Klasse ist vielleicht besonders multikulturell. Aber eine echte Ausnahme dürfte sie auch nicht sein. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte demografische Erhebung: 44 Prozent der Wiener Stadtbewohner haben einen Migrationshintergrund. Gerechnet werden im Ausland Geborene, Menschen mit einer nichtösterreichischen Staatsbürgerschaft und Personen mit mindestens einem Elternteil ausländischer Herkunft. Die Enkelkinder der klassischen Gastarbeiter, die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Österreich kamen, sind also gar nicht mitgezählt.
Eine kleine önologische Abschweifung sei hier erlaubt. Seit ein paar Jahren erfreut sich der Gemischte Satz steigender Beliebtheit, vor allem in Wien, wo sich mehrere Winzer zusammengetan haben, um eine alte Tradition der Stadt wieder aufleben zu lassen. Der Wiener Gemischte Satz hat heute fast schon Kultcharakter. Das ist ein Wein, der sich aus unterschiedlichen Rebsorten zusammensetzt. Diese werden aber – im Gegensatz zur Cuvée, die auch ein Verschnitt ist – gemeinsam in einem Weingarten angebaut und nicht erst im Weinkeller vermischt. Über Jahrhunderte hinweg wurde in Europa nur in seltenen Ausnahmefällen sortenrein ausgebaut. Da galt der Spruch: „Eine Rebsorte in einem Weingarten ist eine Geige, der Gemischte Satz aber ein Orchester.“
Mit dem immer stärkeren Aufkommen der sortenreinen Weine Ende des 19. Jahrhunderts erlitt der Gemischte Satz aber einen sozialen Abstieg sondergleichen. Seit damals führte er ein Schattendasein als einfacher Schank- und Heurigenwein. In den feinen Salons und Etablissements setzte man offenbar verstärkt auf „Rassereinheit“ – vor allem in Deutschland und Österreich. Da wird kaum verschnitten, im Unterschied zu Italien, Spanien und Frankreich, wo etwa Burgunder, Rioja und Chianti durchwegs Cuvée-Weine sind.
Nun erlebt der Wiener Gemischte Satz seine Renaissance und präsentiert sich in seiner feinen Vielschichtigkeit und geschmacklichen Kraft. Und das stimmt nicht nur den Weinliebhaber zuversichtlich. Denn keiner sage, die Renaissance des Gemischten Satzes sei bloß Mode und drücke nicht allgemein Zeitgeistiges aus. Das haben die Dichter erkannt: Dem Gemischten Satz liege der „nichtrassische Züchtungsgedanke“ zugrunde, schwärmt Julian Schutting, und der Schriftsteller Norbert Silberbauer sieht in ihm ironisch gar einen „Widerstandstrunk gegen die hiesige Asylpolitik“. Nicht nur für die USA gilt: Zuwanderung bringt Dynamik, Melange macht stark. Auch Wien hatte immer dann seine Blüte, wenn die Völker sich in ihrer Vielfalt an der Donau zusammenfanden. Das mag man verleugnen und negieren und über Parallelgesellschaften und Integrationsprobleme klagen. Aber klar ist: Der Gemischte Satz ist nicht nur Wiens Vergangenheit. Er ist auch die Zukunft dieser Stadt.
Das Appeasement zwischen Kultur und Politik muss ein Ende haben–ein Plädoyer gegen die Bequemlichkeit-Klaus-Dieter Stork
Als die Volksparteien noch solche waren, als noch Generäle und nicht SekretärInnen in ihnen dachten und planten, war nicht nur das politische Niveau ein anderes. CDU, CSU und SPD waren damals auch kulturell auf der Höhe der Zeit. Sicher: Politiker wie Heiner Geißler, Holger Börner und Peter Glotz waren keine feinsinnigen Kunstfreunde oder Abonnenten der Oper. Gleichwohl beschäftigten sich ihre Strategien sehr wohl mit der intellektuellen und kulturellen Befindlichkeit der Bonner Republik. Sie konnten mit Antonio Gramsci und dem Begriff der kulturellen Hegemonie noch etwas anfangen. Edmund Stoiber schaffte es mit seinem unsäglichen, gegen Günter Grass und andere gerichteten Satz von den „Ratten und Schmeißfliegen“, die Anti-Strauß-Kampagne der politischen Linken aufzuladen. Kunst, Kultur und Wissenschaft wussten noch, um was es ging.
Das Verhältnis zwischen Kultur und Politik war in den siebziger und achtziger Jahren (an-)gespannt und kritisch, beileibe nie konfliktfrei und harmonisch – aber eben auch diskursiv und perspektivisch. Alexander Kluge, Ivan Nagel und Rainer Werner Fassbinder sahen ihre Arbeit nicht nur künstlerisch. Sie zielten auf gesellschaftliche Wirkung, auf Veränderung. Dem Reformcredo der Ära Brandt, „mehr Demokratie zu wagen“, stand der einprägsame Anspruch „Kultur für Alle“ geistig zur Seite und zugleich gegenüber. Kulturpolitiker wie Hermann Glaser und Hilmar Hoffmann machten sich auf unterschiedlichen Wegen an die Arbeit. Bis in die frühen neunziger Jahre forderten, kritisierten, analysierten Filmemacher, Dichter und Denker, Theaterregisseure. Kultur war Politik. Selbst in der Unterhaltungsindustrie wurde rote und schwarze Farbe bekannt: Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kuhlenkamp versus Dieter Thomas Heck und Roberto Blanco.
Geschichte und Gegenwart
Das alles ist nicht völlig verschwunden, aber heute doch ganz anders. Pointiert formuliert: Mit dem gescheiterten Realsozialismus, dessen Niederlage zum Sieg über alles vermeintlich Linke umgedeutet wurde, kam auch der letzte Funke Utopie in Kunst und Kultur gleich mit ans Ende der Geschichte.Kulturindustrie ist selbst Teil der Maschinerie. Das war sie schon immer, aber das gegenwärtige Stadium der Verflachung, Verfremdung und Manipulation ist neu. Das Verdikt der Dialektik der Aufklärung, „Kultur schlägt heute alles mit Ähnlichkeit“, ist Wirklichkeit geworden. Hofften Theodor W. Adorno und Max Horkheimer noch auf das korrigierende Potential des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, so unterscheiden sich die privaten und staatlichen Medien heute kaum mehr. Kritik und Aufklärung sind verbannt in die Nischen einiger Theater und Musiksäle, führen ein ohnmächtiges Schattendasein in Spartensendern. Selbst die Tabubrüche, die in den siebziger und achtziger Jahren noch für kontroverse gesellschaftliche Debatten Anlass gaben, sind kanonisiert. Der moderne Konservative, der gehobene Neoliberale empören sich nicht über das provokante Regietheater, das kritische Stück gegen Hartz IV, den Rock gegen irgendetwas. In der Sprache des Neoliberalismus: Die Kritik ist eingepreist.
Basta- und Pasta-Kultur
Kunst und Kultur haben sich mit diesen Zuständen arrangiert. Zwar geistert das Peymannsche Postulat durch den Raum, mit dem Berliner Ensemble „Stachel im Kapitalismus zu sein“; es gibt die rebellische Volksbühne und die Musiktheater in Stuttgart oder Frankfurt mit ihren bemerkenswerten zeitgenössischen Produktionen; nicht wegzudenken auch viele Kulturinstitute und Verbände. All das ist gesellschaftlich anerkannt, künstlerisch hochwertig, bisher relativ solide finanziert – aber gesellschaftlich und politisch weitestgehend wirkungslos.
Das unausgesprochene Appeasement zwischen Politik und Kultur fordert nun in der großen Krise seinen Preis. Die Kassen sind leer, Theater, Museen und Opernhäuser werden zur Disposition gestellt. Die Feuilletons haben schon Witterung aufgenommen: Während man noch die Kulturhauptstadt Europa feiert, ist schon vom Kulturhauptstadtslum die Rede. Die Zeiten neigen sich dem Ende entgegen, als die Politik beim Freitagabend-Event noch mit Beifall rechnen konnte, obwohl alle wussten, dass am Montagmorgen wieder dereguliert, privatisiert und weggespart wird. Wo es Ernst wird für die etablierte und die freie Kultur, müssen sich Künstler und Intellektuelle entscheiden. Wer sich seinem Schicksal nicht einfach hingeben will, muss die politische Askese hinter sich lassen – und er wird Bündnispartner benötigen.
Hoffnung und Trauma
Als am 3. November 2008 die mediale Einheitsfront von Giovanni di Lorenzos Zeit bis Kai Dieckmanns Bild mit Hilfe von vier aufrechten Verrätern über den rot-rot-grünen Aufbruch in Hessen gesiegt hatte, scheiterte nicht nur ein sozial-ökologischer Aufbruch. Es war auch eine historische Niederlage der politischen Kultur gegen die veröffentlichte Meinung, die jede Grenze hatte überschreiten dürfen.
Wenige Intellektuelle hatten sich dem entgegengestellt. Es blieb dem Theaterregisseur Ivan Nagel vorbehalten, auf die Tatsache zu verweisen, dass jene Konservative und Liberale, die sich über den vermeintlichen „Wortbruch“ empörten, gar nicht betroffen waren. Schließlich war ihnen nichts anderes versprochen worden, als die Abwahl des CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch. Es war ein einsamer Politologe, Martin Hecht, der darauf aufmerksam machte, wie die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti systematisch diskreditiert wurde. Es kamen nur ein paar Künstler wie Konstantin Wecker und Anne Haigis zusammen, um dem angestrebten Politikwechsel ihre Unterstützung zu versichern. Theater, Literatur, Musik und Soziologie – die ganze Szene beklagt in ihren Guckkästen und Elfenbeintürmen den Zerfall des Sozialstaats, die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, den Krieg in Afghanistan, die Entfremdung, die Vereinzelung. In die Niederung der politische Aktion wagt sie sich aber nicht.
Hessen wirkt nach
Hessen wirkt nach – auch bei der Suche nach einem neuen hegemonialen Ansatz linker Parteien, der dem inhaltlichen Anspruch eines realen Politikwechsels genügt. Man sieht es vor allem an der SPD: Bis heute haben die sozialdemokratischen Apparatschiks im Willy-Brandt-Haus nicht wirklich begriffen, dass sie den Ast, auf dem die „neue Mitte“ Halt finden sollte, selbst mit abgesägt haben. Die „Soziale Moderne“, ein Reformprojekt, das im Hessenwahlkampf erfolgreich war und Charisma in die Politik zurück brachte, blieb ihnen fremd und suspekt. Dabei hätte auf dieser Basis eine Ideenschmiede, das Praxislabor einer anderen politischen Kultur entstehen können.
Die neoliberale und neokonservative Hegemonie wirkt nicht nur ökonomisch und politisch. Der „Terror der Ökonomie“ ist ein real existierender, er ist bis in die kleinsten Fasern der gesellschaftlichen Verhältnisse eingedrungen. Flexibilisierung, Verfügbarkeit und Entgrenzung haben klassische Arbeitsverhältnisse überwuchert. So etwas funktioniert nicht ohne ein gewisses Maß an kultureller Faszination. Es ist dem Neoliberalismus gelungen, ein posthedonistisches Bild von Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung zum allgegenwärtigen Bezugspunkt zu machen. Der „angefixte“ Rezipient vertraut trotz Krise auf die Verheißung. Das sollte eine demokratische Linke bei der Suche nach alternativen Wegen nicht unterschätzen.
Auf der Höhe der Zeit
Das „in Möglichkeit Seiende“ einer gerechten und humanen Gesellschaft bedarf eines kulturellen Fundaments, einer künstlerischen Hinterlegung. Dazu müssen Begriffe wie Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit neu und auf der Höhe der Zeit definiert werden. Einen ersten Ansatz dazu bietet das neu gegründete Institut Solidarische Moderne. Es könnte ein Ort daraus werden, an dem Wissenschaft, Kunst, Kultur und Politik vorbehaltlos aufeinander treffen.
Eine anspruchsvolle, interessante und begeisternde progressive Politik wird es ohne kulturelle Impulse nicht geben. Eine in der Gesellschaft emanzipatorisch wirkende Kultur gibt es umgekehrt nicht ohne politische Transmission. Ein interdisziplinärer Diskurs wird allen Akteuren nutzen. Und er ist längst überfällig. Die Zukunft der Arbeit, der Bildung, der Kultur, der Ökologie und der Ökonomie kann und muss Gegenstand einer gemeinsamen Anstrengung werden. Die „neue Solidarität“ braucht universelle Sichtweisen. Sicher: Einen solchen Ansatz sollte man nicht überfordern. Aber mehr Mut zur emanzipatorischen Sinnlichkeit ist angezeigt.
Angesichts der bestehenden Verhältnisse gibt es wahrlich kein Anlass zu übertriebener Hoffnung. Aber Grund zur ironischen Dialektik im Sinne Heiner Müllers: „So wie es bleibt, ist es nicht“.
AUFSTAND DER UNTERSCHICHT
Inge Kloepfer, Wirtschaftsjournalistin der renommierten „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, prophezeit Deutschland und Europa fundiert hergeleitet den „Aufstand der Unterschicht“, sollte nicht bald gegengesteuert werden.
OÖN: In Ihrem neuen Buch „Aufstand der Unterschicht“ prognostizieren Sie Verteilungskämpfe zwischen Arm und Reich. Worauf stützen Sie Ihre Vorhersage?
Kloepfer: Auf drei Entwicklungen. Erstens haben wir weniger Nachwuchs. Ein Land, das schrumpft, wird wirtschaftlich nicht so produktiv sein, es fehlt an Kreativität, an innovativen Ideen und deren Umsetzung. Zweitens stehen wir in einem beinharten globalisierten Wettbewerb, der wahrscheinlich in der Krise noch viel härter wird. Und wir leisten uns drittens eine Schicht von 20 Prozent Nachwuchs, die viel zu wenig weiß, um eigenständig aus unserem Bildungsangebot Nutzen zu ziehen. Nehmen Sie die drei Dinge zusammen, werden Sie unschwer erkennen, dass sich diese Entwicklungen in ihrer negativen Wirkung gegenseitig verstärken. Deutschland wird es langfristig schlechter gehen, es wird weniger zu verteilen geben. Und dann werden die Verteilungskämpfe einsetzen.
OÖN: Was läuft denn beim Nachwuchs konkret schief?
Kloepfer: Furchtbar vieles. Wir haben Kinder und Jugendliche, die systematisch benachteiligt werden. Sie wachsen in armen, bildungsfernen Familien auf, in heruntergekommenen Vierteln, in Milieus mit hoher Arbeitslosigkeit. Sie treffen in den Schulen immer nur auf ihresgleichen. Die Kinder werden oder sind schon aussortiert. Das führt dazu, dass die klassisch ausgegrenzten Schichten wachsen.
OÖN: Sie sprechen recht despektierlich von Humankapitalschwäche…
Kloepfer: Das ist ein technokratischer und deshalb recht brutaler Begriff, den ich gewählt habe, um nicht ein sozialromantisches oder gar larmoyantes Buch zu schreiben. Humankapitalschwäche heißt einfach, dass zu wenig Menschen genügend wissen, um Deutschland voranzubringen.
OÖN: In Österreich zeugen Schulstudien wie PISA von ähnlicher Problematik. Sind Ihre Einschätzungen auf Österreich umlegbar?
Kloepfer: Sehr wohl, nicht zuletzt aufgrund des ähnlichen Schulsystems. Auch die Schweiz hat bereits Probleme. Im Grunde ist das ein postindustrielles Phänomen,…
OÖN: …das für fast ganz Europa gilt?
Kloepfer: Ich glaube, dass man das auf viele Länder umlegen kann.
OÖN: Wenn sich, wie Sie ausführen, der Sozialstatus und damit Armut und Bildungslosigkeit vererben, müsste zur Gegensteuerung in den Familien angesetzt werden. Wie?
Kloepfer: Ein Beispiel aus Amerika: Für eine Studie hat man über sieben Jahre lang in einem stark deklassierten Stadtviertel Sozialarbeiter zu Familien mit Neugeborenen geschickt. Man hat die Mütter, an denen die Erziehung zumeist hängen bleibt, permanent motiviert, mit ihren Kindern zu sprechen und ihnen vorzulesen. Denn in den unteren Schichten wird zu wenig gesprochen, wodurch sich die Intelligenz der Kinder weniger entwickelt. Am Ende ließ sich feststellen, dass die Kinder im Vergleich zu Mittelschicht-Kindern kaum Rückstände aufwiesen. Das heißt: Man muss in diese Familien hineingehen – von Geburt an. Und das sehe ich nicht als besonders schwierig an.
OÖN: Das Problem ist bekannt. Warum tut die Politik nichts?
Kloepfer: Für Politiker ist es völlig unattraktiv, richtig ins Bildungssystem oder ein soziales Dienste-System zu investieren. Denn die Erträge aus diesen Investitionen stellen sich für die Gesellschaft erst nach 15 oder 20 Jahren ein. Die Politiker sind dann aber alle schon in Pension. Dazu kommt, dass die gesellschaftliche Mitte tendenziell dazu neigt, die Probleme am Rande der Gesellschaft auszublenden.
OÖN: Konkret. Was muss passieren?
Kloepfer: Netzwerke rund um betroffene Familien bauen, vom Moment der Geburt im Krankenhaus an bis hin zu den Kindergärten. Dann müssen richtig gute Schulen etabliert werden in den schlechten Vierteln. Unterricht und Schulstruktur müssen total verändert werden hin zu mehr Qualität und Integration. Man darf nicht Menschen mit neun Jahren aussortieren.
OÖN: Sie sehen das soziale Netz bereits als sehr gespannt an, die Finanzkrise wird aber vermehrt Arbeitslose produzieren. Wie lange hält das Netz noch?
Kloepfer: Das Netz kann noch lange halten. Theoretisch kann sich der Staat dafür weiter verschulden. Wie wenig Hemmungen da bestehen, sehen wir derzeit. Aber auf ewig wird das nicht gehen. Deshalb werden wir in Kürze wieder Debatten über die Kürzung von Sozialtransfers führen. Und die werden schärfer werden. Spätestens dann, wenn vor allem jüngere Leute nicht mehr alimentiert werden, wird die Gewaltbereitschaft steigen.
OÖN: Weisen die Proteste in den Vorstädten von Paris und die jüngsten Ausschreitungen in Athen in diese Richtung?
Kloepfer: In Frankreich ging es sehr wohl um die Chancenlosigkeit junger Menschen, vor allem der Migranten in den Vorstädten. Soziologen sagen, in Deutschlands Innenstädten könnte sich Ähnliches entwickeln. Wir hatten ja in Berlin-Kreuzberg bereits einen richtigen Aufruhr. Der Innensenator sprach seinerzeit vom Mob, die Polizei hatte Mühe, das in den Griff zu bekommen. In Zeiten schneller Kommunikation könnte aus so etwas auch ein Flächenbrand entstehen.
OÖN: Das ist die Frage: Wann?
Kloepfer: Wenn wir anfangen müssen, Sozialbeiträge zu kürzen, weil der Staat an die Grenzen der Finanzierungsmöglichkeiten kommt. Ich glaube, dann sinkt das Unrechtsbewusstsein so stark, dass sich die Benachteiligten das holen werden, von dem sie meinen, dass es ihnen zusteht. Irgendwann werden die Jugendlichen auch realisieren, dass die mediale Suggestion von der gesellschaftlichen Beteiligung eine Scheinwelt ist.
OÖN: Sind höhere Sozialleistungen anzustreben?
Kloepfer: Keinesfalls mehr Transfers oder Betreuungsgelder. Tendenziell würde ich sogar fordern, bestimmte Sozialtransfers an Bildungsbeteiligung zu knüpfen, was in Deutschland rechtlich nicht möglich und als Thema tabu ist, in anderen Ländern aber diskutiert wird. Es gibt keinen Grund, Geld dort zu investieren, wo nachweislich gar kein Interesse daran besteht, es in Bildung umzusetzen. Das gilt besonders für untere Schichten, auch mit Migrationshintergrund.
OÖN: Manche werfen Ihnen diesbezüglich eine zu bürgerliche Perspektive vor…
Kloepfer: Bürgerlich heißt für mich nicht mehr und nicht weniger, als in der Lage zu sein, sich mit seinen Fähigkeiten selbst zu ernähren und ein Leben in Eigenregie zu führen. Welches Lebensmodell man wählt, ist dabei unerheblich. Es ist unfair, zu sagen: Jene, die nicht mitkommen, werden einfach ernährt. Sie wären permanent fremdbestimmt. Deswegen bleibt mein Bezugspunkt die bürgerliche Perspektive.
Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Keine!
Haben wir nicht schon längst genug? Wofür arbeiten wir noch? Und warum immer mehr? Fragen, die die Hamburger Sozialwissenschafterin Marianne Gronemeyer kürzlich in einem Vortrag in Linz zum Thema „Wieviel Arbeit braucht der Mensch?“ zu beantworten suchte.
OÖN: Da morgen Muttertag ist, die Frage: Wieviel Arbeit braucht die Frau?
Gronemeyer: Das unterscheidet sich nicht von der Frage nach der Arbeit, die der Mann braucht. Beide brauchen keine Arbeit. Arbeit ist etwas, das man nicht als Ziel des Begehrens ins Auge fassen kann. Durch die Jahrhunderte hindurch hat man immer gewusst, dass die Arbeit dasjenige ist, was die Notwendigkeit ausmacht. Dass wir ein Bedürfnis nach Arbeit haben, ist ja eine sehr neue historische Situation.
OÖN: Also, dass Arbeit an sich einen Wert darstellt?
Gronemeyer: Das hat damit zu tun, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, der die Arbeit ausgeht. Mehr und mehr menschliche Arbeit wird dem Maschinenwesen geopfert. Wobei es eine Illusion ist, zu glauben, die Maschinen machen das umsonst. Was wir heute erleben als Rohstoff- und insbesondere als Energiekrise, ist eine Folge davon, dass wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse so eingerichtet haben, dass wir Arbeiten erledigen lassen durch Maschinenparks, die das Vielfache von dem an Energie verbrauchen, was menschliche Tätigkeit früher verbraucht hat.
OÖN: Zurück auf die Bäume?
Gronemeyer: Ja, das ist immer gleich die Frage. Fest steht, dass der Weg, den wir beschritten haben – durch industrielle Zurverfügungstellung von Waren und Dienstleistungen menschliches Tätigsein zu erübrigen – ein falscher Weg ist; auf allen Ebenen.
OÖN: Arbeiten und dadurch Geld verdienen, bleibt aber fast keinem erspart ...Gronemeyer: Im Grund haben wir eine Situation, in der wir Menschen eigentlich nur noch drei Formen von Tätigkeiten verrichten, bei denen Geld eine Rolle spielt. Erstens die Produktion von Waren und Dienstleistungen. Zweitens der Konsum, den wir als vergnügte Freizeitbeschäftigung anzusehen gelernt haben, der aber in Wirklichkeit eine herbe Untertanenpflicht ist und das dritte und Fatalste ist die Schattenarbeit, die den Zugang zu Waren und Dienstleistungen erst möglich macht.
OÖN: Sie sprechen jetzt aber nicht vom Pfuschen, oder?
Gronemeyer: Schattenarbeit ist unbezahlte Tätigkeit. Zum Beispiel: Damit unsere Kinder heute schultauglich werden, müssen wir sie von Kindesbeinen an von einer Fördermaßnahme in die nächste karren. Wir werden Beförderungsunternehmer. Zusätzlich müssen wir zum Arbeitsplatz pendeln. Dann sitzen wir im Wartezimmer, um die Dienstleistung eines Arztes in Anspruch nehmen zu können. Wir sammeln Müll oder machen Telebanking. Diese Tätigkeiten dienen bloß der Rationalisierung an einem dritten Ort.
OÖN: Demgegenüber sprechen Sie von „guter Arbeit“. Was verstehen Sie darunter?
Gronemeyer: Gute Arbeit nutzt und schadet nicht. Im Bereich der beruflichen Tätigkeiten gibt es so gut wie keine gute bezahlte Arbeit mehr, die nicht immensen Schaden anrichtet. Wenn Sie Glück haben, können Sie vielleicht noch Nischen nutzen, wo Sie subversiv gegen den Richtungssinn dessen, was Ihnen abverlangt wird, gut tätig sein können. Ich habe zum Beispiel an der Hochschule noch versucht, Bildung als hohes Gut hochzuhalten, anstatt Menschen zuzurüsten für den Arbeitsmarkt.
OÖN: Arbeit hängt auch zusammen mit unseren Bedürfnissen, die wir mit Geld befriedigen...
Gronemeyer: Wenn ich ein Bedürfnis anmelde, dann muss ich mich an jemanden adressieren, der ein Befriedigungsmittel verwaltet. Und der wird mir die Bedingungen diktieren. Im Normalfall Cash. Es kann aber auch Wohlverhalten sein.
OÖN: Wenig Bedürfnisse zu haben, bedeutet somit das Höchstmaß an Freiheit zu erreichen?
Gronemeyer: Zwei Antworten. Erstens: Wer nichts will, dem fehlt nichts.
OÖN: Und zweitens?
Gronemeyer: Nehmen wir den Gesundheitssektor: Es ist kaum mehr bezahlbar, dass für alle gut gesorgt wird, insbesondere im hohen Alter. Eine Möglichkeit wäre, mich mit Freunden zusammenzuschließen und zu versuchen – im Vertrauen aufeinander – mein Leben so gut wie möglich zu organisieren, um Gesundheit und Fürsorge zu bekommen.
OÖN: Eine Alten-WG?
Gronemeyer: Zum Beispiel. Es geht darum, Fähigkeiten in die Hand zu nehmen, die noch in meiner Kindheit selbstverständlich in der Familie waren. Kinderkrankheiten wurden nicht vom Arzt behandelt, Alte wurden nicht vom Arzt gepflegt.
OÖN: Also geht es um Kompetenzen?
Gronemeyer: Ja, und es geht um die Rückgewinnung von Zuständigkeiten. Man ist ja für nichts mehr zuständig. Man kann seine Konflikte nicht mehr selber oder im Kreise der Freunde lösen, sondern es ist gleich eine Heerschar von Therapeuten zu befragen
OÖN: Ihr neues Buch trägt den Titel „Genug ist genug – über die Kunst des Aufhörens“: Was meinen Sie damit?
Gronemeyer: Unsere Gesellschaft krankt am meisten daran, dass sie nicht aufhören kann. Man kann heute nicht einfach sagen: Gut, machen wir Schluss mit dem Autofahren und dem Wahnsinnsverbrauch von Benzin. Selbst die Entscheidung eines Einzelnen im Sinne der Weltrettung, damit aufzuhören, wird entmutigt dadurch, als man sich sofort sagt: Das müssten aber alle tun, dann... Da es aber nicht alle tun, verpufft jede Einzelmaßnahme.
OÖN: Heißt das, dass die Beruhigungsstrategien für das Gewissen, etwa Bahn statt Auto zu fahren, bio und fair einzukaufen, nichts bringen?
Gronemeyer: Das Beste, was Ihnen passieren kann ist, dass Sie dadurch ein besseres Gewissen haben. Wenn Sie aber den Versuch, aufzuhören nicht an die Weltrettung binden, sondern sich sagen: Ich stehe hier und kann nicht anders. Ich will es, um meiner Freiheit und Lebenszuständigkeit Willen, dann haben Sie keinen moralischen Vorteil, sind aber ganz Herr im eigenen Hause. Sie zwingen sich nicht mehr in die Abhängigkeit von etwas, das Sie nötigt zu rotieren, das Sie zwingt, Geld zu verdienen und sich Arbeitsbedingungen zu unterwerfen, die heute der Sklavenhalterei immer ähnlicher werden. Es geht darum, sich zu fragen: Welchen Lebensstil will ich pflegen, damit ich noch Bewegungsspielraum kennen lerne.
OÖN: Ein vernünftiger, aber auch egoistischer Zugang, oder?
Gronemeyer: Wenn Sie so wollen, lässt sich das auf das persönliche Glücksstreben zurückführen.
OÖN: Was ist Glück für Sie?
Gronemeyer: Nichts, das ich durch Konsum erreichen kann. Uns wird eingebläut, dass Glück mit Wohlstand, Reichtum, Gesellschaftsrang, Statussymbolen und Tempo zu tun hat. Glück ist aber hinter jeder Ecke und in jedem Augenblick zu finden, wenn man die Sinne, das Herz und den Verstand aufsperrt. Vertrauen ist die bessere Möglichkeit Glück zu erfahren als wenn Sie nach Sicherheitsgarantien für die Zukunft suchen.
OÖN: Wie wird man offen für solche Glückserfahrungen?
Gronemeyer: Erfahren kann ich nur dort, wo ich staunen kann, wo ich mich an den Wundern nähren kann, die sich täglich ereignen: Etwas fängt an zu blühen, es begegnet einem ein netter Mensch ... Diese herrliche Erfahrung machen Sie aber nicht, wenn Sie keinem mehr in die Augen schauen können. Erfahrung will Zeit haben. Beschleunigung ist einer der entscheidenden Erfahrungstöter. Freude aus Verunsicherung erfahren, dadurch werden Erfahrungen stärker. Alles, was uns vermauert – Dinge und bereitwillige Dienstleister – schneidet uns ab von eigenen Erfahrungen. Aufhören hat zur Voraussetzung, dass ich dem, mit dem ich aufhören will, zuhöre, mich dem aussetze – auch auf die Gefahr hin, dass ich dadurch ein ganz anderer Mensch werde.
vom 10.05.2008
NACH DEM ENDE DES NEOLIBERALISMUS
Die Folgen der Mechanismen der neoliberalen Theorie und Praxis wurden auch bei uns jeden Tag deutlicher sichtbar. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Normal produktive, zum Teil hochmoderne Industrien sind oft nur verschwunden, weil die multinationalen Mutterkonzerne ihre ungeheuren liquiden Vermögensreserven lieber zu Renditen von zwanzig und mehr Prozent an den Börsen setzten, als sich für «magere» fünf, sechs oder sieben Prozent im Produktivgeschäft abzumühen. Wenn dann die Arbeiter und Ingenieure plötzlich auf der Strasse standen, verstanden sie die Welt nicht mehr.
SCHANDE UND SCHAM. Aus welchen Wurzeln kann jetzt eine neue, wirkungsvolle Gegenmacht erwachsen? Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, hat dieser Macht einen sehr klugen Namen gegeben: Er nannte sie «the power of shame». Im Deutschen muss man das mit «Macht der Schande und der Scham» übersetzen: Es ist eine «Schande», was im Namen des freien Marktes tagtäglich den über 5 Milliarden Hungernden und Armen in den 122 Entwicklungsländern angetan wird. Und was wir angesichts ihrer unvorstellbaren Leiden erleben, ist «Scham». Intuition und Vernunft sagen mir, dass jeder Mensch ein Recht auf Arbeit, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Freiheit und Glück hat. Und – das ist radikal neu – die modernen Medien zeigen mir, dass diese Rechte auf der ganzen Welt gefährdet sind. In diesem weltweit gemeinsamen Wissen um das Leiden entsteht ein neues historisches Subjekt: keine zentrale Organisation, keine globale Kraft, sondern die planetarische Zivilgesellschaft! Diese Bruderschaft der Nacht wächst aus lokalem Widerstand. Es sind Bewegungen wie die brasilianischen Landarbeiter ohne Land (MST), das Forum der Armen in Thailand oder Attac, eine Organisation, die der globalen Finanzoligarchie eine unglaubliche analytische Kompetenz entgegenstellt.
KEIN GEGENPROGRAMM. Wenn 1789 nach der Erstürmung der Pariser Bastille ein Fernsehreporter einen der siegreichen aufständischen Handwerker nach seiner Meinung über eine erst noch zu schaffende Verfassung der Ersten Französischen Republik gefragt hätte – mehr als ein verständnisloses Kopfschütteln hätte er wohl kaum erwarten dürfen. So ist das auch heute. Der Journalist Thomas Friedman von der «New York Times» sagt, es gibt da schon interessante Ansätze in der Zivilgesellschaft, aber sie sind konfus. Und die Zivilgesellschaft ist nicht einmal imstande, uns ihr Gegenprogramm zu nennen. Er hat ja ganz recht. Doch Revolutionen sind nie voraussehbar, «sie kommen», wie der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche geschrieben hat, «auf den Füssen der Taube».
Jean Ziegler ist Mitglied des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates, alt SP-Nationalrat, Professor für Soziologie an der Universität Genf und Autor.
work, 23.10.2008
DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
Nach dem Bankrott
Der Privatisierungswahn ist an sein Ende gekommen. Nicht der Markt, sondern die Politik ist für das Gemeinwohl zuständig: Ein Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas über die Notwendigkeit einer internationalen Weltordnung.
DIE ZEIT: Herr Habermas, das internationale Finanzsystem ist kollabiert, es droht eine Weltwirtschaftskrise. Was beunruhigt Sie am meisten?
Jürgen Habermas: Was mich am meisten beunruhigt, ist die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass die sozialisierten Kosten des Systemversagens die verletzbarsten sozialen Gruppen am härtesten treffen. Nun wird die Masse derer, die ohnehin nicht zu den Globalisierungsgewinnern gehören, für die realwirtschaftlichen Folgen einer vorhersehbaren Funktionsstörung des Finanzsystems noch einmal zur Kasse gebeten. Und dies nicht wie die Aktienbesitzer in Geldwerten, sondern in der harten Währung ihrer alltäglichen Existenz. Auch im globalen Maßstab vollzieht sich dieses strafende Schicksal an den ökonomisch schwächsten Ländern. Das ist der politische Skandal. Jetzt mit dem Finger auf Sündenböcke zu zeigen, halte ich allerdings für Heuchelei. Auch die Spekulanten haben sich im Rahmen der Gesetze konsequent nach der gesellschaftlich anerkannten Logik der Gewinnmaximierung verhalten. Die Politik macht sich lächerlich, wenn sie moralisiert, statt sich auf das Zwangsrecht des demokratischen Gesetzgebers zu stützen. Sie und nicht der Kapitalismus ist für die Gemeinwohlorientierung zuständig.
ZEIT: Sie haben gerade Vorlesungen an der Universität Yale gehalten. Was waren für Sie die eindrücklichsten Bilder dieser Krise?
Habermas: Über die Bildschirme flimmerte die hoppersche Melancholie der Endlosschleife langer Reihen verlassener Häuschen in Florida und anderswo mit dem Schild »Foreclosure« im Vorgarten. Anschließend die Busse mit den neugierigen Kaufinteressenten aus Europa und den Reichen aus Lateinamerika, und dann der Makler, der ihnen im Schlafzimmer die aus Wut und Verzweiflung zerstörten Wandschränke zeigt. Nach meiner Rückkehr hat mich überrascht, wie sehr sich die aufgeregte Stimmung in den USA vom gleichmütigen business as usual hierzulande unterscheidet. Dort verbanden sich die höchst realen wirtschaftlichen Ängste mit der heißen Endphase eines der folgenreichsten Wahlkämpfe. Die Krise hat auch den breiten Wählerschichten ihre persönliche Interessenlage schärfer zu Bewusstsein gebracht. Sie nötigte die Leute nicht notwendig zu vernünftigeren, aber zu rationaleren Entscheidungen jedenfalls im Vergleich zur letzten, durch Nine-Eleven ideologisch aufgeputschten Präsidentschaftswahl. Diesem zufälligen Zusammentreffen wird Amerika, wie ich unmittelbar vor der Wahl anzunehmen wage, den ersten schwarzen Präsidenten verdanken und damit einen tiefen historischen Einschnitt in der Geschichte seiner politischen Kultur. Darüber hinaus könnte aber die Krise auch in Europa einen Wechsel der politischen Großwetterlage ankündigen.
ZEIT: Was meinen Sie damit?
Habermas: Solche Gezeitenwechsel verändern die Parameter der öffentlichen Diskussion; damit verschiebt sich das Spektrum der für möglich gehaltenen politischen Alternativen. Mit dem Koreakrieg ging die Periode des New Deal zu Ende, mit Reagan und Thatcher und dem Abflauen des Kalten Krieges die Zeit der sozialstaatlichen Programme. Und heute ist mit dem Ende der Bush-Ära und dem Zerplatzen der letzten neoliberalen Sprechblasen auch die Programmatik von Clinton und New Labour ausgelaufen. Was kommt jetzt? Ich hoffe, dass die neoliberale Agenda nicht mehr für bare Münze genommen, sondern zur Disposition gestellt wird. Das ganze Programm einer hemmungslosen Unterwerfung der Lebenswelt unter Imperative des Marktes muss auf den Prüfstand.
ZEIT: Für Neoliberale ist der Staat nur ein Mitspieler auf dem ökonomischen Feld. Er soll sich kleinmachen. Ist dieses Denken nun diskreditiert?
Habermas: Das hängt vom Verlauf der Krise ab, von der Wahrnehmungsfähigkeit der politischen Parteien, von den öffentlichen Themen. In der Bundesrepublik herrscht ja noch eine eigentümliche Windstille. Blamiert hat sich die Agenda, die Anlegerinteressen eine rücksichtslose Dominanz einräumt, die ungerührtwachsende soziale Ungleichheit, das Entstehen eines Prekariats, Kinderarmut, Niedriglöhne und so weiter in Kauf nimmt, die mit ihrem Privatisierungswahn Kernfunktionen des Staates aushöhlt, die die deliberativen Reste der politischen Öffentlichkeit an renditesteigernde Finanzinvestoren verscherbelt, Kultur und Bildung von den Interessen und Launen konjunkturempfindlicher Sponsoren abhängig macht.
ZEIT: Und nun, in der Finanzkrise, werden die Folgen des Privatisierungswahns sichtbar?
Habermas: In den USA verschärft die Krise die schon jetzt sichtbaren materiellen und moralischen, sozialen und kulturellen Schäden einer von Bush auf die Spitze getriebenen Politik der Entstaatlichung. Die Privatisierung der Alters- und Gesundheitsvorsorge, des öffentlichen Verkehrs, der Energieversorgung, des Strafvollzuges, militärischer Sicherungsaufgaben, weiter Bereiche der Schul- und Universitätsausbildung und das Ausliefern der kulturellen Infrastruktur von Städten und Gemeinden an das Engagement und die Großherzigkeit privater Stifter gehören zu einem Gesellschaftsdesign, das in seinen Risiken und Auswirkungen mit den egalitären Grundsätzen eines sozialen und demokratischen Rechtsstaates schlecht zusammenpasst.
ZEIT: Staatliche Bürokratien können einfach nicht rentabel wirtschaften.
Habermas: Aber es gibt verletzbare Lebensbereiche, die wir den Risiken der Börsenspekulation nicht aussetzen dürfen; dem widerspricht die Umstellung der Altersversorgung auf Aktien. Im demokratischen Verfassungsstaat gibt es auch öffentliche Güter wie die unverzerrte politische Kommunikation, die nicht auf die Renditeerwartungen von Finanzinvestoren zugeschnitten werden dürfen. DasInformationsbedürfnis von Staatsbürgern kann nicht von der konsumreifen Häppchenkultur eines flächendeckenden Privatfernsehens befriedigt werden.
ZEIT: Haben wir es, um ein kontrovers diskutiertes Buch von Ihnen zu zitieren, mit einer »Legitimationskrise des Kapitalismus« zu tun?
Habermas: Seit 1989/90 gibt es kein Ausbrechen mehr aus dem Universum des Kapitalismus; es kann nur um eine Zivilisierung und Zähmung der kapitalistischen Dynamik von innen gehen. Schon während der Nachkriegszeit war die Sowjetunion für die Masse der westeuropäischen Linken keine Alternative. Deswegen habe ich 1973 von Legitimationsproblemen »im« Kapitalismus gesprochen. Und die stehen wieder, je nach nationalem Kontext mehr oder weniger dringlich, auf der Tagesordnung. Ein Symptom sind die Forderungen nach Begrenzung der Managergehälter oder nach Abschaffung der golden parachutes, der unsäglichen Abfindungen und Bonuszahlungen.
ZEIT: Das ist doch Politik fürs Schaufenster. Im nächsten Jahr sind Wahlen.
Habermas: Stimmt, das ist natürlich symbolische Politik und eignet sich zum Ablenken vom Versagen der Politiker und ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Berater. Die wussten seit Langem über den Regelungsbedarf der Finanzmärkte Bescheid. Ich habe mir gerade Helmut Schmidts glasklaren Artikel Beaufsichtigt die neuen Großspekulanten! vom Februar 2007 noch einmal durchgelesen (ZEIT Nr. 6/07). Alle wussten es. Aber in Amerika und Großbritannien haben die politischen Eliten die ungezügelte Spekulation, solange es eben gut ging, für nützlich gehalten. Und auf dem europäischen Kontinent hat man sich dem Washington-Konsens gebeugt. Auch hier gab es eine breite Koalition der Willigen, für die Herr Rumsfeld nicht zu werben brauchte.
ZEIT: Der Washington-Konsens war das berühmt-berüchtigte Wirtschaftskonzept von IWF und Weltbank aus dem Jahr 1990, mit dem zuerst Lateinamerika und dann die halbe Welt reformiert werden sollte. Seine zentrale Botschaft lautete: Trickle down. Lasst die Reichen reicher werden, dann sickert der Wohlstand schon zu den Armen.
Habermas: Seit vielen Jahren häufen sich die empirischen Belege dafür, dass diese Prognose falsch ist. Die Effekte der Wohlstandssteigerung sind national und weltweit so asymmetrisch verteilt, dass sich die Armutszonen vor unser aller Augen ausgebreitet haben.
ZEIT: Um etwas Vergangenheitsbewältigung zu betreiben: Warum ist der Wohlstand so ungleich verteilt? Hat das Ende der kommunistischen Bedrohung den westlichen Kapitalismus enthemmt?
Habermas: Mit dem nationalstaatlich beherrschten, durch keynesianische Wirtschaftspolitiken eingehegten Kapitalismus, der ja den OECD-Ländern einen aus historischer Sicht unvergleichlichen Wohlstand beschert hat, war es schon früher am Ende nach der Preisgabe des Systems der festen Wechselkurse und dem Ölschock. Die ökonomische Lehre der Chicago-Schule ist bereits unter Reagan und Thatcher zur praktischen Gewalt geworden. Das hat sich unter Clinton und New Labour auch während der Ministerzeit unseres jüngsten Helden Gordon Brown nur fortgesetzt. Allerdings hat der Zusammenbruch der Sowjetunion im Westen einen fatalen Triumphalismus ausgelöst. Das Gefühl, weltgeschichtlich recht bekommen zu haben, übt eine verführerische Wirkung aus. In diesem Fall hat es eine wirtschaftspolitische Lehre zu einer Weltanschauung aufgebläht, die alle Lebensbereiche penetriert.
ZEIT: Der Neoliberalismus ist eine Lebensform. Alle Bürger sollen zu Unternehmern und zu Kunden werden&
Habermas: &und zu Konkurrenten. Der Stärkere, der sich in der freien Wildbahn der Konkurrenzgesellschaft durchsetzt, darf sich diesen Erfolg als persönliches Verdienst anrechnen lassen. Es ist von abgründiger Komik, wie Wirtschaftsmanager und nicht nur diedem Elitegeschwätz unserer Talkrunden auf den Leim gehen, sich allen Ernstes als Vorbilder feiern lassen und mental den Rest der Gesellschaft unter sich lassen. Als könnten sie nicht mehr unterscheiden zwischen funktionalen und ehrpusselig-ständegesellschaftlichen Eliten. Was, bitte, soll am Charakter von Leuten in Führungspositionen, die ihre Arbeit halbwegs ordentlich tun, exemplarisch sein? Ein weiteres Alarmzeichen war die Bush-Doktrin vom Herbst 2002, die die Irakinvasion vorbereitet hat. Das sozialdarwinistische Potenzial des Marktfundamentalismus hat sich seitdem nicht mehr nur in der Gesellschaftspolitik, sondern auch in der Außenpolitik entfaltet.
ZEIT: Aber es war ja nicht Bush allein. Ihm stand eine erstaunliche Schar einflussreicher Intellektueller zur Seite.
Habermas: Und viele haben nichts hinzugelernt. Bei Vordenkern wie Robert Kagan tritt nach dem Irakdesaster das Denken in Carl Schmittschen Wolfs-Kategorien noch deutlicher hervor. Den regressiven Absturz der Weltpolitik in ein atomar bewaffnetes, hochbrisantes Machtgerangel kommentiert er heute mit den Worten: »Die Welt ist wieder normal geworden.«
ZEIT: Aber noch einmal zurück: Was wurde nach 1989 versäumt? Ist das Kapital schlicht zu mächtig geworden gegenüber der Politik?
Habermas: Mir ist im Laufe der neunziger Jahre klar geworden, dass die politischen Handlungskapazitäten den Märkten auf supranationaler Ebene nachwachsen müssen. Danach sah es ja auch in den frühen neunziger Jahren zunächst aus. George Bush der Ältere sprach programmatisch von einer Neuen Weltordnung und schien auch die lange Zeit blockiertenund verächtlich gemachten! Vereinten Nationen in Anspruch nehmen zu wollen. Die vom Sicherheitsrat beschlossenen humanitären Interventionen stiegen zunächstsprunghaft an. Der politisch gewollten wirtschaftlichen Globalisierung hätten eine weltweite politische Koordination und die weitere Verrechtlichung der internationalen Beziehungen folgen sollen. Aber die ersten ambivalenten Ansätze sind schon unter Clinton stecken geblieben. Dieses Defizit bringt die gegenwärtige Krise wieder zu Bewusstsein. Seit den Anfängen der Moderne müssen Markt und Politik immer wieder so ausbalanciert werden, dass das Netz der solidarischen Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer politischen Gemeinschaft nicht reißt. Eine Spannung zwischen Kapitalismus und Demokratie bleibt immer bestehen, weil Markt und Politik auf gegensätzlichen Prinzipien beruhen. Auch nach dem letzten Globalisierungsschub verlangt die Flut der in komplexer gewordenen Netzwerken freigesetzten dezentralisierten Wahlentscheidungen nach Regelungen, die es ohne eine entsprechende Erweiterung von politischen Verfahren der Interessenverallgemeinerung nicht geben kann.
ZEIT: Aber was heißt das? Sie halten an Kants Kosmopolitismus fest und nehmen die von Carl Friedrich von Weizsäcker ins Spiel gebrachte Idee einer Weltinnenpolitik auf. Mit Verlaub, das klingt ziemlich illusionär. Man muss sich doch nur den Zustand der Vereinten Nationen anschauen.
Habermas: Selbst eine gründliche Reform der Kerninstitutionen der Vereinten Nationen wäre nicht ausreichend. Gewiss, der Sicherheitsrat, das Sekretariat, die Gerichtshöfe, überhaupt die Kompetenzen und Verfahren dieser Institutionen müssten dringend für eine globale Durchsetzung des Gewaltverbots und der Menschenrechte fit gemacht werden für sich genommen schon eine immense Aufgabe. Aber selbst wenn sich die UN-Charta zu einer Art Verfassung der internationalen Gemeinschaft entwickeln ließe, fehlte in diesem Rahmen immer noch ein Forum, auf dem sich die bewaffnete Machtpolitik der Weltmächte in institutionalisierte Verhandlungen über die regelungsbedürftigen Probleme der Weltwirtschaft, der Klima- und Umweltpolitik, der Verteilung umkämpfter Energieressourcen, knapper Trinkwasserbestände und so weiter verwandelt. Auf dieser transnationalen Ebene entstehen Verteilungsprobleme, die nicht in derselben Art wie Menschenrechtsverstöße oder Verletzungen der internationalen Sicherheit letztlich als Straftatbestände entschieden werden können, sondern politisch ausgehandelt werden müssen.
ZEIT: Dafür gibt es doch schon eine bewährte Einrichtung: die G8.
Habermas: Das ist ein exklusiver Club, in dem einige dieser Fragen unverbindlich besprochen werden. Zwischen den überspannten Erwartungen, die sich an diese Inszenierungen knüpfen, und dem dürftigen Ertrag der folgenlosen Medienspektakel besteht übrigens ein verräterisches Missverhältnis. Der illusionäre Erwartungsdruck zeigt, dass die Bevölkerungen die ungelösten Probleme einer künftigen Weltinnenpolitik sehr wohl wahrnehmen und vielleicht stärker empfinden als ihre Regierungen.
ZEIT: Die Rede von »Weltinnenpolitik« klingt eher nach den Träumen eines Geistersehers.
Habermas: Noch gestern hätten es die meisten für unrealistisch gehalten, was heute passiert: Die europäischen und asiatischen Regierungen überbieten sich im Hinblick auf die fehlende Institutionalisierung der Finanzmärkte mit Regulierungsvorschlägen. Auch SPD und CDU machen Vorschläge zu Bilanzpflicht und Eigenkapitalbildung, zur persönlichen Haftung der Manager, zur Verbesserung der Transparenz, der Börsenaufsicht und so weiter. Von einer Börsenumsatzsteuer, die schon ein Stück globaler Steuerpolitik wäre, ist freilich nur gelegentlich die Rede. Die vollmundig angestrebte neue »Architektur des Finanzsystems« wird gegen Widerstände aus den USA ohnehin nicht einfach durchzusetzen sein. Aber ob sie angesichts der Komplexität dieser Märkte und der weltweiten Interdependenz der wichtigsten Funktionssysteme überhaupt genügen würde? Völkerrechtliche Verträge, an die die Parteien heute denken, können jederzeit aufgekündigt werden. Daraus entsteht noch kein wetterfestes Regime.
ZEIT: Selbst wenn dem Weltwährungsfonds neue Kompetenzen übertragen würden, wäre das noch keine Weltinnenpolitik.
Habermas: Ich will keine Voraussagen machen. Angesichts der Probleme können wir bestenfalls konstruktive Überlegungen anstellen. Die Nationalstaaten müssten sich zunehmend, und zwar im eigenen Interesse, als Mitglieder der internationalen Gemeinschaft verstehen. Das ist das dickste Brett, das in den nächsten Jahrzehnten zu bohren wäre. Wenn wir mit dem Blick auf diese Bühne von »Politik« reden, meinen wir oft noch das Handeln von Regierungen, die das Selbstverständnis von souverän entscheidenden kollektiven Akteuren geerbt haben. Doch dieses Selbstverständnis eines Leviathan, das sich seit dem 17. Jahrhundert zusammen mit dem europäischen Staatensystem entwickelt hat, ist schon heute nicht mehr ungebrochen. Was wir bis gestern »Politik« nannten, ändert täglich seinen Aggregatzustand.
ZEIT: Aber wie passt das zum Sozialdarwinismus, der sich, wie Sie sagen, seit Nine-Eleven in der Weltpolitik wieder breitmacht?
Habermas: Vielleicht sollte man einen Schritt zurücktreten und auf einen größeren Zusammenhang schauen. Seit dem späten 18. Jahrhundert haben Recht und Gesetz die politisch verfasste Regierungsgewalt durchdrungen und ihr im Binnenverkehr den substanziellen Charakter einer bloßen »Gewalt« abgestreift. Nach außen hat sie sich von dieser Substanz allerdings genug bewahrt trotz des wuchernden Geflechts von internationalen Organisationen und der zunehmenden Bindungskraft des internationalen Rechts. Dennoch istder nationalstaatlich geprägte Begriff des »Politischen« im Fluss. Innerhalb der Europäischen Union haben beispielsweise die Mitgliedstaaten nach wie vor das Gewaltmonopol inne und setzen gleichwohl das Recht, das auf supranationaler Ebene beschlossen wird, mehr oder weniger klaglos um. Dieser Formwandel von Recht und Politik hängt auch mit einer kapitalistischen Dynamik zusammen, die sich als ein Wechselspiel von funktional erzwungener Öffnung und sozialintegrativer Schließung auf jeweils höherem Niveau beschreibenlässt.
ZEIT: Der Markt sprengt die Gesellschaft auf, und der Sozialstaat schließt sie wieder?
Habermas: Der Sozialstaat ist eine späte und, wie wir erfahren, fragile Errungenschaft. Die expandierenden Märkte und Kommunikationsnetze hatten immer schon eine aufsprengende, für den einzelnen Bürger zugleich individualisierende und befreiende Kraft; darauf ist aber stets eine Reorganisation der alten Solidarverhältnisse in einem erweiterten institutionellen Rahmen erfolgt. Dieser Prozess hat in der frühen Moderne begonnen, als die hochmittelalterlichen Herrschaftsstände in den neuen Territorialstaaten schrittweise parlamentarisiertBeispiel EnglandoderBeispiel Frankreich durch absolutistische Könige mediatisiert worden sind. Der Vorgang hat sich im Gefolge der Verfassungsrevolutionen des 18. Und 19. Jahrhunderts und der Sozialstaatsgesetzgebungen des 20. Jahrhunderts fortgesetzt. Diese rechtliche Zähmung des Leviathan und des Klassenantagonismus war keine einfache Sache. Aber aus denselben funktionalen Gründen weist die gelungene Konstitutionalisierung von Staat und Gesellschaft heute, nach dem weiteren Schub der wirtschaftlichen Globalisierung, in die Richtung einer Konstitutionalisierung des Völkerrechts und der zerrissenen Weltgesellschaft.
ZEIT: Welche Rolle spielt Europa in diesem optimistischen Szenario?
Habermas: Eine andere als die, die es in der Krise tatsächlich gespielt hat. Ich verstehe nicht ganz, warum das Krisenmanagement der Europäischen Union so gelobt wird. Gordon Brown konnte mit seiner denkwürdigenEntscheidung den amerikanischen Finanzminister Paulson zu einer Kehrtwende in der Interpretation des mühsam beschlossenen bailout bewegen, weil er über den französischen Präsidenten und gegen das anfängliche Widerstreben von Merkel und Steinbrück die wichtigsten Spieler der Euro-Zone an Bord geholt hat. Man muss sich diesen Verhandlungsprozess und dessen Ergebnis nur genau anschauen. Es waren doch die drei mächtigsten in der EU vereinten Nationalstaaten, die als souverän handelnde Akteure vereinbart haben, ihre jeweils verschiedenen, aber gleichgerichteten Maßnahmen zu koordinieren. Trotz der Anwesenheit der Herren Juncker und Barroso hat das Zustandekommen dieser internationalen Vereinbarung klassischen Stils kaum etwas mit einer gemeinsamen politischen Willensbildung der Europäischen Union zu tun. Die New York Times hat denn auch die europäische Unfähigkeit zu einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik nicht ohne eine gewisse Häme registriert.
ZEIT: Und worauf führen Sie diese Unfähigkeit zurück?
Habermas: Der weitere Verlauf der Krise macht ja den Makel der europäischen Konstruktion offenbar: Jedes Land reagiert mit eigenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Weil die Kompetenzen in der Union, vereinfacht gesagt, so verteilt sind, dass Brüssel und der Europäische Gerichtshof die Wirtschaftsfreiheiten durchsetzen, während die dadurch entstehenden externen Kosten auf die Mitgliedsländer abgewälzt werden, gibt es heute keine gemeinsame wirtschaftspolitische Willensbildung. Die wichtigstenMitgliedstaaten sind schon über die Grundsätze, wie viel Staat und wie viel Markt man überhaupt will, zerstritten. Und jedes Land betreibt seine eigene Außenpolitik, allen voran die Bundesrepublik. Die Berliner Republik vergisst bei aller sanften Diplomatie die Lehren, die die alte Bundesrepublik aus der Geschichte gezogen hatte. Die Regierung reckt sich mit Wohlgefallen in ihrem seit 1989/90 erweiterten außenpolitischen Handlungsspielraum und fällt zurück ins bekannte Muster der nationalen Machtspiele zwischen Staaten, die doch längst auf das Format von Duodezfürstentümern geschrumpft sind.
ZEIT: Und was sollten diese Duodezfürsten tun?
Habermas: Sie fragen mich nach meiner Wunschliste? Da ich die abgestufte Integration nach Lage der Dinge für den einzig möglichen Weg zu einer handlungsfähigen Europäischen Union halte, bietet sich Sarkozys Vorschlag zu einer Wirtschaftsregierung der Euro-Zone als Anknüpfungspunkt an. Das bedeutet ja nicht, dass man sich damit schon auf die etatistischen Hintergrundannahmen und protektionistischen Absichten ihres Initiators einlassen würde. Verfahren und politische Ergebnisse sind zweierlei. Der »engeren Zusammenarbeit« auf wirtschaftspolitischem Gebiet würde dann eine in der Außenpolitik folgen müssen. Und beides könnte nicht länger über die Köpfe der Bevölkerungen hinweg ausgekungelt werden.
ZEIT: Das unterstützt ja nicht einmal die SPD.
Habermas: Die SPD-Führung überlässt es dem Christdemokraten Jürgen Rüttgers, dem »Arbeiterführer« an Rhein und Ruhr, in diese Richtung zu denken. In ganz Europa stehen die sozialdemokratischen Parteien mit dem Rücken zur Wand, weil sie bei schrumpfenden Einsätzen Nullsummenspiele betreiben müssen. Warum ergreifen sie nicht die Chance, aus ihren nationalstaatlichen Käfigen auszubrechen und sich auf europäischer Ebene neue Handlungsspielräume zu erschließen? Auch gegenüber einer regressiven Konkurrenz von links könnten sie sich so profilieren. Was immer heute »links« und »rechts« bedeuten mag, nur gemeinsam könnten die Euro-Länder ein weltpolitisches Gewicht erlangen, das ihnen eine vernünftige Einflussnahme auf die Agenda der Weltwirtschaft erlaubt. Sonst liefern sie sich als Onkel Sams Pudel an eine ebenso gefährliche wie chaotische Weltlage aus.
ZEIT: Stichwort Onkel Sam Sie müssten doch von den USA tief enttäuscht sein. Für Sie waren die USA das Zugpferd der neuen Weltordnung.
Habermas: Was bleibt uns anderes übrig, als auf dieses Zugpferd zu setzen? Die USA werden aus der jetzigen Doppelkrise geschwächt hervorgehen. Aber sie bleiben einstweilen die liberale Supermacht und befinden sich in einer Lage, die es ihnen nahelegt, das neokonservative Selbstverständnis des paternalistischen Weltbeglückers gründlich zu revidieren. Der weltweite Export der eigenen Lebensform entsprang dem falschen, dem zentrierten Universalismus alter Reiche. Die Moderne zehrt demgegenüber von dem dezentrierten Universalismus der gleichen Achtung für jeden. Es liegt im eigenen Interesse der USA, nicht nur ihre kontraproduktive Einstellung gegenüber den Vereinten Nationen aufzugeben, sondern sich an die Spitze der Reformbewegung zu setzen. Historisch gesehen, bietet das Zusammentreffen von vier Faktoren Supermacht, älteste Demokratie auf Erden, Amtsantritt eines, wie ich hoffe, liberalen und visionären Präsidenten sowie eine politische Kultur, in der normative Orientierungen einen bemerkenswerten Resonanzboden finden eine unwahrscheinliche Konstellation. Amerika ist heute tief verunsichert durch das Scheitern des unilateralistischen Abenteuers, durch die Selbstzerstörung des Neoliberalismus und den Missbrauch seines exzeptionalistischen Bewusstseins. Warum sollte sich diese Nation nicht, wie so oft, wieder aufrappeln und versuchen, die konkurrierenden Großmächte von heute die Weltmächte von morgen rechtzeitig in eine internationale Ordnung einzubinden, die keine Supermacht mehr nötig hat? Warum sollte ein Präsident, deraus einer Schicksalswahl hervorgegangen im Inneren nur noch einen minimalen Handlungsspielraum vorfindet, nicht wenigstens außenpolitisch diese vernünftige Chance, diese Chance der Vernunft ergreifen wollen?
ZEIT: Sogenannten Realisten würden Sie damit nur ein müdes Lächeln entlocken.
Habermas: Ich weiß, dass vieles dagegen spricht. Der neue amerikanische Präsident müsste sich gegen die von der Wall Street abhängigen Eliten in der eigenen Partei durchsetzen; er müsste wohl auch von den naheliegenden Reflexen eines neuen Protektionismus abgehalten werden. Und die USA würden für eine derart radikale Kehrtwende den freundschaftlichen Antrieb eines loyalen, aber selbstbewussten Bündnispartners brauchen. Einen im kreativen Sinne »bipolaren« Westen kann es freilich nur geben, wenn die EU lernt, nach außen mit einer Stimme zu sprechen und, tja, das international angesparte Vertrauenskapital zu nutzen, um selber weitsichtig zu handeln. Das »Ja, aber&« liegt auf der Hand. In Krisenzeiten braucht man vielleicht eher eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams und das Klein-Klein des bloßen Durchwurschtelns.Das Gespräch führte Thomas Assheuer.
Kapitalbildung ist eine interessante Angelegenheit. Kapital wird aus Gütern gebildet, die man gegenwärtig zur Verfügung hat, aber aus deren zukünftiger Verwendung man sich mehr verspricht, als von deren sofortigem Verbrauch.
Ich hatte dies an anderer Stelle schon einmal anhand des Bauern beschrieben, der einen Teil des geernteten Weizens einbehält, um ihn als Saatgut zu verwenden, damit er auch im nächsten Jahr wieder Weizen ernten kann.
Der Bauer “spart” also einen Teil seiner Ernte und macht somit aus einem Konsumgut ein Investitionsgut. Er zieht die Investition dem Konsum vor, weil er sich von der zukünftigen Ernte mehr Konsum verspricht, als wenn er jetzt den Weizen direkt verwenden würde. Die Investition oder Kapitalbildung ist kein Selbstzweck, sie verschiebt lediglich gegenwärtigen Konsum zugunsten eines höheren bewerteten zukünftigen Konsums zeitlich weiter in die Ferne. Investition bzw. Kapitalbildung geschieht immer in Erwartung eines in der Folge höheren Konsums.
Wenn der Bauer investieren, d.h. zukünftig mehr konsumieren möchte, dann muß er gegenwärtig zunächst einmal sparen. Er kann es nicht sofort verkonsumieren. Wenn der Bauer 10% seines Weizens investieren möchte, dann muß er 10% seines Weizens sparen. Der Rest ist Konsum. Der Anteil der gesparten Güter muß deshalb zwangsläufig immer dem Anteil der investierten Güter entsprechen. Mann kann nicht mehr investieren als gespart wurde und es kann nicht mehr gespart werden als investiert wird.
Es gibt nur zwei Arten wirtschaftlicher Verwendung für ein Gut: entweder für den Konsum oder zur Kapitalbildung als Investition(Ersparnis).
Die Deckungsgleichheit zwischen Sparen und Investition gilt auch in einer Wirtschaft, die aus mehr als nur einem Bauern besteht. Sie ist unabhängig von der Anzahl der Menschen, die in einer Gesellschaft leben. Kapitalbildung und Sparen finden immer in der Erwartung statt, daß der daraus resultierende zukünftige Konsum höher ist als der gegenwärtige.
Kapital ist, bildlich gesprochen, eine Brücke zu zukünftigem Konsum.
Alle Konjunkturprogramme, alle Bail-Outs, alle Zinssenkungen und mögen sie auch noch so gut gemeint sein, haben den Effekt, daß sie gegenwärtigen Konsum subventionieren.
Was aber jetzt konsumiert wird, kann nicht gespart werden und was nicht gespart wird, kann nicht investiert werden. Und es sind gerade die Investitionen, d.h. es ist gerade die Kapitalbildung, die Arbeitsplätze schafft.
Der Bauer etwa wird erst dann einen Feldarbeiter einstellen, wenn der jeweils jährlich als Saatgut zurückgelegte Weizen, also seine Investition, mindestens so viel Weizen produziert, daß einerseits wieder mehr Saatgut für das Folgejahr zurückgelegt werden kann und andererseits der Feldarbeiter mit Hilfe des Saatguts, also der Ersparnis aus dem Vorjahr, mehr produziert als er kostet. D.h. der Bauer wird den Feldarbeiter erst einstellen, wenn die Produktivität des Kapitals in Verbindung mit der Arbeit des Feldarbeiters höher ist als der der Lohn des Feldarbeiters.
Im Falle des Bauern sind die Auswirkungen eines Konjunkturprogramms unmittelbar nachvollziehbar: es würde dazu führen, daß er mit Hilfe billiger Kredite, staatlicher Bürgschaften und anderen Maßnahmen, dazu verführt würde, seinen fürs nächste Jahr zurückgelegten Weizen jetzt zu verkonsumieren. Was ja kein Problem ist: man lädt sich ein paar Freunde ein und macht eine Sause, man tauscht den zurückgelegten Weizen gegen ein Rennpferd und kauft sonst noch allerlei Dinge, die man ansonsten erst dann gekauft hätte, wenn man genügend überschüssige Mittel erwirtschaftet hätte.
Im nächsten Jahr steht der Bauer dann ratlos da: zum einen ist sein Saatweizen futsch und zum anderen hat er auch noch einen Berg voll Schulden abzutragen. Den Feldarbeiter kann er nicht mehr bezahlen, da sein Kapital nicht mehr vorhanden ist.
Innerhalb kurzer Zeit wurde aus einem vormals wohlhabenden Mann nicht nur ein Schuldner, sondern zusätzlich noch jemand, der die Mittel die zur Produktion dienen sollten, nämlich das Saatgut, verkonsumiert hat.
Man kann dieser Schilderung vorhalten, daß die Prozesse in der realen Wirtschaft viel komplexer seien. Doch dem möchte ich entgegenhalten, daß Komplexität nichts an den Grundprinzipien des menschlichen Handelns ändert.
Und zu diesen Grundprinzipien gehört nunmal, daß man ein wirtschaftliches Gut nur einmal verwenden kann: entweder für Investition oder für Konsum.
Es ist ein logische Unmöglichkeit, wenn einerseits gefordert wird, daß Unternehmen investieren und Arbeitsplätze schaffen sollen, wenn man gleichzeitig durch Konsumsubventionen das Sparen für genau diese Investitionen verhindert.
Man sollte nicht vergessen, daß es gerade die Konjunkturprogramme waren, die nach 2001 in Form billiger Zinsen gestartet wurden, die die derzeitige Krise hervorgerufen haben.
Die derzeitige Krise ist eine Folge einer subventionierten Unterkapitalisierung und eines Überkonsums, deren Folgen nicht dadurch verbessert werden, daß man staatlicherseits die gleichen Mittel nochmals anwendet.
Das Mittel, um die Arbeitsplätze in den durch Überkonsum betroffenen Branchen so schnell wie möglich wieder aufzufangen, besteht eben nicht darin, diese Branchen durch investitionsfeindliche Konsumsubventionen wieder aufzufangen.
Der beste Weg aus der Krise besteht darin, die Kapitalbildung in jenen Branchen wieder zu ermöglichen, wo diese durch fehlende Mittel, nämlich fehlende Investitionen infolge fehlenden Sparens, verhindert wurde.
Noch ein Wort zum sparen und konsumieren: es ist wirtschaftlicher Unsinn, wenn behauptet wird, die Menschen würden zu wenig oder zu viel sparen oder konsumieren. Darum geht es nicht. Die Akteuere am Markt, nämlich die Produzenten und Konsumenten stellen sich auf Preissignale ein und das Signal für das jeweilige Verhältnis zwischen Konsum und Sparen bildet der Zins: Wie hoch der Zins ist, hängt davon ab, wie die Konsumenten die derzeitige Verwendung eines Gutes im Verhältnis zur späteren Verwendung eines Gutes bewerten.
Der Zins ist das Ergebnis von Marktprozessen.
Man kann sich deshalb nicht hinstellen und behaupten, konsumieren sei besser als sparen oder umgekehrt. Das ist politischer Debattenblödsinn.
Was man allerdings mit Fug und Recht behaupten kann, ist, daß die Zinsvorgaben aus den Zentralbanken grundsätzlich daneben liegen müssen, weil der Zins ein Ergebnis des Marktes ist und nicht der Markt ein Ergebnis des Zinses.
Und was man auch sagen kann ist, daß die Marktakteuere ihre Spar-/Investitions- und Konsumverhalten am künstlichen Zins der Zentralbanken ausrichten und damit regelmäßig zu Opfern von Konjunkturzyklen werden. Insbesondere das Platzen sog. Blasen und oder Konjunktureinbrüche sind ein Anzeichen dafür, daß die Zentralbanken wieder einmal die Zinsen zu niedrig angesetzt haben und damit eine Konsumsubvention und Unterkapitalisierung ausgelöst haben.
Und in dem Falle kann man dann eben schon die Aussage machen, daß weitere Konsumsubventionen nicht zu höheren Investitionen und zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei den Unternehmen führen, da schlicht und ergreifend nicht genug Mittel angespart wurden.
OÖN vom 27.03.2006
Peter Gillmayr: Ein Geiger, der vieles gleichzeitig macht und dabei locker bleibt.
Kompetenz, Leidenschaft, Fantasie, Idealismus, Humor und Charme sagen Künstlerkollegen Peter Gillmayr (46) nach. Mit diesen Eigenschaften machte er den "Musiksommer Bad Schallerbach" zum Erfolg. Der Intendant tourt mit Klaus Maria Brandauer, Julia Stemberger, Timna Brauer und lotst Weltstars in die Vitalwelt. Die treten für ihn zum Freundschaftspreis auf.
Seit 1996 gibt Gillmayr im Schallerbacher Kurorchester den Ton an. Damals begann der eifrige Sammler von CDs (2000 Stück), Literatur und Weinen, gute Musiker aus der Region zu sammeln.
Ehemalige Schüler des Musiklehrers spielen bei Ensembles oder wurden Berufsmusiker. 80 Preise bei "Prima la Musica" in zehn Jahren machen Gillmayr stolz. Er unterrichtet Geige, Kammermusik, Viola an der Landesmusikschule Grieskirchen, leitet das Jugendstreichorchester.
Ein Motivationskünstler, der die Jugend mit Schmäh packt und Begabungen erkennt. Das gilt auch für die eigenen fünf Kinder. Gillmayr dirigiert das Grieskirchner Kammerorchester, geigt beim "Ensemble Sonare Linz", ist Konzertmeister in Bad Hall und mischt bei den Festspielen in Steyr mit. Das ergibt rund 100 Auftritte als Kammermusiker und 20 als Dirigent. Zum Auftanken spielt der Geiger Tennis und besucht historische Städte wie Prag: "Um zu sehen, dass es noch etwas anderes gibt, als die Straße zwischen Wels und Linz", so der Musiker.
Jeden Tag in der Früh spielt er eine Stunde mit seinen jüngsten Kindern. Mit ihnen und Partnerin Martina, einer Klavierpädagogin, lebt er unter einem Dach. In Pichl bei Wels wohnt Gillmayr nicht wegen der Autobahn, sondern wegen dem Birnbaum im Garten. Nicht selten ist dort die ganze Patchworkfamilie versammelt. (vero)
Jung entdeckt
Aufgewachsen auf der Linzer Gugl, begann Peter Gillmayr mit neun Jahren Violine zu lernen. Sein erster Geigenlehrer, der Spanier Filiberto Estrela, weckte das Interesse des musisch begabten Schülers für Kunst und Kultur. Ab 13 nahm Gillmayr an internationalen Konzertreisen teil. Nach der Matura am Akad. Gymnasium Linz inskribierte er Jus. Das war nicht Seins. Er studierte am Brucknerkonservatorium und am Mozarteum.
Ich mag an Schallerbach: Die Moststation Schönagl - der einzige Punkt, wo man das ganze Trattnachtal sieht
Mein Kraftplatz: Wald
Mich ärgert: Geistlosigkeit, Naturzerstörung, Stillstand in der Gesellschaft, Verblödungseffekt des Fernsehens
Lieblingsmusik: Bach, Palestrina, Prokofieff, Mendelssohn, Haydn, Doors (eine der letzten Bands, bei der man merkte, dass Rockmusik Bedürfnis ist)
Mozart: strahlendste Musik in Dur, Abgründiges in Moll - das fasziniert mich an ihm. Alle 22 Mozartopern bei den Salzburger Festspielen aufzuführen ist grober Unsinn. So viele gute Mozart-Tenöre sind gar nicht verfügbar
Quoten: nur interessant, wenn die Botschaft ankommt.
Eventkultur: abschaffen
Wunsch ans Publikum: mehr auf Inhalte schauen als auf Verpackung. Manche glauben, ein Konzert wird umso besser, je weiter man dafür fahren muss
Lebensmotto: So lass uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen, auch wenn wir wissen, dass morgen die Welt untergeht.
In eigener Sache- enttäuscht, aber doch irgendwie schon gelassen, verfasse ich heute meine persönlichen Ansichten zum Thema "staatliche Kulturförderung":
Auch das 14. Ansuchen im 14. Veranstaltungsjahr des "Musiksommers Bad Schallerbach", mit 80 Konzerten in 9 Monaten, an die Kulturförderungsabteilung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst wurde soeben negativ beantwortet, d.h., es gibt auch 2009 wieder keinen einzigen Cent aus dem österreichischen Bundessteuertopf für einen engagierten, mühevoll etablierten, minimalst budgetierten non profit- Kulturverein am Land.
Naja, man kann sich in dieses Schicksal auch fügen, und denken: na, wenigstens verbieten sie es einem nicht!
Die zuständige Abteilungsleiterin vom BMUKK begründete die neuerliche Absage telefonisch mit den folgenden, üblichen Argumenten: zu wenig Uraufführungen, zu wenig innovativ, zu wenig vernetzt und interkulturell, zu wenig für die Jugend....
Es scheint, dass zum einen den Kulturumschlagzentralen in Wien, Salzburg und heuer auch Linz noch immer zu wenig öffentliche Mittel für überladene Festwochen und überzogene Intendantengehälter bleiben.
In Folge muss dann z.B. ein sparsamer und gemeinnütziger Kulturverein mit Ganzjahresprogramm für ein Einzugsgebiet von 60.000 Menschen auch zum 14. mal fördermässig durch den Rost fallen.
Die Absicht, gute Kultur gerade am Land zu etablieren und zugleich die musikalische Jugend intensiv zu fördern, wird dabei nicht einmal wahrgenommen.
In einem Landstrich wohlgemerkt, in dem Jugend- Kulturarbeit neben Blasmusik, Feuerwehr und katholischer Jugend u.a. vorwiegend aus dem Abhalten von Zeltfesten besteht, Gemeinden und Hobbyvereine ihr nicht vorhandenes Kulturbudget durch Einnahmenteilungen mit Agenturen bei Kabarettabenden lukrieren müssen, oder mit unmotiviert ersonnenen "Kultur"projekten die regionale EU- Förderung anzuzapfen versuchen, damit diese nicht der Agrarabteilung oder gar der Nachbargemeinde zufällt.
Es scheint zum anderen, als würde die Gepflogenheit der 70er weiter fortgesetzt werden, neben den österreichischen Tempeln der Hochkultur quasi als Ausgleich besonders die Hervorbringungen "junger, wilder" Zeitgenossen zu fördern, die dann oft vor 17 Zuhörern exekutiert werden.
Die alten Dogmen bleiben: nur ganz neu ist gut. So wie bei vielen Förderansuchen muss dann auch vornehmlich der Beipacktext stimmen- meist mit dem üblichen Mix aus griechischer Mythologie, Psycho- und Befindlichkeitsgerede, ganz lieb gemeinter Gesellschaftskritik, gern auch unter Verwendung von Holocaustvokabeln, ein wenig Antiamerikanismus, dafür umso mehr an englischen Abkürzungen aus der Welt der globalen Vernetzung.
Ich hab in meiner 35jährigen Laufbahn als Geiger, Kammer- und Orchestermusiker an die 150 zeitgenössische Werke aus der Taufe zu heben geholfen (und werde das auch weiter tun): davon sind wenig Kreationen durch handwerkliches Können, Geist (nicht: Zeitgeist) und Geschmack aufgefallen. (Dabei bilde ich mir ein, meine Wahrnehmungsfähigkeiten entsprechend geschult zu haben, bin ich doch als Linzer und sehr wissbegierig in zahllose einschlägige Veranstaltungen im Brucknerhaus, der Galerie März und auch der ars electronica gegangen, wobei allerdings in den Anfängen der Anteil der Künstler vor dem der Elektronik- Bastler und Amateur- Installateure noch ein wenig überwogen hat).
Fast im reaktionären Eck wähnt man sich, veranstaltet man Kultur- wenn auch mit grandiosen Darstellern und durchdachten Programmen- von etwa 1600 bis zur Moderne: das ist ja praktisch gar nichts.
Es muss entweder nach dem Jänner 2009 oder vor Weihnachten 1109 entstanden sein, um ja nicht nach mainstream zu riechen.
Es muss was Ausgefallenes, Verblüffendes, plakativ "Vernetztes" oder "Interkulturelles", andererseits den Geldgeber nicht direkt Provozierendes oder Abstoßendes sein. Es müssen ausserdem geschäftstüchtige Nischenlückenscouts in den Kreativabteilungen sitzen und mit kindischen Übertiteln in unüblicher Schreibweise und Interpunktion Förderbeirat und Publikum überraschen und überzeugen.
Leider ist den Entscheidungsträgern an den Fördertöpfen in Wien der terminus technicus "niveauvolle Unterhaltung" abhanden gekommen, so, als gäb`s zwischen Ötzi, Rieu etc. und der so genannten Avantgarde rein gar nichts, und Konzertbesucher müssten permanent lernwillig sein oder sich zumindest anstrengen.
Dass regionale Veranstalter auch den regionalen Künstlern, Amateurformationen und vor allem der musikalischen Jugend eine Bühne bieten sollten, ist das etwa nicht innovativ, ist das keine Frage von "networking" und "Nachhaltigkeit"?
Nein, es ist eine Selbstverständlichkeit.
Zum Schluss bleibt noch die Frage, warum man in einem ausgewiesenen Kur- und Wellnessort mit einer Gästeschicht jenseits der 50 ausgerechnet Kinder- und Jugendkultur veranstalten sollte, zudem dieses Genre von vielen anderen Veranstaltern ringsum abgedeckt wird.